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Jonas Geißler: Das Zeit-Wahrnehmungs-Paradox | BR24

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Jonas Geißler

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    Jonas Geißler: Das Zeit-Wahrnehmungs-Paradox

    Smartphone sei dank, kann man heute auf die Uhr schauen, E-Mails checken und mit Freunden in Verbindung bleiben – alles gleichzeitig. Das ist ein Freiheitsgewinn, aber führt auch zur Verdichtung des Alltags und zu einem Zeit-Wahrnehmungs-Paradox.

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    Immer schneller, immer weiter, immer mehr. Während die Menschheit die längste Zeit nach dem Rhythmus der Natur lebte, veränderte die Erfindung der Uhr dies grundlegend: Fortan lebten die Menschen nach einem gleichförmigen Takt, der sich in der heutigen Informationspostmoderne zur Verdichtung und Vergleichzeitigung entwickelt hat – heute passiert alles gleichzeitig. Das bedeutet Stress, denn bei all der Gleichzeitigkeit hat sich eine Größe nicht richtig mitentwickelt: Die begrenzte Ressource unserer Aufmerksamkeit.

    Das Smartphone als "Vergleichzeitigungsinstrument"

    Zeit ist Geld. Diese kapitalistische Formel ist ein Grund dafür, das alles schneller wird. Schafft man noch mehr in weniger Zeit, bedeutet das auch noch mehr Geld. Doch als selbst die Finanztransaktionen nicht mehr zu beschleunigen waren, kam eine neue Größe hinzu: Die Verdichtung.

    Das Smartphone ist Ausdruck der Beschleunigung und befördert diese weiter, so der Zeitforscher Jonas Geißler: "Das Handy reagiert vor allem auf Verdichtung, als eine Form der Beschleunigung: Mehr in gleicher Zeit. Ein schönes Beispiel dafür: Wenn ich auf die Uhr schaue, kriege ich genau eine Information, nämlich wie spät es ist. Wenn ich aufs Smartphone schaue, um die Uhrzeit zu erfahren, dann sehe ich zudem, dass ich noch 17 neue WhatsApps, Posts, und Emails habe. Mit dieser Information macht unser Gehirn etwas. Wir sind einfach neugierig, denn hinter den unbearbeiten Vorgängen kann sich immer was Interessantes verbergen."

    Daher ist das Handy auch ein "Vergleichzeitigungsinstrument": Paralleles Verbundensein, geschichtetes Arbeiten. Ein Paradox. Denn eigentlich verspricht das Smartphone auch einen Freiheitsgewinn, die Zeit individuell und flexibler zu nutzen

    Die Erwartungs-Erwartung: Was erwarte ich, das andere erwarten?

    Wir haben mehr Möglichkeiten, unsere Zeit zu gestalten, als alle Generationen zuvor. Aus individueller Perspektive ist das ein Ausdruck von Wohlstand. Aber: Aus sozialer Perspektive sind an diese neuen Möglichkeiten und Zugänge Erwartungen und "Erwartungs-Erwartungen" geknüpft, so Jonas Geißler. "Wann bin ich erreichbar, wann nicht. Was erwarten die Leute aus meinem sozialen Umfeld, wie z.B. meine Kinder, Partner, Kollegen, Arbeitgeber, und Kunden von mir an Erreichbarkeit? Was glaube ich, dass andere von mir erwarten?"

    Diese Erwartungs-Erwartungen sind ein mächtiger Hebel. So gilt bei E-Mails mittlerweile, dass sie fast ebenso schnell wie ein Telefonanruf beantwortet werden. Das gelingt allerdings nur, wenn das E-Mail-Programm immer geöffnet ist.

    Das Zeit-Wahrnehmungs-Paradox

    Über lange Zeit hinweg war die Wahrnehmung von Zeit durch das Erlebte geprägt, also: In einer Situation, in der viel passiert, wie im Urlaub in einer neuen Stadt, vergeht die Zeit im Moment gefühlt schnell – in der Rückschau wird sie lang, weil sie mit vielen Erinnerungen gefüllt wurde. Umgekehrt vergeht die Zeit langsam, wenn wir wenig erleben, zum Beispiel im Wartezimmer des Arztes. In der Rückschau wird sie als kurz empfunden, da nichts passiert ist.

    Das Smartphone hat diese Wahrnehmung verändert, sagt der Zeitforscher Jonas Geißler: "Wenn man sehr viel Oberflächliches tut, so wie das Wischen auf dem Smartphone–hier ne E-Mail, da ein Post – dann ist das das Muster 'kurz-kurz'. Das heißt: Im Erleben ist es kurz – 'Ich bin ins Internet gesaugt worden, schon zwei Stunden vorbei' – aber auch in der Rückschau bleibt nichts. Es ist keine erfüllte Zeit."

    Das ist ein Grund, warum viele Menschen sagen, die Zeit vergehe so schnell. Durch das Handy ist die Wahrnehmung sehr oberflächlich geworden. "Wenn man so will, ist es von der Zeitwahrnehmung her eine lebensverkürzende Maßnahme." So der Zeitforscher.