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Daher überzeugte der erste Wettlesetag in Klagenfurt eher nicht | BR24

© dpa / picture alliance

Computer statt Kärnten: der Bachmannpreis findet heuer online statt

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Daher überzeugte der erste Wettlesetag in Klagenfurt eher nicht

Dieses Jahr sind die Lesungen voraufgezeichnet beim Bachmann-Wettlesen, im Fernsehen können sich die 14 Autor*innen dann beim eigenen Lesen zuschauen. Das irritiert. Bei der Qualität der Texte ist Luft nach oben, die Jury aber war in Form und stritt.

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"Ich kann es Ihnen versprechen, liebes Publikum, wir werden auch in diesem Bewerb noch Texte erleben, die das 100 Mal besser machen als der Text von der Frau Schutti." Dieses Versprechen gab Juror Klaus Kastberger, als der erste digitale Lesetag auf sein Ende zuging, sich das große Staunen aber – zumindest literarisch – noch nicht eingestellt hatte. Auch nicht während der Lesung von Carolina Schutti, die in ihrem Text das Innenleben einer Frau seziert. Mit einem feinen Blick für die kleinen Momente schildert Schutti, wie eine Frau die Kontrolle über Leben und Sprache verliert und wie sich so ein Alltag im Nebel anfühlt. Einmal zum Beispiel entdeckt die Protagonistin eine Scherbe, winzig klein, und hebt sie auf: "Ich nehme sie zwischen die Finger, stelle den Spitz auf meine Handfläche. Die Scherbe ließe sich ohne Weiteres in die Haut bohren, darin versenken, vielleicht käme nicht einmal Blut, vielleicht trüge ich dann das Verbotene für immer unter der Haut, ein Glassplitter, der nur mir gehört, an dessen scharfen Kanten sich das Sonnenlicht gebrochen hat: rotgelbgrünblauviolett. Oder: rotorangegelbgrünblauviolett. Oder: rotorangegelbgrünblauindigoviolett. Oderrotorangegelbtürkisblaulila."

© Herbert Neubauer / dpa / picture alliance

Die Schriftstellerin Carolina Schutti

Zu forciert, zu langsam ging das alles für Juror Klaus Kastberger. Dennoch: Wie Schutti eine Sprache für den Schmerz findet, wie sie während der Lesung in einen Rhythmus kommt, all das war durchaus gelungen. Das sah auch Jurorin Insa Wilke. Wie so oft war sie diejenige, die mit großer Offenheit und Präzision die Lesung kommentierte, Stärken und Schwächen herausarbeitete. Aber gerade ihre Lust, verschiedene Lesarten zu testen, literarische und philosophische Einflüsse herauszuarbeiten, ärgerte den neuen Jury-Kollegen Philipp Tingler. Der gab sich betont unakademisch und hatte schnell genug von verschiedenen Reflexionsebenen: "Ich will hier Textarbeit betreiben und nicht die zehnte Reflexions- und Abstraktionsebene hören, das ist ein total konventionelles Textmodell mit rezeptartigen Zutaten, das in gewissen Kontexten wie offenbar dem, wo wir hier sitzen, super Chancen hat, weil es auf Ohren trifft, die Kunst erwarten."

Eine engagierte Jury und schwache Texte

Schon zuvor hatte Tingler von einer hermetischen, abgeschotteten Prosa gesprochen, die für gewisse Abteilungen des Feuilletons vielleicht interessant sei, aber nicht für ihn. Überraschend klar konterte Juryvorsitzender Hubert Winkels: "Das Konventionelle scheint mir jetzt, nach einigen Redebeiträgen darin zu liegen, dass Herr Tingler einen Begriff hat von Feuilleton, von Kultur, von Verschwommenheit, Verkopftheit, von Referenzen und irgendeinem intellektuellen Wahnsinn, der sich kapselhaft verselbständigt hat und die schöne Unterhaltungswelt dominiert."

Begonnen hatte der Streit über die Literaturkritik, über zu rätselhafte oder zu einfache Literatur gleich nach der ersten Lesung. Jasmin Ramadan eröffnete den Wettbewerb mit einem Text über Vierzigjährige, vertrackte Beziehungen, über Menschen zwischen Narzissmus und Genügsamkeit. Gut gebaute Parodie oder allzu schlichtes Psychogramm, das war nicht zu klären, auch die Autorin selbst verriet während der Sendung nichts. Dabei wäre das möglich: Die Lesungen sind zwar voraufgezeichnet, aber die Lesenden zusätzlich live zugeschaltet – während der eigenen Lesung und der anschließenden Diskussion. Jasmin Ramadan verriet im Interview nach der Lesung: "Das war merkwürdig, ich saß ja auch vor dem Tablet und habe die Juroren gesehen, hatte aber nicht die Fernsehansicht, wusste also auch nicht, wann ich eingeblendet werde. Hinterher habe ich dann gesehen, irgendwer hat bei Twitter gepostet, es sei eine absurde Situation zu sehen, die Autorin zu sehen, wie sie sich selbst bei ihrer Lesung zusieht. Das zum Beispiel war mir gar nicht klar."

Themen von Politik bis Cyborg

Schon der erste Tag zeigt die Bandbreite der Formen, aber auch der Themen der Autoren: künstliche Intelligenz und ihre Wirkung auf Kreativität und Kriegsführung, europäische Politik und Erinnerungspolitik, eine Fantasiewelt auf den Spuren von Computerspielen und Cyborgs. Letztere entwarf Lisa Krusche in ihrer Erzählung. "Was lebt hier, Plankton vielleicht, oder auch, das würde Camille gefallen, Seeanemonen und fluoreszierende Seeschmetterlinge, migriert und mutiert und jetzt dabei, dieses Becken in Beschlag zu nehmen, in dem mal Gruppen alter Menschen mit weißen Badehauben auf- und abhüpften, Schwimmnudeln zwischen den Beinen. Judith streckte die Hände aus. Wenn man doch mit den Tieren unter Wasser über Schallwellen kommunizieren könnte, gelbe Augen und unendlich viel Kraft hätte."

Literarisch darf der Wettbewerb heute, am zweiten Lesungstag, bitte noch Fahrt aufnehmen, gerade weil die gute Nachricht ist: Vom fehlenden Glitzern des Wörthersees einmal abgesehen, funktioniert das Format auch online: Die Technik hält, die Hintergründe von Jury und Lesenden sind – gewollt oder nicht – durchaus unterhaltsam und die Jury trotz aller Distanz: hellwach und engagiert beim Streiten!

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