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"Auch im Digitalen muss Journalismus Geld kosten" | BR24

© picture-alliance / dpa Peter Kneffel

"Ich gehe nicht davon aus, dass die nächsten Jahre die Papierzeitung ausstirbt", sagt die Medienjournalistin Ulrike Simon.

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"Auch im Digitalen muss Journalismus Geld kosten"

Ausverkauf: Der Verlag DuMont will sich von allen seinen Regionalzeitungen trennen. Was bedeutet das für die Branche? Ein Gespräch mit Medienjournalistin Ulrike Simon über die Zukunft der gedruckten Zeitung – und des Journalismus.

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Früher faltete man sie am langen Arm auseinander in Bus und U-Bahn. Man spürte Papier zwischen den Fingern beim Lesen, und man hörte beim Umblättern: ein Rascheln. Bald wird das ins Archiv der verschwundenen Geräusche wandern, denn schon ist das Totenglöckchen zu hören: Der gedruckten Zeitung wird wohl bald die letzte Stunde schlagen. Die Digitalisierung ist schon lange in vollem Gange. Natürlich ist die gesamte Branche davon betroffen. Doch jetzt wurde bekannt, dass der DuMont Verlag sich von sämtlichen Zeitungen, die ihm gehören, trennen will. Barbara Knopf hat mit der Medienjournalistin Ulrike Simon über den geplanten Verkauf und die Zukunft des Qualitätsjournalismus gesprochen.

Barbara Knopf: Frau Simon, wenn nun die Mediengruppe des DuMont Verlags zerschlagen werden soll, zu der bekannte Zeitungen gehören wie der Kölner Stadt-Anzeiger, der Express, die Berliner Zeitung, die Mitteldeutsche Zeitung, die Hamburger Morgenpost und etliche andere – was bedeutet das eigentlich?

Das bedeutet zum einen, dass eines der traditionsreichsten und ältesten Medienunternehmen zugrunde geht, zerstört wird. Das bedeutet zum anderen, dass die genannten Zeitungen – und mit ihnen die Journalisten – sich in einer sehr unsicheren Zukunft befinden und im Moment nicht wissen, wie es weitergeht. Es könnte sein, dass der ein oder andere der genannten Titel nicht überleben wird, zumindest als Print-Zeitung nicht. Das wiederum hat alles Konsequenzen für den Leser, der nicht in der gewohnten und erwarteten Weise Nachrichten und Journalismus geboten bekommt. Wichtig aber ist selbstverständlich, dass sich die Menschen, egal auf welchem Medium, insofern gerne auch digital, informieren können, sprich: dass Journalismus finanzierbar bleibt.

Und das sehen Sie durch solche Entwicklungen wie den angekündigten Verkauf der Zeitungen bei DuMont durchaus in Gefahr?

Ich sehe das schon eine ganze Zeit in Gefahr, denn die Berliner Zeitung – beispielsweise – war schon mal in der Qualität wesentlich besser als sie es heute ist.

Es gibt ja auch Ängste, dass es zunehmend immer weniger Zeitungen gibt oder vielleicht irgendwann nicht mehr qualitätsvolle Zeitungen finanziert werden können – und dass es damit keine Kontrollinstanzen mehr gibt zu den Filterblasen der Social Media Nutzer. Sehen Sie das auch so?

Ja, absolut. Und das betrifft nicht nur die Filterblasen. Es gibt viele oberflächlich recherchierte oder gar nicht recherchierte Informationen, die auf welchen Plattformen auch immer, auf welche Art und Weise auch immer, kursieren. Das heißt, es ist natürlich notwendig – ich sage das jetzt mal mit einem gewissen Pathos – für den Zusammenhalt der Gesellschaft, für die Demokratie, für den Wissens- und Informationsgehalt bei den Menschen, dass es Journalismus gibt, der ordentlich recherchiert ist, der handwerklich sauber ist. Und das kostet nun mal Geld. Das Problem ist: 70 Prozent wurden früher durch Werbung und Anzeigen finanziert, zu 30 Prozent über die Leser, den Vertrieb, die Abonnements, die Kioske. Da aber die Anzeigen ins Netz abgewandert sind, insbesondere bei Facebook, Google und Amazon geworben wird, fehlt ein extremer Anteil dieser Erlösquellen bei den Verlagen. Umso wichtiger ist es, dass die Leser den Journalismus finanzieren! Und da genau ist das Problem: Denn online ist unfassbar viel kostenlos. Dadurch ist übrigens auch in den Verlagen das Werte-Bewusstsein verloren gegangen, dass Journalismus Geld kosten muss. Also müssen wir dazu übergehen, zu begreifen: Auch im Digitalen muss Journalismus Geld kosten, muss man Abos durchsetzen und als Leser begreifen, ja, ich muss mir ein Abo leisten, damit ich guten Journalismus bekomme. Und das wird auch durchaus gemacht. Die Welt hat digitale Abos. Spiegel hat mit Spiegel plus digitale Abos. Das kommt, hat sich noch nicht ganz durchgesetzt, aber alle Verlage sind dabei zu sagen, hey, hier kriegst du nicht einfach nur die Meldung, die du überall bekommst, sondern hier in diesem Medium kriegst du ordentlich recherchierte, tief recherchierte Geschichten – wenn du dafür zahlst. Aber eins will ich dann doch sagen: Ich gehe nicht davon aus, dass morgen oder übermorgen oder die nächsten Jahre die Papierzeitung ausstirbt, denn man kann es ja an sich selbst überprüfen: Es ist einfach eine schöne Tätigkeit, da zu sitzen und Zeitung zu lesen, eine Zeitung in der Hand zu haben. Man liest natürlich auch anders. Man liest sehr viel eher Dinge, von denen man gar nicht wusste, dass man sich für sie interessiert hat. Und diese Vorliebe wird auch weiterhin existieren, weil es einfach eine menschliche Vorliebe ist.

Aber gibt es da nicht eine Generationenkluft? Ich stimme Ihnen vollkommen zu, ich lese eine Zeitung, die ich in der Hand habe, auch vollkommen anders, als wenn ich durch das Angebot surfe. Aber ich habe das Gefühl, dass jüngere Generationen doch sehr stark gewohnt sind, sich nur online schnell Inhalte zu besorgen.

Ja das ist richtig. Man macht aber auch immer wieder die Feststellung, wie stolz beispielsweise rein online arbeitende Journalisten sind, wenn sie plötzlich ihre Artikel in einer gedruckten Zeitung lesen. Wie stolz auch Schüler auf Schülerzeitungen sein können, wenn sie die in der Hand haben. Also hat das irgendwie einen Wert und ist nicht ganz vorbei. Aber nochmal: Ich will jetzt nicht das Hohelied nur auf die gedruckte Zeitung halten. Worum es gehen muss ist, dass Journalismus überlebensfähig, dass unabhängiger Journalismus finanzierbar bleibt. Auf welchen Weg mich der erreicht, kann erstmal egal sein. Hauptsache, er bleibt und Hauptsache, er wird nach Möglichkeit noch besser.

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