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Juli Zeh
© Peter von Felbert

Autoren

Niels Beintker
© Peter von Felbert

Juli Zeh

Die Wand, die sich vor Henning erhebt, ist gewaltig. Er sitzt auf dem Rad, am ersten Tag des Jahres 2018, will vom Ferienquartier seiner Familie auf Lanzarote hinaus zu einem Bergdorf fahren. Und er treibt sich fortwährend an, mit den Worten: "Erster-Erster" – ein Leitmotiv im neuen Roman von Juli Zeh. Der Höhenunterschied von 500 Metern klingt durchaus fordernd, vielleicht aber nicht unbedingt nach einer Tortur. Doch genau die erlebt Henning bei seiner selbst verordneten Neujahrs-Ausfahrt, einer kleinen Flucht vor seiner Frau und den beiden kleinen Kindern. Das übrigens nicht, weil das gemietete Fahrrad zu schwer und die Kleidung nicht die richtige für einen derartigen Ausflug ist. In "Neujahr" erzählt Juli Zeh von einem Familienvater, der mit den eigenen Erwartungen nicht ganz zurechtkommt.

"In Wahrheit ist er schon zu sehr daran gewöhnt, seine Zeit mit den Kindern zu verbringen. So sehr ihn die Kleinen oft anstrengen und nerven - allein weiß er nichts mehr mit sich anzufangen. Zu viele Dinge hat er schon zu lange nicht mehr getan. Radfahren, Lesen, Musik hören, Freunde treffen. Aber im kommenden Jahr soll das anders werden." Aus 'Neujahr'

Der Plot von "Neujahr" wirkt wie ein Kammerspiel. Das verbindet ihn mit anderen Büchern von Juli Zeh. Zum Beispiel mit "Nullzeit", einem Roman, der ebenfalls auf Lanzarote spielt und sein Personal in die Tiefe des Meeres führt. In "Neujahr" nun folgt die Erzählerfigur Henning Meter um Meter in die Höhe, lässt ihn zurückblicken auf das eigene Leben und die Rolle als Vater und Partner. Er reflektiert über ungestillte Bedürfnisse, ebenso über Verletzungen und – tiefes – inneres Leid.

Ein eminent politischer Roman

Juli Zeh, die immer wieder große politische und gesellschaftliche Fragen ins Zentrum ihrer Prosa stellt, konzentriert sich in ihrer mehr und mehr düsteren Neujahrsgeschichte auffällig auf das Private. Das ist – im Sinn dieser Autorin – natürlich eminent politisch. Die Entschlüsselung dieser versteckt entfalteten Dialektik ist durchaus reizvoll: "Man wird sehr oft gefragt als Autor heutzutage, ob man eine Pflicht sieht in der Autorenschaft zur politischen Äußerung, weil eben das aus der Mode geraten ist. Ich fühle mich keineswegs verpflichtet. Literatur beinhaltet nicht die Verpflichtung zum politisch Sein. Aber ich bringe das politische Denken von meiner Persönlichkeit her mit", sagt Juli Zeh.

Mit der Innenschau eines gelegentlich überforderten und allzu oft leidenden Vaters ist es freilich nicht getan. Für ein Juli-Zeh-Buch wäre das viel zu langweilig. Der Rad-Trip in die Höhe wird zum Roadtrip in eine verborgene Hölle: Eher zufällig und doch unweigerlich, wie in den Konstellationen einer Tragödie, offenbart sich eine schreckliche, unheilvolle Tiefe. Und genau da kommt die eigentliche, die unsichtbare Wand ins Spiel. Sie führt zu einer weiteren Familiengeschichte: Juli Zehs zweifelnder und ver-zweifelnder Vater – wenn er nicht Ferien macht, ist er Sachbuchlektor in Göttingen – wird auf einmal mit verdrängten und zugleich existentiellen Erinnerungen aus der eigenen Kindheit konfrontiert.

Zwischen Erinnern und Vergessen

Zur Dialektik des Privaten und des Politischen kommt eine zweite, ungleich wichtigere: die Dialektik von Erinnern und Vergessen. Und auch sie wird verpackt in eine Romanhandlung, die mehr und mehr Elemente eines Thrillers annimmt. Lange weiß man nicht, wie diese Geschichte in der Geschichte ausgehen wird. Sie bleibt im Grunde auch über das Buch hinaus offen.

Juli Zehs Roman "Neujahr" ist im Sinne der Handlungs-Ökonomie perfekt gebaut. Die Nabe schnurrt reibungslos, anders als die von Hennings Fahrrad: Man will lesend ohne Unterlass in die Höhe steigen, Juli Zehs oft so klaren, schnörkellosen, gelegentlich auch ironischen Sätzen folgend. Das aber ist auch die Crux dieser Geschichte, die so vieles sein will: ein Roman über familiären Schmerz, über Eltern, die versagen, über Erinnerung, Vergessen und verborgene Traumata, das alles im Gefäß einer rasant und spannungsvoll erzählten Handlung. Etliches bleibt infolge dieser Anordnung seltsam blass, nur angeschnitten: eine Figur wie Hennings Frau Theresa, ebenso seine kleine Schwester Juno. Und anderes wiederum wirkt konstruiert. Die Wand, die sich in "Neujahr" erhebt, ist gewaltig. Der "Aufstieg" mit dem Roman von Juli Zeh verlangt zeitweise viel Kraft.

"Neujahr" von Juli Zeh ist im Luchterhand Verlag erschienen.

Autoren

Niels Beintker

Sendung

kulturWelt vom 10.09.2018 - 08:30 Uhr