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"Wer hat uns gesagt, dass wir erfolgreich sein müssen?" | BR24

© Bayern2 Diwan

Gespräch mit der Autorin Judith Kuckart über ihren neunten Roman "Kein Sturm, nur Wetter"

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"Wer hat uns gesagt, dass wir erfolgreich sein müssen?"

Dreimal verliebt sich die Protagonistin in Judith Kuckarts Roman "Kein Sturm, nur Wetter". Jedes Mal ist der Mann 36, sie selbst wird älter. Eine Frau mit dem Mut, ihren Fantasien zu folgen – für Kuckart auch ein Weg, aus dem System auszusteigen.

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Wieder sitzt sie am Flughafen in Tegel, wieder wird sie in keinen Flieger steigen, sondern sich ein kleines Pils kaufen und anderen beim Einsteigen, Aussteigen, Umsteigen zusehen. Wieder einmal wird sie mit einem Mann ins Gespräch kommen, der – anders als sie – ein Ziel hat: Sibirien heißt das Ziel, Robert Sturm der Mann und die namenlose Protagonistin verliebt sich sofort in den deutlich jüngeren Reisenden. Also stibitzt sie eine Visitenkarte aus seinem Portemonnaie und steht eine Woche später, am Tag seines Rückflugs, wieder am Flughafen. Die Leserinnen und Leser begleiten sie durch diese Woche und blicken mit ihr auf ihr Leben zurück: Denn die Begegnung mit dem jungen Mann lässt Erinnerungen an alte Beziehungen und vergangene Entscheidungen hochkommen. Marie Schoeß hat mit der Autorin Judith Kuckart über ihren Roman "Kein Sturm, nur Wetter" gesprochen.

Marie Schoeß: Wir lernen die Protagonistin auf dem Flughafen Tegel kennen, als sie wieder einmal ohne Ziel, ohne bevorstehende Reise also, in der Halle sitzt und ihr kleines Pils trinkt. Und dann lesen wir, es gäbe "eine Art Ereignislosigkeit, die der Meditation ähnelt". Erzählt das auch etwas über das Verfahren, das spezifische Interesse des Romans – einer äußeren Ereignislosigkeit nachzuspüren und zu beobachten, was sie im Inneren auslöst?

Judith Kuckart: Diese äußere Ereignislosigkeit ist wie ein Grundton in der Musik, ein Basston, der so durchgeht. Und durch diese horizontale Bewegung kann die Protagonistin auch vertikal eintauchen in das, was gewesen ist, oder auch in das, was sie sich wünscht und was sie gerne hätte.

In meiner Vorstellung ist sie ja eine sehr starke Frau und deswegen – obwohl sie im Leben nach den gängigen Standards eine Versagerin ist – können die Wünsche, die sie hat, auch potenzielle Handlung sein. Sonst würde sie sich ja gar nicht trauen, was sie macht: Mit Anfang 50 am Flughafen Tegel einen Mann kennenlernen, der mal wieder 36 ist, wie alle Männer in ihrem Leben, und eine Woche abwarten – wer liebt, wartet. Die eine Woche also abzuwarten und dann, weil sie weiß, wann er, dieser Ingenieur, aus Moskau zurückkommt, ans Gate zu gehen und zu warten, dass er da wieder rauskommt. Das ist total mutig. Und ich glaube, diese Kraft hat man eigentlich nur, wenn man auch dieses andere Moment, die Ereignislosigkeit, akzeptieren und gucken kann, wer man dann eigentlich so ist.

Reden wir über die Protagonistin: Das ist eine mittlerweile nicht mehr ganz junge Frau, Naturwissenschaftlerin, und ein Leser erlebt oder erinnert sich mit ihr an die drei Männer ihres Lebens. Die Konstante: Jeder dieser Männer ist beim Kennenlernen 36, gleichgültig wie alt sie selbst ist. Was steckt in der 36, was die Protagonistin als Medizinerin vielleicht gar nicht anders ausdrücken oder denken kann als in Form der Zahl?

Da steckt zum einen drin, was uns allen passiert, dass man immer wieder die gleichen Fehler oder die gleichen richtigen Sachen macht. Und dann, dass 36 wirklich ein Alter ist, das noch ganz viel Versprechen in sich hat, gleichzeitig aber auch schon Erfahrung mit sich bringt. Hölderlin hätte gesagt: die Hälfte des Lebens. Keiner wird aufhören, einen jung zu nennen, wenn man 36 ist. Aber man selber hört gerade wirklich damit auf, sich noch jung zu nennen. Das ist so eine ganz schöne Trennlinie. Und ich glaube, das mag die Protagonistin gern. Außerdem: Wenn man drei und sechs addiert, kommt man auf neun, und das ist mein neunter Roman.

