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Jüdische Friedhöfe: Ein Ort für die Ewigkeit | BR24

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Der Alte Israelitische Friedhof in München mit dem Grabmal von Dramatiker Michael Beer.

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Jüdische Friedhöfe: Ein Ort für die Ewigkeit

Auf einem jüdischen Friedhof ehrt man die Toten nicht mit Kerzen und Blumen, sondern mit Steinen und einem Besuch. Ansonsten bestimmt die Natur den Ort. Denn jüdische Friedhöfe werden nicht aufgelassen, sondern bleiben für die Ewigkeit.

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Von
  • Jutta Neupert

In der Thalkirchner Straße 240 in München liegt hinter einer roten Backsteinmauer der Alte Israelitische Friedhof. Sein Tor ist verschlossen. Nur selten kommen Gäste. Manchmal besuchen Angehörige die Gräber ihrer Familien, manchmal können Interessierte an einer der seltenen Führungen durch den Friedhof teilnehmen. Bis heute legen hier die Grabsteine Zeugnis vom jüdischen Leben in München ab.

Grabsteine erzählen von der jüdischen Geschichte Münchens

Seit 1816 werden Menschen in München-Thalkirchen bestattet In Sektion 11 finden Besucher die ältesten Grabsteine, wie den des Rabbiners Hirsch Aub. Aubs Zeitgenossen würdigten den Verstorbenen für sein maßvolles Handeln, mit dem er die kurz vor seinem Amtsantritt gegründete Israelitische Kultusgemeinde Münchens über einen Zeitraum von fast 45 Jahren führte. Der bayerische König Ludwig II. verlieh dem hochgeachteten Rabbiner das Ritterkreuz 1. Klasse.

Auch der Dramatiker Michael Beer hat hier seine Heimstatt gefunden. Er starb jung, wurde nur 32 Jahre alt. Besonders sein Trauerspiel "Der Paria", als Schmerzensschrei über die Pariastellung des Judentums empfunden, beeindruckte auch Goethe. Sein Grabmal - von Leo von Klenze entworfen - ist imposant: Auf einem beachtlichen Fundament thronen vier Säulen, die den Sarg tragen.

Mit der Zeit zersetzen Sonne, Wind, Regen und Schnee die Grabsteine, Moose und Flechten ergreifen von ihnen Besitz und die Wurzeln von Bäumen heben sie aus ihrer Verankerung. Steine, die keinem Grab mehr zugeordnet werden können, weil ihre Schrift verwittert ist, weil sie ein Baum zum Einsturz brachte, verbleiben dennoch auf dem Friedhof. Jüdische Gräber werden nicht aufgelassen. Sie verbleiben bis zur Ewigkeit. Alles auf dem Gottesacker gehört den Toten.

Naziregime gab jüdische Friedhöfe zur Plünderung frei

In der Nazi-Zeit wurde der Alte Israelitische Friedhof zur Plünderung freigegeben. Viele Grabsteine wurden gestohlen und auf christlichen Friedhöfen aufgestellt. Noch heute trägt beispielsweise der Grabstein von Siegfried Springer ein in den marmornen Obelisken geschlagenes christliches Kreuz. Allerdings führte das Ehepaar Angermeier, das die Friedhofsverwaltung während der Nazi-Zeit innehatte, heimlich eine Liste über die Diebstähle. Dadurch konnten nach dem Krieg wenigstens einige Steine wieder zurückgebracht werden. Die Angermeiers, beide Katholiken, standen im Visier der Gestapo und schützten dennoch den Friedhof so gut sie konnten vor Verwahrlosung. Sie versorgten Jüdinnen und Juden mit Lebensmitteln und verwahrten auch deren Wertgegenstände.

Am Eingang des Friedhofs erinnert ein Denkmal an die neun von Nationalsozialisten ermordeten Juden, die hier bestattet wurden wie Bernhard Haas. Während des Reichspogroms 1938 verhaftet und in das Konzentrationslager Dachau verschleppt, erlag er dort drei Wochen später mit 67 Jahren den Torturen, denen er ausgesetzt war. Seine Ehefrau Dora bestattete seinen Leichnam. Die Nationalsozilisten "arisierten" ihren ganzen Besitz. Sohn Erich musste das Unrecht mit erleiden. 2003 wurde er als einer der letzten auf dem Friedhof neben den Gräbern seiner Eltern bestattet.

Neuer israelitischer Friedhof in der Garchinger Straße

Auch auf dem neuen Israelitischen Friedhof in der Garchinger Straße 37 in München, der seit 1908 die Verstorbenen aufnimmt, wüteten die Nazis. Abermals widersetzte sich ein Ehepaar, das den Friedhof verwaltete, dem Terror. Karl und Katharina Schörghofer retteten Jüdinnen und Juden vor dem Holocaust und wurden dafür 1968 von der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem als Gerechte unter den Völkern ausgezeichnet. Am Taharahaus, dem Haus, in dem die Leichenwaschung an verstorbenen Juden durchgeführt wird, erinnert eine Tafel an Karl Schörghofer.

Die Grabsteine erzählen viel von der jüdischen Geschichte Münchens im 20. Jahrhundert. 2016 wird hier Max Mannheimer begraben, der vier Konzentrationslager überlebt hat. 1943 ermordeten die Nazis seine Familie und seine junge Ehefrau Eva im Konzentrationslager Auschwitz. Auf seinem Grabstein sind auch ihre Namen aufgeführt. Nur er und ein Bruder überleben den Holocaust. Lange schweigt er über das Unrecht, das er durch die NS-Herrschaft erleiden musste. In den 1980er Jahren beginnt er als Zeitzeuge zu sprechen. Zehntausenden erzählt er so seine Geschichte, stellt sich geduldig ihren Fragen. Er mischt sich politisch ein und warnt vor (neo-)nazistischer Gefahr. Vor allem das Gespräch mit Jugendlichen sucht er: "Ich erkläre ihnen, dass sie nicht die Verantwortung dafür tragen, was geschehen ist, wohl aber dafür, dass es nicht wieder geschieht."

Mehr zum Thema "Jüdisches Leben in Bayern" in STATIONEN am Mittwoch, 13.1.21 um 19 Uhr im BR-Fernsehen und in der BR-Mediathek.

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