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Schauspieler Jochen Busse wird 80 - Henning Venske gratuliert | BR24

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Jochen Busse wird 80. Eine Würdigung seines Kollegen Henning Venske.

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Schauspieler Jochen Busse wird 80 - Henning Venske gratuliert

Busses Wutgesicht und die zornbebende Halsschlagader: legendär. Doch Henning Venske, Busses Mitstreiter an der Lach- und Schießgesellschaft, kennt auch die anderen Seiten des Perfektionisten und Kollegen. Hier würdigt er ihn zu seinem 80. Geburtstag.

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Von
  • Henning Venske

Nein, für das Dezimalsystem ist er nicht verantwortlich, auch wenn er heute 80 wird, der Jochen – und wenn tatsächlich jemand nachfragt: Welcher Jochen?, sage ich nur noch: Busse natürlich! Seit Januar 1985 eine feste Größe in meinem Leben. Kurz zuvor hatte er in dem berühmten Fernsehspiel "Die Wannseekonferenz" einen für die Judenvernichtung mitverantwortlichen Nazi gespielt, Georg Leibbrandt, eiskalt, brutal, bürokratisch, unangenehm faszinierend.

Das war auf der Skala der schauspielerischen Fähigkeiten von Jochen Busse das Optimum, widerwärtig zu erscheinen. Aber so abschreckend, so ohne jeden Charme, ohne Witz und ohne Zuwendung ist er später nie wieder vor sein Publikum getreten.

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Jochen Busse in seiner abschreckendsten Rolle als Nazi Leibbrandt (2. von links)

Auf der Bühne: Meister des Zorns

Danach begann unser gemeinsamer Weg in der Münchner Lach- und Schießgesellschaft: Anfangs holpert es gewaltig. Jochen beherrscht das Gewerbe, Ich bin Lehrling. In einem sind wir uns aber von Anfang an einig. Professionelles Spiel auf der Bühne ist Arbeit. Jochen Busse liebt seine Arbeit, vor allem die Proben. Mit Lust nimmt er jeden Text solange in die Mangel, bis selbst der dümmste Satz sich zumindest in höheren Blödsinn verwandelt – und bis zur letzten Vorstellung feilt er an feinsten Nuancen seiner Rollen. So entstehen dann diese akribisch herausgearbeiteten Busse-Figuren, zwischen tieftraurig-ratlosem Blick und zornbebender Halsschlagader.

Wer ihn je auf der Bühne sah, kennt die Meisterschaft, mit der Jochen Busse sich künstlich aufregt. Zornbebend färbt er sein Gesicht lila, den Hals lässt er anschwellen, den Blick erstarren, die Stimme steigert ihre Intensität, sein Sprechtempo verhindert jeden Versuch, dazwischen zu lachen. Mit einer ungeduldigen Gebärde unterbindet er unziemlich aufkommenden Applaus. Er gönnt sich und dem Publikum kein Luftholen mehr und produziert einen gewaltigen Atemstau, der das Publikum in die Sitze presst, bis der Text in einer jede Zurückhaltung sprengenden Schlusspointe explodiert.

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Bildrechte: BR/Julia Müller

Er gratuliert: Der Kabarettist und Schauspieler Henning Venske, hier bei der Feier von 60 Jahren Lach- und Schießgesellschaft

Busses Motto: Erfolg gibt es nur gemeinsam

Nie, nie würde es dem Protagonisten Busse in den Sinn kommen, Kollegen an die Wand zu spielen. Nie ist er sich zu schade, für die Partner den Reifenhalter zu geben. Er weiß: Erfolg gibt es nur gemeinsam, und nichts ist für Jochen Busse genussvoller, als eine Szene bis in die artistische Improvisation hochzutreiben – dann kann man auch einen glitzernden Blick von ihm auffangen: Macht Spaß, oder?

Sein überragendes Können stellt diesen Jochen Busse als einen Nachfolger des großen Felix Bressart in die erste Reihe der deutschen Komödianten. Er ist heute, nachdem er 60 Jahre an seiner Perfektionierung gearbeitet hat, der unbestrittene König des Boulevardtheaters. Alles andere ist und bleibt privat.

Genussmensch Busse schafft 18 Kugeln Eis

Und wohl dem, der ihn kennt, diesen gebildeten, am Leben interessierten, sehr disziplinierten, aber höchst zivilen Zeitgenossen, diesen liebenswürdigen, belesenen, großzügigen und geschmackssicheren Gesprächspartner, diesen überaus höflichen Herrn, der immer sofort aufsteht, wenn eine Dame sich vom Tisch erhebt, diesen leidenschaftlichen Genießer, der – na gut, ein sommerliches Beispiel:

Die Szene spielt in Pforzheim in einem Straßencafé, Herr Busse bestellt sich einen Freundschaftsbecher, eine Riesenschüssel Eis, zwölf Kugeln mindestens – oder viel mehr. Er löffelt das weg wie nix, und dann trägt er dem verblüfften Ober auf: Bitte bringen Sie mir doch noch einen Nachtisch. Ja, sechs Kugeln Vanilleeis, bitte. Nein, ohne Sahne – ich bin ja nicht maßlos.

Tja, das Ungewöhnliche ist bei diesem erwachsenen Kind das Alltägliche. Lieber Jochen, angesichts der Umstände sollten wir nächstes Jahr deinen Einundachtzigsten so amtlich feiern, als wäre es der Achtzigste. Wir sind ja schließlich nicht vom Dezimalsystem abhängig.

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