Ah, darauf bin ich noch nicht gekommen.

Ich bin auch nicht darauf gekommen, es hat mir jemand anderer gesagt. Auf ganz viele Sachen kommt man ja gar nicht, aber das ist wirklich der neunte Roman. Und dann hat er noch angefügt: Ganz viele Komponisten sind gestorben, während sie ihre neunte Symphonie geschrieben haben. Aber ich hab den Roman ja schon fertig!

Das sind die Momente, wo die Bücher schlauer sind und mehr wissen als man selbst...

So ist es. Aber das sind die schönen Momente, das sind doch diese Momente, warum man überhaupt schreibt: Nicht um die Aussagen nochmal zu formulieren, die man schon lange fertig hatte, oder um noch einmal in schöne poetische Bilder zu kleiden, was man eh schon weiß, sondern wirklich die Momente, wo man sich selber auch richtig überrascht. Das ist ja im Grunde für mich das Suchtmoment beim Schreiben.

Dieser Roman thematisiert ja auch immer wieder die Frage, warum man eigentlich erzählt. War es für Sie also auch der Versuch, sich darüber klar zu werden, welche Momente es eigentlich sind, die zum Erzählen treiben?

Ja, und zwar nicht auf dieser Ebene, die es ja auch häufiger gibt: das berühmte leere weiße Blatt. Aber es gibt so viele Situationen im Leben, in denen man anfängt zu erzählen. Und ich bin jemand, der durch die Familie aus so einer Erzählkultur kommt, wobei die Kultur einfach war, dass meine Großmutter sehr viel erzählt hat, dass mein Vater sehr viel erzählt hat. Das war ein Erzählen aus einem sehr persönlichen Moment heraus – also kein Erzählen der deutschen Geschichte, sondern aus einem sehr persönlichen Moment heraus, der dann auch gespickt war mit ganz vielen Bildern, die mir immer im Kopf geblieben sind, Bilder, die ich auch gar nicht verstanden habe. Und dieses Erzählen hat mir, glaube ich, ganz früh versprochen – das weiß ich aber auch erst im Nachhinein –, dass im Erzählen jede Katastrophe einen Sinn bekommt. Und das finde ich total wichtig.

© Dumont Verlag/Montage BR

"Kein Sturm, nur Wetter" - der neue Roman von Judith Kuckart

Noch einmal zur Protagonistin: Sie haben schon von ihr als "Versagerin im Leben" gesprochen, in der einen oder anderen Besprechung habe ich gelesen, wie glücklos diese Frau sei. Beruflich unter den Möglichkeiten, privat allein – und das stimmt natürlich alles. Gleichzeitig habe ich sie im Buch nicht als einfach glücklos empfunden. Das beginnt für mich schon mit vermeintlichen Kleinigkeiten: Zum Beispiel lehrt sie einer dieser Männer, die Dinge reden zu hören, deren Geschichte zu fantasieren. Das führt zu sehr berührenden Passagen, in denen diese Medizinerin den Dingen und ihrer Poesie nachspürt. Und an diesen Stellen dachte ich mir: Was für eine glückliche Frau, die diese Gabe hat, und das aus einer Beziehung mitnehmen darf, auch wenn der Mann dann irgendwann flöten geht. Wie haben Sie diese Protagonistin empfunden? Als einfach unglückliche Melancholikerin oder sehen Sie in solchen Momenten auch Glück?

Absolut, und ich wäre gern so glücklich wie diese Frau, das ist das Verrückte. Die ist für mich auch ein bisschen so ein Modell. Ich meine, wer hat uns schließlich gesagt, dass wir immer Mehrwert produzieren müssen? Wer hat uns gesagt, dass wir erfolgreich sein müssen? Die hat eine unglaublich gute Art, aus dem System rauszufallen. Sie ist ja promovierte Medizinerin und arbeitet einer Leibniz-Preisträgerin zu, die in ihrem Labor das Geheimnis des Menschen anhand von Mäuse-Hirnen versucht zu erkunden.

Und es ist auch kein Eingerichtet-Sein im kleinen Leben, sondern es gibt eine ganz große Welt – und zwar die, in die wir auch immer gehen wollen: von der Realität in die Fiktion. Es gibt eine ganz große Bereitschaft zur Fiktionalisierung bei ihr, und dazu gehört eben auch, dass sie die Stimme der Dinge hören kann, und dass sie auch in dem Moment, wo ihr das jemand erzählt, nicht sagt: "Ach, so ein Quatsch, ich bin aber Naturwissenschaftlerin", sondern dass sie offen dafür ist und neugierig auf solche Sachen.

