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"Das Nichtwissen kann kostbar sein" | BR24

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Der Videokünstler Jonas Alsleben in unserem Corona-Tagebuch

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"Das Nichtwissen kann kostbar sein"

Das Neue kann man nicht kennen, sonst wäre es nicht neu. Sagt der Filmemacher und Videokünstler Jonas Alsleben. Und: die aktuelle Situation ist für alle Neuland. Doch wie soll man dem Neuen begegnen – fragt er in unserem Corona-Tagebuch?

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Jonas Alsleben (*1981) ist freier Filmemacher und Videokünstler. Für das Bayerische Staatsschauspiel gestaltet er zurzeit ein Videotagebuch "Tagebuch eines geschlossenen Theaters". Die aktuelle Situation ist für ihn in erster Linie etwas Neues, also Unbekanntes. Wie sich das anfühlt und wie man mit diesem Neuen umgehen kann - dazu hat er sich in unserem Corona-Tagebuch Gedanken gemacht.

Von Neuem wird man meistens überrannt. Wenn es nicht gerade ein geplanter Fallschirmsprung ist, den man verabredet, geübt und bezahlt hat, kommt das Neue oft sehr plötzlich und unausweichlich und meistens springt man nicht freiwillig in das Neue. Man wird hineingeworfen. In Etwas geworfen. Es fühlt sich jedenfalls so an, weil es so schnell geht und weil man dieses Etwas nicht kennt. Das Neue kann man nicht kennen, sonst wäre es nicht neu. Es ist unbekannt. Es ist ein Moment der Stille, des Vakuums, der Stillstand, in dem noch nichts entschieden oder bewertet ist, es kann in alle Richtungen gehen und man weiß weder welche es sein wird, noch ob sie günstig oder eher ungünstig für einen ist. Manchmal hat man in unserer entdeckten Welt, in der jeder Zentimeter vermessen und kartographiert ist, das Gefühl es gebe nichts Neues mehr, das so kollektiv unbekannt sein kann. Und jetzt ist das Neue da und es ist kollektiv neu und es nimmt viel Platz ein und man weiß nicht weiter.

Fast erschreckend prophetisch kommt mir meine Videoinstallation "Zu Füssli" vor, die ich Anfang letzten Jahres im Kunstmuseum in Basel gemeinsam mit dem Regisseur Thom Luz gezeigt habe, in der SchauspielerInnen des Theater Basels fast geisterhaft durchsichtig durch leere Museumsräume tollten.

"Wir befinden uns in einer globalen Lücke"

Mein Name ist Jonas Alsleben, ich bin freier Videokünstler und Filmemacher. Innerhalb meiner bisherigen Lebenszeit kann ich mich an keinen Umstand erinnern, in dem wir alle so gleichzeitig dem Nichtwissen ausgesetzt waren. Wir befinden uns alle in einer globalen Lücke. In der Kunst steht man auch oft vor Leerstellen, bevor man sie füllt, aber sie fühlen sich nur global an, sie sind es meistens nicht. Trotzdem weiß man aus dem künstlerischen Arbeiten, dass dieser Moment, in dem man nicht weiß, sehr kostbar sein kann. Er birgt Platz für Unreifes, Spontanes, für Zufälliges. Die Kunst braucht, sofern man sie als Ausdruck von Denken versteht und nicht in erster Linie als ästhetisches Produkt, die Ungewissheit, um sich formulieren zu können.

In meiner aktuellen Arbeit beschäftige ich mich gerade sehr viel mit diesem unreifen, suchenden Moment des nicht Wissens. Das Bayerische Staatsschauspiel hat mich engagiert, als Beitrag zur gegenwärtigen Situation, ein Videotagebuch für das Theater zu gestalten. Die Reihe heißt "Tagebuch eines geschlossenen Theaters". In Zusammenarbeit mit den wunderbaren Ensemblemitgliedern und den Assistentinnen des Residenztheaters collagiere ich jeden Tag einen kurzen Film, der auf allen digitalen Kanälen des Residenztheaters veröffentlicht wird.

"Erst, wenn man nicht weiter weiß kann man ins Gespräch kommen"

Das "Tagebuch eines geschlossenen Theaters" ist ein Kaleidoskop, eine flüchtige Begegnung. Sie ist mal sehr persönlich und anrührend, zeigt nächtlich ratternde Gedanken, diverse Innen- und Außenperspektiven, ist mal zum Weinen, mal komisch, wenn Schauspieler die großen Monologe für Enten rezitieren, Klassiker aus dem Fenster rufen, oder die klassische Dramenanalyse als Beauty Tutorial tarnen, aber auch mal sperrig und unzugänglich, wenn zum Beispiel ein Gedicht von Bertolt Brecht auf ein filmisches Zitat von Monte Hellman trifft.

Was die Form eint, ist, dass sie sich uneinig ist. Aber wie auch bei einem traditionellen Tagebuch, ist es gerade diese assoziative Form, die es ermöglicht, Gedankenräume zu öffnen, in denen man ins Unreine formulieren kann.

Es ähnelt ein wenig dem Cadavre Exquis, einer künstlerischen Praxis, die sich die Dadaisten und frühen Surrealisten als Werkzeug für das Spiel mit dem Zufall erdacht haben. Ein Spiel, in dem ein Satz oder eine Zeichnung, von mehreren Künstlern vollendet wird, ohne zu sehen, was die Mitspieler beigetragen haben. Wie in diesem Spiel, fügt sich im "Tagebuch eines geschlossenen Theaters" ein Film an den nächsten und erst die unterschiedlichen Facetten ergeben ein Ganzes.

Immer wieder muss ich in dieser Zeit der Extreme, an einen Satz denken, den mein kürzlich verstorbener Vater und Netzkunstpionier Kurd Alsleben in seiner künstlerischen Arbeit geprägt hat: "Es ist wichtig, dass möglichst viele Leute sagen: Ich weiß allein nicht weiter. Denn erst, wenn man nicht weiter weiß kann man überhaupt ins Gespräch kommen."

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