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"Juden leben im selbst auferlegten Ghetto" | BR24

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"Juden leben im selbst auferlegten Ghetto"

Der US-amerikanische Journalist Terry Swartzberg hat für einen Selbstversuch seine Kippa im Alltag in Deutschland getragen. Im Bayern2 radioWelt-Interview zieht er eine positive Bilanz über sein Experiment.

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Drei Jahre lang trug der US-amerikanische Journalist Terry Swartzberg für sein Experiment seine Kippa in Deutschland im Alltag. Die Reaktionen dokumentiert der liebrale Jude in seinem Buch "Mit Chuzpa und Kippa". Auch beim Gespräch mit der Bayern2 radioWelt trug er die traditionelle Kopfbedeckung jüdischer Männer, die im liberalen Judentum auch Frauen aufsetzen. Juden tragen die Kippoth aus Respekt vor Gott.

"Ich habe gemerkt, dass die Juden in Deutschland sehr viel Angst haben. Sie verstecken ihre jüdische Identität: Sie lesen keine hebräische Zeitung in der S-Bahn, tragen keine Davidsterne, sie schicken ihre Kinder nicht auf jüdische Schulen. Sie verstecken sich im selbst auferlegten Ghetto. Und ich habe mir gesagt: Ich lebe in München seit 30 Jahren. Wenn ich so eine Angst haben muss, mit einem Stückchen Stoff auf meinem Kopf herumzulaufen, dann lebe ich im falschen Land. Ich habe mich selbst herausgefordert."

Seine Freunde und Bekannten hätten ihm durchweg von dem Experiment abgeraten, so Swartzberg und ihn gewarnt, er würde auf offener Straßen angefeindet und angespuckt werden.

"Juden sind im deutschen Stadtbild etwas völlig Unspektakuläres"

Im Rückblick allerdings zieht Swartzberg eine positive Bilanz über seinen Selbstversuch.

"Ich habe nie eine Anfeindung erlebt, egal, wo ich in Deutschland war. Ich war zufälligerweise in Zwickau, Annaberg-Buchholz und Berlin-Neuköln, wo es angeblich sehr viele Probleme gibt und ich habe einfach das allgemeine Desinteresse mir gegenüber da auch erlebt. Für die Deutschen sind Juden als Teil des Straßenbildes etwas völlig Unspektakuläres."

Er finde es sehr gut, dass eine solche Normalität in Deutschland herrsche, so Swartzberg. Ab und zu habe er auch lustige, positive Reaktionen erlebt. Er sei sich schon im Vorfeld sicher gewesen, dass er keine Anfeindungen erleben werde, weil Deutschland nach den Untaten des Nationalsozialismus eine einmalige Erinnerungs- und Toleranzkultur aufgebaut habe. Das erlebe man auch aktuell in der Flüchtlingskrise, so Swartzberg.

Autor
  • Friederike Weede
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