Ja, und dabei ja auch wirklich eine andere Seite an sich entdeckt, sodass man gar nicht sagen kann: Die Beziehung ist gescheitert. Klar, wenn man sie vom Ende her liest, ist sie gescheitert, aber für sie persönlich ist da ja viel daraus entstanden…

Ja, und all diese Beziehungen, die am Ende gescheitert sind, haben uns doch zu dem gemacht, was wir jetzt sind. Ich meine, so kann man es auch sehen. Und zu dem Depressiven, das Sie angesprochen haben: Das ist schon erstaunlich. Ich glaube ja sowieso, dass ich höchstens 50 Prozent von dem Buch liefern kann, was dann am Ende entsteht, und die anderen 50 Prozent derjenige hinzufügt, der gerade liest. Und das ist dann auch immer ein Spiegel: Ich glaube, es hat auch was mit der eigenen Situation zu tun, ob man das jetzt depressiv findet oder nicht.

Für mich hat die Frage nach der Stimmung des Buches noch eine andere Seite. Man hat ja gern das Bild des eisern vor sich hinschreibenden, vom Leid gepeinigten Schriftstellers. Aber schon auf Seite 13 habe ich mir notiert: Wie viel Spaß muss es denn bitte machen, das zu erfinden? Täuscht mich der Eindruck, dass in dem Erfindungs- und Erinnerungsstrudel dieser Frau auch eine große Lust und viel Spaß steckt?

Extrem, das ist wirklich so eine, ich würde mal sagen, eine fast elementare und gleichzeitig auch erotische Energie, die sie hat: Sich in die Welt hineinzuerzählen oder sich in Situationen hineinzuerzählen, die sie sicherlich nie erleben wird. Sie wird nie im Reihenhäuschen mit Robert Sturm – wenn er denn überhaupt eins hat – in der Küche sitzen und Tee trinken. Das wird nicht stattfinden. Für sie ist aber alles, was sie sich vorgestellt hat, Wirklichkeit – da ist sie wieder Neurologin. Ich meine, all unsere Gefühle sind im Gehirn und all unsere Gefühle sind wirklich, und da knüpft sie das zusammen.

Das ist ja überhaupt das Interessante: Die Figur hat aus meiner Sicht einen starken poetischen Anteil, gleichzeitig ist da die Rationalität, dieses Cleane, das sich auch sprachlich niederschlägt. Wie haben Sie die passende Sprache für diese Figur gefunden?

Das ist ja etwas, was man sich eigentlich gar nicht vorstellen kann, dass Leute, die so arbeiten wie sie – sie hat ja keinen Namen im Roman, deshalb: wie sie arbeitet –, dass die noch eine ganz andere Seite haben. Das ist ja gerade das Interessante an Menschen, wenn sie ihr Ich genau in diesem Balanceakt durch das Leben führen, dass sie rechts auf der poetischen Seite und links auf der wissenschaftlichen Seite runterfallen könnten. Und das kriegt die ja eigentlich unheimlich gut hin, finde ich.

Mein Eindruck war, dass die Konstanten dieser Lebenserzählung außerhalb der Protagonistin liegen. Da sind die Männer mit ihrem konstanten Alter, die Orte, die wiederkehren, wenn auch in anderem Gewand. Da sind die Wochentage, die Kontinuität der Arbeitswoche, der wir folgen. Und innerhalb dieser Struktur kann sich die Erzählerin dann sehr gut verlieren und Strukturen auflösen. Diese Konstellation der strengen Form und der inhaltlichen Auflösung von Form, von Struktur: Liegt die in der Protagonistin und ihren Fragen begründet, oder ist das einfach auch eine Art zu schreiben, die Sie gern mögen?

Ich versuche natürlich, mir vorher eine Struktur zu überlegen. Und ich weiß auch um all die Sachen mit Storyboard, Plotpoints, Wäscheklammern beim Drehbuch. Das Ganze ist aber für mich nur ein Netz, um mich da reinfallen zu lassen oder durchzufallen oder zu sagen: Nein, das Netz will ich nicht. Ich finde eine Struktur beim Schreiben ist etwas Wertvolles, um sie wieder zu verwerfen, damit es einen Punkt gibt, von dem man ausgehen kann, aber das ist überhaupt nicht das, woran ich mich halte.

"Kein Sturm, nur Wetter" von Judith Kuckart ist im Dumont Verlag erschienen.

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