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Journalismus für die Ohren: die besten Recherche-Podcasts | BR24

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Bildrechte: Vox Media

Was ist das Geheimnis von Netflix? Und kann man mit einem Terroristen befreundet sein, ohne es zu merken? Hier einige der spannendsten Recherche-Podcasts des Jahres.

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Journalismus für die Ohren: die besten Recherche-Podcasts

Journalismus als packende Detektivarbeit erzählen: Immer mehr Recherche-Podcasts berichten vom investigativen Lustgewinn, sich spannenden Themen anzunähern. Etwa der Frage, wie der Bau des BER-Flughafen in Berlin so ein Debakel werden konnte.

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Von
  • Lili Ruge

Egal, was man von 2020 halten will. Für Podcast-Macher war es ein erfolgreiches Jahr. Jeder dritte Deutsche hört mittlerweile zu, wenn Menschen schier endlos quatschen, Kriminalfälle aufarbeiten oder die News des Tages besprechen. Aber das Medium Podcast kann noch mehr. In Recherchepodcasts arbeiten sich Journalisten durch Akten, tragen Informationen zusammen oder sprechen mit Zeitzeugen. Herauskommen oft mehrere Stunden spannender Hörerlebnisse. Hier einige der besten aus dem Jahr 2020:

1. Mein Freund der Terrorist – Ein Recherchepodcast von Deutschlandfunk Kultur

In "Mein Freund der Terrorist" geht es um Karim. Karim ist aus Syrien geflüchtet, kommt nach Deutschland und lernt dort den Flüchtlingshelfer Jan kennen. Die beiden werden beste Freunde. Bis Karim und Jan eines Abends von SEK-Beamten in schwerer Montur festgenommen werden. Das ist die Ausgangslage für den Deutschlandfunk-Kultur-Podcast, dessen Story von Anfang an einen Sog entfaltet. In der einen Minute ist man sich sicher: Karim ist unschuldig. Nur, um mit dem nächsten Detail konfrontiert zu werden, nachdem alles wieder anders erscheint.

Geschickt weben die Journalisten Christoph Cadenbach und Dominik Schottner ein Netz aus Polizeiakten und Gesprächen mit Freunden, Freundinnen, Verwandten und Anwälten. In sechs Podcastfolgen können sie sich Zeit für Detail-Recherchen und Gedankenschleifen nehmen - oft genau bei den Fragen, die auch beim Hören auftauchen. Die innovative Erzählweise krankt nur leicht an den stellenweise schlechten Tonaufnahmen, die ursprünglich für eine gedruckte Geschichte gemacht worden sind. Dennoch ist "Mein Freund der Terrorist" ein spannend erzähltes Drama zweier Menschen, die hätten Freunde werden können - in einer einfacheren Welt.

2. Land Of The Giants: The Netflix Effect – Ein amerikanisches Doku-Drama

Der englischsprachige Tech-Podcast "Land Of The Giants" widmet sich in seiner zweiten Staffel dem Video-Streaming-Riesen Netflix. Schlüsselgedanke für den Erfolg der Plattform, so erzählen es die Podcast-Hosts Rani Moll und Peter Kafka: eine eigene Zeitrechnung zu haben. Besucherzahlen zum Kinostart, Einspielergebnisse der ersten Woche – diese herkömmlichen Kategorien haben für Netflix kaum Bedeutung. Filme sind hier jahrelang verfügbar. Und jeder Klick zählt.

So erzählt der Netflix Produktmanager Tod Yellen: "Was hast du gestern gesehen? Was vor einem Jahr? Etwas dunkles, leichtes? Wurde geraucht? Wieviel Sex? Alles, was man wissen kann, ist wichtig für das richtige matchmaking." Mit anderen Worten: Während wir Netflix gucken, guckt Netflix uns zu. Und zwar sehr genau.

Der Podcast macht eine 360°-Aufnahme des Konzerns. Geschäftsmodell, Unternehmenskultur, popkultureller Einfluss – jeder Facette der Geschichte wird eine gut halbstündige Folge gewidmet. Die größte Aufgabe des Mediums Podcast ist dabei: Fakten zu liefern, aber den Hörer nicht mit Statistiken und Zahlen zu überfrachten. Das gelingt durch das eigene Sounddesign, das immer wieder Akzente setzt und Denkpausen lässt. Und durch echte Insider vor dem Mikrofon: Netflix-Gründer Reed Hastings, Produktmanager Tod Yellen, Netflix-Regisseure, aber auch Konkurrenten. Das Storytelling des Podcasts ist dabei inspiriert von Netflix selbst. Schließlich zählt dort vor allem eines: spannende Geschichten.

3. Made in Germany – Ein Podcast über das Flughafendebakel BER

2020 war es endlich soweit: Der Willy Brandt Flughafen Berlin Brandenburg wurde endlich eröffnet. Allerdings neun Jahre und viele Milliarden später als geplant. Der Journalist Christian Alt und sein Team machen zusammen mit dem SPIEGEL-Reporter Andreas Wassermann im Podcast "Made in Germany" aus einem eigentlich viel zu deutschen, viel zu komplizierten Thema einen spannenden Thriller.

Der Podcast erzählt, wie ein Heer mächtiger Männer in die Katastrophe schlittert, während Kritiker mundtot gemacht werden sollen. Wie Stefan Loge erzählt, der Mann, der trotz enormen Drucks von Klaus Wowereit und den Flughafenchefs das Brandschutzkonzept nicht hat durchgehen hat lassen: "Ein Glück, dass wir uns damals nicht darauf eingelassen haben," sagt Loge. Damit er seine Leute nötige, das Konzept durchzuwinken, habe man ihn gelockt, hinter der Kanzlerin zu sitzen. "Hätte ich mit meinen Kollegen nicht diese Stärke gehabt – also mit Sicherheit wären wir ins Gefängnis gekommen."

"Made in Germany" ist ein Podcast zu einem schwierigen Thema, bei dem es kaum einem Beteiligten leichtfällt, Stellung zu beziehen – das macht das Produzieren eines Podcast nicht einfacher. Durch hartnäckiges Beackern der Gesprächspartner aber, Liebe zum Detail und das immer wieder hörbare Entsetzen der Podcast-Hosts über die unglaublichen Fehler ist "Made in Germany" eine spannende Hörerfahrung geworden. Und der Podcast funktioniert damit auch für ein Publikum, das sonst kein Faible für DIN-Normen und Genehmigungsverfahren hat. Am Ende hat man viel gelernt über Politik und Strukturen der Macht in Deutschland. Und es bleibt die nüchterne Erkenntnis: So ein Milliardengrab wie der BER könnte jederzeit wieder geschaufelt werden.

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