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Sein Leben war "Fasching": Zum Tod von Joseph Vilsmaier | BR24

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Regisseur Joseph Vilsmaier ist tot. Mit Filmen wie "Herbstmilch", "Stalingrad" und "Nanga Parbat" avancierte er zu einem der wichtigsten Regisseure Bayerns. Ein Nachruf.

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Sein Leben war "Fasching": Zum Tod von Joseph Vilsmaier

Aufgewachsen im niederbayerischen Rottal, landete der gelernte Kameramann und Musiker mit "Herbstmilch" 1988 seinen ersten großen Regie-Erfolg. Fortan gelangen Vilsmaier einige populäre Produktionen, die sogar Bill Clinton begeisterten.

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Eigentlich war Joseph Vilsmaier Kameramann, aber dann machten sich plötzlich, bei einem Dreh in der Bretagne, die Bandscheiben bemerkbar, als er eines der schweren Geräte schultern wollte. Zur Reha musste er ein paar Wochen in seine Heimat Niederbayern und dort stieß er zufällig auf den Stoff, der seinen Ruhm als Regisseur begründen sollte: Ein Bekannter, der gerade mit Feldarbeit beschäftigt ist, erzählt ihm von einer "verrückten Bäuerin", die gerade ein Buch geschrieben habe, das in aller Munde sei. Es ging um Anna Wimschneiders Lebenserinnerungen "Herbstmilch", ein Titel, der damals schon 100.000 Mal verkauft worden war. Vilsmaier beschloss, das Buch zu verfilmen, ohne Filmförderung. Der örtliche Landrat stellte sich als Standfotograf zur Verfügung. 1988 war das, Vilsmaiers Durchbruch als Regisseur: Mit zunächst nur vierzig Kopien gestartet, kam der Film schließlich auf 2,5 Millionen Zuschauer.

Er war auch Jazzer

Geboren in München, wuchs Vilsmaier zwischen Eggenfelden und Pfarrkirchen auf, im Rottal. In Augsburg besuchte er ein Internat, machte bei einem Münchner Kamerahersteller eine technische Ausbildung und verlegte sich schließlich auf die Musik: Am Münchner Konservatorium studierte er Klavier, war als Jazzer unterwegs. 1961 begann er in der Filmbranche hinter der Kamera, war für TV-Serien beschäftigt, auch für ein paar Tatort-Folgen und Hallervorden-Komödien.

Nach dem Regie-Debüt von "Herbstmilch" folgten weitere große Publikumserfolge. Für "Stalingrad" (1993) reiste Vilsmaier an den Polarkreis, drehte bei Minusgraden und stellte dabei fest, wie grausam die Kälte in Russland sein konnte. Drei Brüder seines Vaters waren bei Stalingrad gefallen. Vilsmaier selbst hatte noch Kindheitserinnerungen an den Bombenkrieg in München, musste immer wieder im Hochbunker von Obersendling Schutz suchen.

Bill Clinton liebte "Comedian Harmonists"

Zu den populären Filmen, die Vilsmaier nach "Stalingrad" drehte, gehören vor allem "Schlafes Bruder" (1995) nach einem Roman des österreichischen Autors Robert Schneider über einen genialischen Organisten und "Comedian Harmonists" (1997). Mit viel Humor erinnerte sich Vilsmaier daran, dass ihm Kollegen von letzterem Projekt abrieten, weil die berühmten Sänger aus den 1920er und 1930er Jahren "Ladenhüter" seien und niemanden mehr interessierten. Am Ende habe sich sogar das Weiße Haus gemeldet. Der Münchner Abendzeitung verriet Vilsmaier in einem Interview, "Comedian Harmonists" sei damals der Lieblingsfilm von Bill Clinton gewesen.

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Vilsmaier an der Flugkamera

In seinen späteren Jahren zeigte sich Vilsmaier fasziniert vom Bergfilm, überhaupt von Landschaften, speziell seiner bayerischen Heimat. Mit "Nanga Parbat" (2010), "Bavaria – Traumreise durch Bayern" (2012) und "Österreich: Oben und Unten" (2015) entstanden bildstarke Kompositionen über die mal liebliche, mal unbeherrschte Natur. Der Kameramann Vilsmaier war ganz in seinem Element, ließ sich stundenlang über die Traumkulissen fliegen und gestaltete atemberaubende, ja meditative Eindrücke.

Kitschfreie, aber pathetische Heimatliebe

"Ich habe mein Leben sehr genossen", sagte Vilsmaier einmal: "Ich habe viel Glück gehabt, und auch wenn da Punkte dabei waren, die nicht so gut waren, habe ich sie dann ziemlich schnell wieder vergessen. Ich konnte immer die Sachen machen, die mich interessiert haben. Also toi, toi, toi: Mein Leben war Fasching." Tatsächlich feierte er gern, machte noch seinen 75. Geburtstag in einem Helikopter-Hangar bei Ottobrunn zu einem Society-Event mit mehreren hundert Gästen. Gesundheitlich ging es Vilsmaier nicht besonders gut, seit er 2006 bei Dreharbeiten von einem Kameraturm gestürzt war, aber das ließ er sich im persönlichen Umgang nicht anmerken. Er blieb ein lebenslustiger, barocker Bayer mit einer tief empfundenen Liebe zur Heimat, die er durchaus kitschfrei, aber nicht ohne Pathos inszenierte.

Ein familiärer Schicksalsschlag war im Februar 2009 der Krebstod seiner Frau Dana Vávrová, die in "Herbstmilch" die Hauptrolle der Anna Wimschneider übernommen hatte. Die drei gemeinsamen Töchter Janina, Theresa und Josefina sammelten ebenfalls Erfahrungen als Schauspielerinnen, wenngleich nicht alle der Filmbranche treu blieben.

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Josef Vilsmaier ist im Alter von 81 Jahren gestorben. Bekannt wurde der Regisseur und Kameramann durch Filme wie "Herbstmilch". Anlässlich seines Todes wiederholen wir das Gespräch mit ihm aus dem Jahr 2008. Moderation: Achim Bogdahn.

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