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Jonas Lüscher
© picture alliance/KEYSTONE/ DOMINIC STEINMANN

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Iris Buchheim
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Jonas Lüscher

2013 debütierte Jonas Lüscher mit der aberwitzigen Novelle "Frühling der Barbaren" über eine glamouröse Hochzeitsgesellschaft eines Londoner Banker-Pärchens, die vom Kollaps der Börse erschüttert wird. Sein preisgekrönter Roman "Kraft" (2017) nimmt den bodenlosen Optimismus des Silicon Valley aufs Korn. Jetzt ruft der in der Schweiz geborene, in München lebende Schriftsteller zusammen mit dem österreichischen Philosophen Michael Zichy europaweit zu Demonstrationen gegen Nationalismus und für ein vereintes Europa auf. Iris Buchheim hat mit dem Schriftsteller über literarisches und politisches Engagement gesprochen.

Iris Buchheim: Herr Lüscher, Sie haben sich bisher vor allem als engagierter Literat zu Wort gemeldet – jetzt kommt ein europaweiter politischer Aufruf von Ihnen und Ihrem Freund Michael Zichy, der fünf Millionen Menschen für den Protest gegen Nationalismus mobilisieren will. Wie kommt ein Autor wie sie, der vornehmlich Protagonisten erfindet, die viel zögern und zaudern und nur im Nichthandeln groß sind, zu einer so großen politischen Aktion?

Jonas Lüscher: Eigentlich hat sich das so ergeben. Michael Zichy und ich telefonieren seit vielen Jahren regelmäßig alle zehn Tage und diskutieren politische Fragen – manchmal eine Stunde, manchmal zwei – und sind nach diesen Anrufen immer zusehends frustrierter geworden, weil sich doch viele Dinge in eine Richtung entwickeln, die uns große Sorgen macht. Und es war schon ein bisschen so, dass wir immer mehr das Gefühl hatten, wir reden und reden und tun aber nichts. Das kam uns irgendwann seltsam vor und irgendwann war es Michael Zichy, der gesagt hat: Wir müssen doch jetzt mal überlegen, was wir eigentlich Konkretes tun können. Daraus entstand dann diese Idee des Aufrufes, weil wir wussten, dass wir beide relativ gut verknüpft sind, ich in die Literaturszene, er in der Wissenschaftswelt, und dass wir diese Kontakte nutzen können.

Bei aller Vernetzung ist es ja doch ein ziemlich großer Schritt. Wenn ich meine Frage mit Hölderlin präzisieren darf: Der spricht im Gedicht "An die Deutschen" seine Zeitgenossen als "tatenarm und gedankenvoll" an – gleich Kindern, die sich nur einbilden, groß und mutig zu sein. Und dann fragt er – durchaus zögernd: "Oder kömmt, wie der Strahl aus dem Gewölke kömmt, / Aus Gedanken die Tat?" Ist Ihr politisches Handeln die Konsequenz aus Ihrem literarischen Schaffen, oder ist es eher ein Sinneswandel?

Weder noch, würde ich sagen. Es ist so, dass ich ja auch im Grunde genommen politische Literatur schreibe. Mich interessieren gesellschaftspolitische Themen in der Literatur und ich bin einfach schon immer ein sehr politischer Mensch gewesen, schon früher hat mich das Thema interessiert und umgetrieben. Aber es ist tatsächlich ein großer Schritt, der uns beiden auch viel Kopfzerbrechen bereitet hat, sodass wir lange überlegt haben, wollen wir das wirklich tun? Wir mussten – oder ich spreche lieber nur für mich als Autor: Ich musste plötzlich etwas tun, was ich nicht gewohnt bin, und Dinge aufgeben, die ich beim literarischen Schreiben sehr schätze. Nämlich eben dieses Zaudern beschreiben zu können, vage zu bleiben, immer im Zweideutigen zu bleiben, immer zu sagen: Die Dinge sind kompliziert. Das kann ich im literarischen Schreiben, da ist es mir wohl drin, in diesem Unklaren, Vagen zu sagen: Die Welt ist schmutzig und kompliziert. Wenn man dann plötzlich einen politischen Aufruf schreibt, muss man natürlich diese Art des Sprechens hinter sich lassen, man muss zu mehr Klarheit finden. Und das war tatsächlich auch ein schmerzhafter Prozess: Das war gar nicht so leicht, sich aus dieser Warte herab zu wagen, ganz konkret und eben auch teilweise in der Sprache sehr einfach zu werden. Das ist wirklich eine ganz andere Art als das literarische Schreiben.

Ich denke an Richard Kraft, den Rhetorik-Professor in ihrem letzten Roman "Kraft". Der teilt die Menschen ein in Füchse – das sind die freien Geister, die sich von Haus aus dem Vagen, Vielfältigen und Widersprüchlichen hingeben und sich nie für eine klare Sicht der Dinge entscheiden – und Igel. Das sind die Menschen, die alles Wissen und Sein einem Prinzip unterstellen und alles aus einem Guss haben wollen – eher politische Macher eben. Wie positionieren Sie sich heute zwischen Igel und Fuchs?

Ich bin natürlich üblicherweise komplett auf der Seite der Füchse. Es stimmt in gewisser Weise, dass man gerade in den Momenten, wo man die politischen Parolen formuliert, etwas zur Igelhaftigkeit tendiert. Und das ist auch etwas, was mir dann Probleme bereitet, wo ich dann über meinen Schatten springen muss und sagen muss, jetzt ist eine Zeit gekommen, wo gewisse Dinge einmal klar formuliert werden müssen. Und da ist, glaube ich, Politik – aktivistische oder Tagespolitik – sogar manchmal von Nöten. Man darf aber trotzdem nie vergessen, wie komplex die Dinge tatsächlich sind. Das ist eine ganz heikle, schwierige Gratwanderung.

Schon 50 europäische Städte machen morgen mit. Das ist natürlich schon wirklich gut. Aber da kann natürlich auch einiges aus dem Ruder laufen, oder?

Ja, das ist ein gewisses Risiko. Ich bin jetzt auch echt nervös, wie das alles laufen wird, weil wir ja tatsächlich etwas angestoßen haben, was wir natürlich nicht vollkommen unter Kontrolle haben. Es konnte ja auch nur so funktionieren, wir konnten ja nicht alle diese Demonstrationen selber organisieren und irgendwie im Griff haben, denn so etwas funktioniert ja nur, wenn es sich in gewisser Weise verselbstständigt.

Hannah Arendt sagte einmal "Der Philosoph, der in der Öffentlichkeit eingreifen will, ist kein Philosoph mehr, sondern Politiker; er will nicht mehr nur Wahrheit, sondern Macht." Wie stehen Sie zu diesem Diktum?

Da steckt natürlich ein Kern Wahrheit drin, wobei mich weder als Philosoph noch als Autor jemals Wahrheit interessiert hat und genauso wenig interessiert mich, glaube ich, als politischer Aktivist die Macht. Sonst hätte ich anders operiert, dann würde ich wirklich in eine Partei gehen und ein Amt anstreben.

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Iris Buchheim

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Zündfunk vom 12.10.2018 - 19:05 Uhr