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Jung sind wir selbst: In Weimar tanzt der "Urfaust" Samba | BR24

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Der junge Goethe wurde durch den Prozess gegen eine Kindermörderin zum "Faust" inspiriert - die recht leidenschaftliche Urfassung war jetzt in Weimar zu sehen, mit Ballermann-Einlage und Videokonferenz in den Himmel. Das war kurzweilig und rasant.

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Jung sind wir selbst: In Weimar tanzt der "Urfaust" Samba

Der junge Goethe wurde durch den Prozess gegen eine Kindermörderin zum "Faust" inspiriert - die recht leidenschaftliche Urfassung war jetzt in Weimar zu sehen, mit Ballermann-Einlage und Videokonferenz in den Himmel. Das war kurzweilig und rasant.

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Wenn Goethe jemals bis Malle gekommen wäre oder gar bis Rio, wer weiß, ob er am Ballermann oder der Copacabana nicht einen ganz anderen "Faust" geschrieben hätte. Aber auch der, der jetzt in Weimar zu sehen war, hatte schon ziemlich viel Samba, und das mit recht. Die allererste Version seines berühmtesten Dramas, den "Urfaust", schrieb der Dichter nämlich mit 23, da war er noch wild bewegter Stürmer und Dränger, voller Leidenschaft, frech und unbekümmert und konnte längst noch nicht ahnen, dass ihn der Stoff ein langes Leben lang verfolgen würde.

Kein Hexentanz auf dem Brocken

Zum Beispiel kam er noch nicht auf die Idee, seinen Faust in die Hexenküche zu schicken, um ihn dort zu verjüngen, denn jung sein war für Goethe selbstverständlich, und alle seine Helden waren es selbstredend damals ebenfalls. Auch die Walpurgnisnacht, der große Hexentanz auf dem Brocken, spielte noch keine Rolle, Goethe machte noch im wirklichen Leben Party und musste sich keine vorstellen.

© Candy Welz/DNT Weimar

Faust will es wissen

Regisseur Tobias Wellemeyer, gebürtiger Dresdener und lange Zeit Chef des Potsdamer Hans-Otto-Theaters, gelang in Weimar ein flotter, schwungvoller, kurzweiliger und überraschend mediterraner "Urfaust", der ganz ohne die Bildungshuberei und den abgeklärten Weltschmerz der Klassik auskam. Stattdessen verlegte er "Auerbachs Keller" von Leipzig in eine spanische Fußball-Bar, ließ den Wein mindestens so vulgär über die Gäste verteilen wie aus dem Sangria-Eimer, machte Faust zum schwer genervten Chefarzt und Gretchen zu einer Novizin in einem ziemlichen fröhlichen Konvent.

Vermüllter Friedhof

Das hatte Elan, ja streckenweise Copacabana-Atmosphäre samt "Besame mucho" (Küss mich fest), war nie langweilig oder gar langatmig und kam mit wenig Platz aus: Gespielt wurde auf dem abgedeckten Orchestergraben. Gleichwohl gab es große, beeindruckende Bilder, denn aus dem Nebel und der Nacht auf der Hauptbühne schoben sich immer wieder neue Schauplätze nach vorn: Eine einsame Bushaltestelle, ein abgeranzter Nachtclub, ein vermüllter Friedhof, weiß gekachelte Werkstätten, ein Altar aus Pappkarton.

© Candy Welz/DNT Weimar

Große Wäsche: Gretchen und Faust

Ausstatter Harald Thor ließ den Boden mit Gartenerde bedecken, dem Humus, aus dem wir alle gemacht sind, und gleich am Anfang öffnete sich ein Grab, das auch bis zum Ende nicht mehr verschlossen wurde. Da klaffte der Eingang zur Geisterwelt, der Abgang ins Ungewisse.

Experimente verbieten sich

Klar, in Weimar ist der "Faust" der Spielplan-Hit, da reisen die Deutschlehrer an, schleppen vielleicht sogar ihre Schüler mit, da treffen sich Bildungsbürger aus allen Ecken Deutschlands, auch solche, die ihren Goethe auswendig können. Beim "Faust" ist das Deutsche Nationaltheater zuverlässig voll, was sonst nicht immer der Fall ist - Experimente, die das Publikum verscheuchen, verbieten sich also.

© Candy Welz/DNT Weimar

Schlimme Folgen

Dieser "Urfaust", der um einige wenige Passagen aus der späteren Endfassung angereichert wurde, wird mit seinen gut zweieinhalb Stunden sicherlich die allermeisten Zuschauer überzeugen, auch die, die mehr aus Pflichtgefühl reingehen, weil sie gerade in Weimar sind, und dann überrascht sein werden, wie unterhaltsam der junge Goethe war.

Mephisto als ernsthafte Domina

Marcus Horn ist als Faust eher ein Arzt mit Burn-Out als ein Philosoph mit Selbstmordgedanken. Wenig intellektuell, dafür lebensfrisch, neugierig, idealistisch, durchaus ungewöhnlich für diese Rolle. Anna Windmüller als Mephisto ist eine recht ernsthafte Domina in Stiefletten und hautengem Kunstleder-Outfit, noch nicht so sarkastisch, aber auch nicht so ironisch, wie der Teufel von Goethe später porträtiert wurde. Rosa Falkenhagen, die gerade in München ihren Abschluss an der Otto-Falckenberg-Schule gemacht hat, spielt Margarethe mit selten zu erlebender Glaubwürdigkeit, eben gerade nicht als naives Dummchen, als Landei oder Provinznudel, sondern hingerissen von der wahren, nämlich der ersten und einzigen Liebe.

© Candy Welz/DNT Weimar

In Marthe Schwerdtleins Frisiersalon

Auch, wenn in diesem "Urfaust" die Wette zwischen Gott und Teufel ebenso fehlt wie das Vorspiel auf dem Theater, metaphysisches Spektakel genug gab es, sogar eine Videokonferenz zu Jesus und eine Art Samba-Einlage mit Federboas und reichlich Pailletten, wobei die Disco-Kugel allerdings nur das Symbol für seichte Vergnügungen war und nicht wirklich zum Einsatz kam. Der junge Goethe gönnte seinem "Urfaust" übrigens kein Happy End, da wird Margarethe schlicht "gerichtet", nicht "gerettet". Der Dichter hatte ja gerade erst selbst miterlebt, wie eine Kindermörderin zu Tode kam. Wie´s in Weimar ausgeht, wird hier nicht verraten, doch so viel ist klar: Der Teufel holt schon mal den Wagen.

Wieder am 13. und 26. Oktober, sowie 2. und 14. November am Deutschen Nationaltheater (DNT) Weimar, weitere Termine.

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