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So brachte Josef Urbach seinen Neffen Tilman Urbach zur Lost Art | BR24

© Bayern 2

Er gehörte zur Essener Kunstszene und seine Bilder hingen im Folkwang Museum - bis die Nazis sie als "entartet" diffamierten und entfernten. Sein Neffe Tilman Urbach spürt in seiner Doku "Josef Urbach - Lost Art" den verschollenen Werken nach.

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So brachte Josef Urbach seinen Neffen Tilman Urbach zur Lost Art

Er gehörte zur Essener Kunstszene und seine Bilder hingen im Folkwang Museum - bis die Nazis sie als "entartet" diffamierten und entfernten. Sein Neffe Tilman Urbach spürt in seiner Doku "Josef Urbach - Lost Art" den verschollenen Werken nach.

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Eine Spurensuche ist es und eine Bildersuche, die den Filmemacher Tilman Urbach durch Deutschland, die Niederlande, Belgien und Schweden führt. Eine Suche nach verloren gegangenen Gemälden seines Großonkels Josef Urbach: ein expressionistischer Maler, der in den 20-er und 30-er Jahren mit mehreren jüdischen Familien befreundet war, die vor den Nazis aus Deutschland fliehen mussten. Ihr Schicksal ist eng verknüpft mit dem Schicksal der Bilder Josef Urbans. Davon erzählt der neue Dokumentarfilm „Josef Urbach – Lost Art“. Knut Cordsen hat mit Tilman Urbach darüber gesprochen.

Beginnen wir mit Josef Urbach selbst, Ihrem Großonkel, der 1973 gestorben ist und der nahezu sein Leben lang an der Folkwang Schule in Essen Professor gewesen ist und die Klassen Zeichnen, Porträt sowie Akt unterrichtet hat. Seine Bilder, so sagen Sie es im Film gleich eingangs, begleiten sie seit jeher, „so als gehörten sie zur optischen DNA unserer Familie“. Wer war Josef Urbach, den Sie als Kind noch kennen lernen konnten?

Tilman Urbach: Ich habe, um ehrlich zu sein, Josef Urbach als Person nicht mehr im Gedächtnis. Aber es gibt natürlich eine Menge Geschichten in unserer Familie, und aus diesen Geschichten setzte sich zunächst einmal mein Bild dieses Onkels zusammen. Das hat sich natürlich auch ein wenig differenziert, als ich diesen Film gedreht habe. Er ist biografisch unterfüttert worden von Dingen, die ich nicht wusste. Und so ist mir natürlich Josef Urbach näher gekommen über die Zeit dieses Filmprojekts.

Ihr Vater, der Maler Walter Urbach, der bei seinem Onkel Josef Urbach das Malen gelernt hat, lebt zur Zeit der Dreharbeiten noch hochbetagt, über 90 Jahre alt. Ihr Sohn Justin, ein Fotokünstler, ist mitverantwortlich für die Kamera bei Ihrer Doku. Der Film ist, könnte man sagen, ein Familienunternehmen. Was hat er innerhalb Ihrer Familie ausgelöst?

Wir haben viel gesprochen über sogenannte Familien-Legenden, die sich gebildet hatten. Wir wussten zum Beispiel, dass die Generation meines Großvaters und meines Großonkels Nazigegner war. Inwiefern, mussten wir aber dann irgendwie auch wieder freilegen. Es gibt einige Indizien, die sich erhärten. Andere Sachen erstaunen mich. Dieser Nazigegner Josef Urbach, dessen Bilder als „entartet“ aus dem Folkwang Museum entfernt worden sind, konnte sich weiter als Professor in Essen halten: in einem öffentlichen Amt, ohne Parteimitglied gewesen zu sein, - wie ihm das gelungen ist, weiß ich bis heute nicht.

In Ihrem Film gibt es ein Bild seiner Heimatstadt Neuss, das Josef Urbach gemalt hat. Auf dem sind ursprünglich Hakenkreuzfahnen zu sehen gewesen, nach dem Krieg sind die eigenhändig retuschiert und übermalt worden. Heute flattern auf dem Gemälde völlig unverdächtige Fahnen. Wieso diese Geschichtsklitterung bei einem, der alles andere als ein Parteigänger der Nazis war?

