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Jubiläum: 125 Jahre Simplicissimus | BR24

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Jubiläum: 125 Jahre Simplicissimus.

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Jubiläum: 125 Jahre Simplicissimus

Am spießigen Anfang des 20. Jahrhunderts nahm die Münchner Satirezeitschrift "Simplicissimus" alles Konservative aufs Korn: Die Kirche, das Militär, die Prüderie oder das preußische Beamtentum. Die erste Nummer erschien am 4. April 1896.

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Mit spitzer Feder, scharfer Zunge und einer blutroten Bulldogge als Markenzeichen: Bissig entlarvte die Wochenzeitschrift "Simplicissimus" mit Texten und Bildern Missstände. Am 4. April 1896 erschien das Blatt zum ersten Mal.

Karikaturen mit Anspruch, künstlerisch wie politisch - mit Wumms. Das knallte richtig raus am Bahnhofskiosk, erzählt Gisela Vetter-Liebenow, Direktorin des Deutschen Museums für Karikatur und Zeichenkunst Wilhelm Busch in Hannover. Ein großes, farbiges Titelblatt - das habe es vorher nicht gegeben. Sogar bis in die USA kenne man den "Simplicissimus" noch heute. Damals wurde der Simplicissimus vor allem von den liberalen Deutschen gelesen.

Berühmteste deutsche Satirezeitschrift

Das Ende des 19. Jahrhunderts war von Fortschrittsglauben und gleichzeitigem Konservatismus geprägt. Während in Berlin Kaiser Wilhelm II. über Wohl und Wehe der Deutschen wachte, stellte Röntgen Anfang 1896 die später nach ihm benannten Strahlen der Physikalisch-Medizinischen Gesellschaft vor, und in Athen standen die ersten Olympischen Spiele der Neuzeit in den Startlöchern.

In dieser aufregenden Zeit nahm die "Illustrierte Wochenschrift" namens "Simplicissimus" mit Redaktionssitz in München die gesellschaftlichen Verhältnisse aufs Korn. Im Laufe der Jahre wurde sie zur berühmtesten deutschen Satirezeitschrift. Zeichner und Künstler wie Thomas Theodor Heine, Olaf Gulbransson, Käthe Kollwitz, Lovis Corinth, Max Slevogt, Ernst Barlach, Heinrich Zille und George Grosz leisteten ihren Beitrag zur Erfolgsgeschichte des Blattes. Texte kamen etwa von Heinrich und Thomas Mann, Hermann Hesse, Frank Wedekind, Erich Kästner, Kurt Tucholsky, Ludwig Thoma oder Jakob Wassermann.

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Vor 150 Jahren wurde Ludwig Thoma geboren - ein Schriftsteller, der in seinen Romanen und Stücken das Bild von Bayern und seinen Bewohnern wie kein anderer geprägt hat. Angefangen hatte er als linksliberaler Satiriker im Simplicissimus.

Vom Literaturmagazin zur Satire

Zunächst war der "Simplicissimus" ein Literaturmagazin und galt als Aushängeschild der literarischen und künstlerischen Avantgarde. Dann wandelte es sich zum Satiremagazin: Aus den Literaturillustrationen wurden politischen Karikaturen, und der Tenor war demokratisch und antifeudalistisch ausgerichtet. Bissigen Spott schüttete das Blatt über das spießige Bürgertum, die bigotte Kirche, preußische Beamte und das Militär aus. Es kam zu Beschlagnahmungen und Zensur, was die Reichweite noch mehr steigerte: Die Auflage erhöhte sich von wenigen tausend auf 85.000 im Jahr 1904.

Begeisterung für Krieg und Patriotismus

Dann aber ließ sich der eigentlich mitiltärkritische "Simplicissimus" von der Begeisterung für den Ersten Weltkrieg anstecken und stieß ins patriotische Horn. Auch in der Weimarer Republik konnte das Heft nicht mehr an die alte Bissigkeit anknüpfen, war ihm doch mit dem Abschied vom Absolutismus und der Einführung der Demokratie der Feind abhandengekommen.

Stattdessen wurde der französische "Erbfeind" der Lächerlichkeit preisgegeben und an den Pranger gestellt. Innenpolitisch schärfte sich die Kritik an extremistischen Kräften, die die Demokratie zu gefährden drohten, und Hitler-Karikaturen wurden veröffentlicht.

Von den Nazis gleichgeschaltet

Damit war im Frühjahr 1933 Schluss: Die SA verwüstete die Räume der Redaktion, am 23. März wurde das Heft gleichgeschaltet. Der Spiegel, den der Kritiker im satirischen Normalfall der Obrigkeit vorhält, war erblindet. Die einst bissige Bulldogge wurde zum zahnlosen NS-Schoßhündchen, das am 13. September 1944 mit seiner letzten Nummer starb. Zahlreiche Wiederbelebungsversuche in der Nachkriegszeit fruchteten nicht.

Heute erinnert noch in Wien das Kabarett "Simpl" mit der Bulldogge als Wahrzeichen an die Satireschrift. Der Kanal "Simplicissimus" des von ARD und ZDF unterhaltenen Online-Medianangebots "funk" wirft in seinen Video-Essays nach eigener Darstellung "einen Blick hinter die Fassaden von Politik, Wissenschaft und Kultur". Und wenn die pandemiebedingt geschlossenen Gaststätten wieder öffnen, steht auch einem Besuch im 1903 gegründeten Künstlerlokal "Alter Simpl" in der Münchner Maxvorstadt nichts mehr im Weg. Dort waren früher die Simplicissimus-Mitarbeiter Stammgäste.

(Mit Material von KNA/dpa)

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