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Junge Menschen in Pandemiezeiten - eher Angst vor Kapitalismus als vor Corona.

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    Forscher zur Jugend in Corona-Krise: "Vernünftige Generation"

    Nach einer Studie plagt junge Menschen weniger die Angst vor Corona - aber sie haben Zukunftssorgen. Die junge Generation wünsche sich Sicherheit. Ein Interview von Joana Ortmann mit dem Jugendforscher und Studienautor Bernhard Heinzlmaier.

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    Von
    • Joana Ortmann

    "Die Impotenz der Macht ist sichtbar geworden“ - so abstrakt und doch klar tritt ein Ergebnis einer großen Jugendwerte-Studie zutage. Menschen zwischen 16 und 29 wurden online in Deutschland und Österreich zu ihrem Leben während der Corona-Pandemie befragt. Studienautor ist Professor Bernhard Heinzlmaier, Mitbegründer des Instituts für Jugendkultur, Forschung und Leiter der Marktforschungs-Agentur T-Factory in Hamburg. Joana Ortmann hat mit ihm gesprochen.

    Joana Ortmann: Professor Heinzlmaier, Sie zitieren angesichts der Ergebnisse den Philosophen Slavoj Žižek: "Die Impotenz der Macht ist allen nun sichtbar geworden.“ Inwiefern spiegelt sich das in der Jugendwerks-Studie wieder?

    Bernhard Heinzlmaier: Wir haben in der Jugendwerte-Studie sehr deutlich gesehen, dass es durchaus zulässig ist, von einer Repräsentationskrise der Politik zu sprechen. Die deutschen und österreichischen Jugendlichen haben im hohen Ausmaß das Vertrauen in die Politik, in die Regierung, in den Staat generell verloren. Wenn ich nur ein paar Zahlen nennen darf: In Österreich vertrauen gerade mal 35 Prozent der Bundesregierung. In Deutschland sind es immerhin noch 50 Prozent. In Österreich vertrauen gerade mal 37 Prozent dem Parlament, in Deutschland sind es noch 45,5 Prozent. Der Opposition vertraut überhaupt nur mehr ein Drittel der jungen Menschen. Großes Vertrauen hingegen gibt es ins Gesundheitssystem. Daran sieht man zumindest, dass es doch noch Einrichtungen gibt, bei denen das Vertrauen noch besteht.

    Wie bewerten Sie diesen Vertrauensverlust? Hat das damit zu tun, dass Jugendliche vielleicht von der Politik nicht richtig wahrgenommen werden in dieser Krise? Vielleicht aufgrund der Tatsache, dass sie anders auf Corona reagieren als ältere Menschen?

    Genau das trifft zu. Die jungen Menschen haben den Eindruck, dass sich die Politik nicht mehr um sie kümmert. Sowohl in Deutschland als auch in Österreich sagen 70 Prozent, dass die Politik nicht auf die jungen Menschen hört, und eine Partizipation in diesem Staat weder gewollt noch möglich ist. Das Zweite ist, dass die Politik einfach keine klare Kommunikation zustande gebracht hat und nicht in der Lage war, sich auf eine Art zu vermitteln, die junge Menschen annehmen und verstehen können.

    Ein weiteres Ergebnis ihrer Studie ist, dass junge Menschen weniger Angst vor dem Coronavirus haben als vor ihrer Zukunft.

    Das hängt vor allem damit zusammen, dass sie heute gut gebildet und ausgebildet sind und Statistiken lesen können. Sie wissen, dass bei den unter 30-Jährigen kaum Menschen an dieser Krankheit gestorben sind, außer sie hatten wirklich schwere Vorerkrankungen. Deswegen haben sie vor der Krankheit keine Angst. Was sie aber ängstigt, ist die Gefährdung, der die Eltern ausgesetzt sind, der die Großeltern ausgesetzt sind. Man ist sehr empathisch den alten Menschen gegenüber, die ja tatsächlich überwiegend die Opfer dieser Krankheit sind.

    In Deutschland läuft gerade eine interessante Petition gegen Lobbyismus, angestoßen vom Jugendrat der Generationen Stiftung. Darin kommt ganz klar zur Geltung, dass die jüngere Generation ihre Werte nicht gespiegelt sieht, sich also zum Beispiel dagegen verwahrt, dass "Zombie-Unternehmen" wie Karstadt oder TUI gefördert werden. Das ist ja nochmal eine andere Dimension, oder?

    Ja, aber auf Basis unserer Daten ist es den jungen Menschen eher egal, ob Karstadt gefördert wird oder nicht. Was wir sehen ist, dass wir es vor allem bei den unter 30-Jährigen mit einem neuen Konservatismus zu tun haben. Sie wollen wieder vertrauensvolle Gemeinschaft erleben. Was junge Menschen sehr skeptisch sehen, das ist genau diese Welt der Wirtschaft, von der Sie jetzt gesprochen haben, in der nur Wettbewerb und Konkurrenz zählen. Bei den vermeintlichen "Zombie-Unternehmen“ sind Menschen, die Arbeit haben und von Arbeitslosigkeit bedroht sind. Und mit diesen Leuten haben die jungen Menschen Mitleid.

    Das ist ein ganz interessantes Ergebnis, denn es könnte natürlich sein, dass hinter dieser Petition eine sehr gut gebildete Schicht an jungen Leuten steckt - und in ihrer Studie sind ja auch mittlere und untere Schichten einbezogen. Da stellen sich die Fragen nochmal ganz anders, auch in puncto Vertrauensverlust in die Demokratie.

    Genau das sehen wir immer wieder. Die Öffentlichkeit und der öffentliche Diskurs werden heute von meinungsstarken Mikro-Gruppen dominiert, die gesellschaftliche Mitte und die unteren Sozialschichten werden nicht mehr gehört. Genau das beklagt die Jugend. Zu 70 Prozent sagen sie: Wir werden nicht mehr gehört. Sie sind etwa stolz darauf, Deutsche zu sein. Wichtig sind ihnen Ordnung, Sicherheit und Familie. Und das Leben in einer solidarischen Gemeinschaft, wo einer dem anderen zur Verfügung steht und hilft. Das sind die großen Trends unserer Zeit. Und was wir überhaupt nicht sehen, ist, dass sich die jungen Menschen mehr Konkurrenz, mehr Wettbewerb und mehr Kapitalismus wünschen.

    Wie bewerten Sie das? Was macht das mit einer jungen Generation, die in dieser Haltung heranwächst und erwachsen wird?

    Ich glaube, das ist eine sehr vernünftige Generation, weil die auch Konsequenzen aus den Katastrophen sehen, die uns der schrankenlose Wettbewerb und der neoliberale Kapitalismus in den letzten 20, 30 Jahren beschert hat. Wir haben eine Börsenkrise und eine Immobilienkrise erlebt, jetzt eine Pandemie, durch die wir schwer durchkommen. In unseren Daten bildet sich gerade so etwas wie ein retro-utopisches Bewusstsein aus. Die jungen Menschen haben mehrheitlich Angst vor der Zukunft. Stichwort digitaler Kapitalismus, Gig Economy. Das alles macht Angst. Man wünscht sich die Vergangenheit zurück, in der man Halt gefunden hat und das Leben noch in Ordnung war.

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