Der US-amerikanische Schriftsteller Jonathan Franzen im Landschaftszimmer im Theater Lübeck.

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Jonathan Franzen erhält den Thomas-Mann-Preis

Jonathan Franzen erhält den Thomas-Mann-Preis

Der Schriftsteller gehört zu den wichtigsten US-amerikanischen Erzählern der Gegenwart. Für sein umfangreiches Roman-Werk wird er nun von der Hansestadt Lübeck und von der Bayerischen Akademie der Schönen Künste ausgezeichnet.

Jonathan Franzen habe Romane vorgelegt, die mit großer Erzählkunst auf große und kleine Lebenslügen unserer Gesellschaft aufmerksam machten, so die Begründung der Preis-Stifter, der Hansestadt Lübeck und der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. Der US-amerikanische Schriftsteller habe mit seinem erzählerischen Werk die Tradition des großen Gesellschafts- und Familienromans widerbelebt, verbunden mit Namen wie Tolstoi, Dostojewski und eben Thomas Mann.

Große historische Räume

Tatsächlich nimmt sich der 63-jährige Franzen viel Raum zum Entfalten seiner Geschichten. "Die Korrekturen" – der Roman aus dem Jahr 2001, mit dem er international bekannt wurde – hat über 700 Seiten, "Crossroads" – das jüngste Werk, Auftakt einer Trilogie – über 800 (beide Bücher ins Deutsche übersetzt von Bettina Abarbanell). Ebenso entwickelt Franzen ein ganz eigenes Erzähltempo. "Crossroads" etwa spielt an einem einzigen Tag, am 23. Dezember 1971, und handelt von der Familie eines evangelischen Pastors. Die, die Franzen lesend folgen, erfahren, wie die Familienangehörigen an sich selbst und an der einander vorgespielten Wirklichkeit zerbrechen. Es ist ein Roman über den Verfall einer Familie, um den Untertitel von Thomas Manns "Buddenbrooks" aufzugreifen. Das ist ein großes Thema für den amerikanischen Schriftsteller.

Immer wieder erkundet Jonathan Franzen schreibend zudem die Vergangenheit, die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts. "Crossroads" erzählt ebenso von der amerikanischen Gesellschaft in den traumatischen Jahren des Vietnam-Krieges. "Unschuld", 2015 erschienen (und ins Deutsche übersetzt von Bettina Arbabanell und Eike Schönfeldt) führt von der Gegenwart auch ins geteilte Deutschland. Eine der Hauptfiguren – Andreas Wolf – ist Sohn eines hochrangigen DDR-Funktionärs und wird zum Dissidenten im SED-Staat, versteckt sich in einer Art Kirchenasyl. Lange nach dem Untergang des Kommunismus agiert er als Whistleblower und lebt versteckt in Bolivien. Ein großer historischer Raum wird damit in den Blick genommen.

Besondere Beziehung zu Deutschland

Jonathan Franzen hat eine besondere Beziehung zu Deutschland. Er studierte in den späten 70er und frühen 80er Jahren Deutsch und verbrachte in diesem Rahmen auch zwei Jahre in der Bundesrepublik, eines davon in München – eine Stadt, die er damals mit gemischten Gefühlen erlebte. Der Schriftsteller ist Mitglied der Berliner Akademie der Künste, der heute vergebene Thomas-Mann-Preis folgt auf Ehrungen wie den Welt-Literatur-Preis und den Frank-Schirrmacher-Preis.

Immer wieder äußert sich der Amerikaner auch zu wichtigen gesellschaftlichen Fragen der Zeit. Im Essay "Wann hören wir auf, uns etwas vorzumachen?" (2020) warnt er eindringlich davor, die Gefahr einer Klimakatastrophe zu unterschätzen. Mehr noch: für Franzen zeigt sich deutlich, dass diese nicht mehr verhindert werden kann. Im vergangenen Februar unterzeichnete er mit über 1.000 Kolleginnen und Kollegen einen offenen Brief gegen den völkerrechtswidrigen russischen Angriffskrieg auf die Ukraine.

Verlagswechsel in Deutschland

Erschien "Crossroads" – der Auftakt einer Roman-Trilogie – noch im Rowohlt-Verlag, so werden, wie im Frühjahr bekannt wurde, die beiden folgenden Teile bei dtv veröffentlicht. Jonathan Franzen gehört zu einer Reihe von Autorinnen und Autoren, die der früheren, sehr erfolgreichen Rowohlt-Verlegerin Barbara Laugwitz zum neuen Haus gefolgt sind. Ebenso protestierte er 2018 mit namhaften Kolleginnen und Kollegen gegen die Kündigung von Barbara Laugwitz durch die Holtzbrinck-Verlagsgruppe, zu der auch Rowohlt gehört.

Der Thomas-Mann-Preis, den Jonathan Franzen heute in Lübeck erhält, ist mit 25.000 Euro dotiert. Er wurde erstmals 1975 – zum 100. Geburtstag des Namensgebers und Nobelpreisträgers – vergeben, damals an den Thomas-Mann-Biographen und Herausgeber Peter de Mendelssohn. Seit 2010 wird der Preis alljährlich von der Hansestadt Lübeck und der Bayerischen Akademie der Schönen Künste vergeben. Zu den Preisträgerinnen und Preisträgern gehören unter anderem Claudio Magris, Jenny Erpenbeck und Christa Wolf. Die Laudatio auf Jonathan Franzen hält der Literaturkritiker und Publizist Michael Maar.

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