Das ist eine der offenen Fragen, die ich habe an diese Geschichte. Ich glaube, es geht in diesem Film nicht unbedingt darum, dass man alles erklärt, sondern darum, Spuren aufzudecken und Fährten zu legen. Was diese Nazi-Gegnerschaft von meinem Großonkel angeht, haben wir zwei ziemlich klare biografische Hinweise. Er bewirbt sich in Ankara 1939 - das war damals für Intellektuelle ein Ausweichmanöver, in die Türkei zu gehen. Aber was noch deutlicher darauf hinweist, ist, dass Josef Urbach nach dem Krieg 1947 nach Weimar berufen wird. Da versucht man kurzzeitig, das Bauhaus wieder aufzubauen, und die hätten sich niemals in der Sowjetzone mit einem alten Nazi belastet. Das ist ein sehr deutlicher Hinweis.

Er ist schlussendlich nicht dorthin gegangen.

Er ist nicht dahin gegangen. Er hat sich zeitlebens auch immer als unpolitisch bezeichnet. Und ich nehme an, er hat sich als unpolitisch bezeichnet, weil diese sehr politische Bewegung des Expressionismus, die von Otto Dix und Gert Heinrich Wollheim ausging, Josef Urbachs Sache nicht war. Das waren dezidiert linke Künstler und Kriegsgegner, die ihre Kunst dazu benutzten, um politische Botschaften zu transportieren.

© Film Kino Text

Dokumentarfilmer Tilman Urbach auf der Suche nach den verlorenen Werken seines Onkels

Sie behandeln ja auch die Rolle des Kunsthandels zur Zeit des Nationalsozialismus. Da denkt man heutzutage gleich an den Vater von Cornelius Gurlitt, Hildebrand Gurlitt. Aber Sie beleuchten einen anderen, nicht minder spannenden Fall: den das Kunsthändlers Karl Buchholz, der nach dem Krieg nach Südamerika gegangen ist und der einige der von den Nazis beschlagnahmten Bilder - so auch die von Josef Urbach - vermutlich verkauft hat. Was lässt sich anhand einer solchen Figur über den Kunsthandel im Nationalsozialismus erzählen?

Es gab viel mehr Grauzonen als wir heute wissen. Es gibt diesen berühmten Fall Gurlitt. Das war übrigens auch die Initialzündung für mich, diesen Film zu machen. Wir wussten: Es gibt „Entartete Kunst“ von Urbach. Wo ist die hingegangen, zu welchem Händler? Gurlitt war es nicht. Es war Karl Buchholz und Bernard Aloysius Böhmer aus Güstrow. Diese Kunsthändler hatten eigentlich eine Zwischenposition. Sie konnten mit den Nazis, sie verhandelten mit den Nazis auf oberster Ebene, sie machten sich teilweise die Hände schmutzig und andererseits retteten sie expressionistische Kunst. Inwieweit die einzelnen Händler grauer als grau waren oder eher schwärzer oder brauner: Man kann es im Nachhinein nur sehr schwer feststellen. Wahrscheinlich liegt die Wahrheit da in der Mitte.

Sie treffen in Ihrem Film Nachfahren der jüdischen Freunde und Förderer ihres Großonkels Josef Urbach: Mitglieder der Familien Simon, Abel und Levy. Frida Levy war eine Schülerin Ihres Großonkels in Essen, er hat sie porträtiert, und dieses verloren geglaubte Porträt von Frida Levy, die 1942 im Konzentrationslager Riga ermordet worden ist, dieses Porträt von Frida Levy finden Sie unverhofft bei deren Enkel Klaus Levy in Südschweden. Was haben Sie gedacht, als Sie dieses Bild dort vor sich hängen sahen?

Es war ein ungeheures Glücksgefühl. Wir wissen um dieses schreckliche Schicksal von Frida Levy. Dass dieses Bild diese ganzen Verfolgungen überstanden hat, war für mich ein sehr glücklicher Moment. Auf der anderen Seite macht dieser Film auch klar, dass diese Wunde der Lost Art bis heute nicht geschlossen ist. Selbst innerhalb der jüdischen Familien ist vieles überhaupt noch nicht aufgearbeitet worden. Vieles, was wahrscheinlich bei Ihnen an der Wand hing, ist den Nachkommen überhaupt nicht bekannt. Nun gut, ich wollte mit diesem Film Stellung beziehen in dieser Diskussion Lost Art, und der Film ist natürlich ein klares Votum für die Opferfamilien und für die verschwundene Kunst.

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