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Wie Hitler in "Jojo Rabbit" zur Witzfigur gemacht wird | BR24

© Twentieth Century Fox

Attacke! Jojo Rabbit und sein imaginärer Freund Adolf Hitler üben einen Angriff mit Handgranate

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Wie Hitler in "Jojo Rabbit" zur Witzfigur gemacht wird

Darf man über Hitler lachen? Diese Frage schwebt wie ein Damoklesschwert über der sechsfach Oscar-nominierten Satire "Jojo Rabbit". Antwort: Bitte ja! Denn Regisseur Taika Waititi hat vielleicht nicht alles, aber doch sehr viel richtig gemacht.

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Taika Waititi – für viele ist allein schon dieser Name ein Grund zum Schmunzeln. Was okay ist, denn Humor ist eine der effektivsten Waffen des neuseeländischen Regisseurs, Lachen also ausdrücklich erwünscht. Auch über ihn selbst, schließlich übernimmt er oft genug selbst Rollen in seinen Filmen. Wobei der Name seiner aktuell verkörperten Figur eher Unbehagen auslöst. Denn beim Stichwort Adolf Hitler hört für viele der Spaß auf.

Für Jojo Rabbit, den Titelhelden in Waititis neuestem Werk, ist Hitler jedoch eine große Stütze. Der größenwahnsinnige Diktator mit der schnarrenden Stimme taucht immer dann auf, wenn es dem kleinen Nazi besonders schlecht geht.

Hitler als imaginärer Freund in Krisenzeiten

Hitler ist Jojos unsichtbarer Freund. Dass seine Motivationssprüche oft nur idiotische Ansagen sind, die unter anderem dazu führen, dass sich der Zehnjährige aus Versehen selbst in die Luft sprengt, hat Jojo noch nicht erkannt. Wie all die anderen Nazis vertraut er Hitler blind und sieht nicht, dass der Führer kein Engel, sondern der Teufel auf seiner Schulter ist. Aber in dunklen Zeiten – noch dazu, wenn der eigene Vater seit Jahren vermisst ist und der Zweite Weltkrieg schlecht auszugehen scheint für die Deutschen – suchen schwache Persönlichkeiten eben nach einer starken Hand. Denn in punkto Endkampf sind die pazifistischen Tipps von Jojos Mutter ganz und gar nicht zielführend.

© Twentieth Century Fox

Weiß, was er tut: Der neuseeländische Regisseur Taika Waititi

Waititis schräge Coming-of-Age-Story über einen fanatischen Führer-Fanboy hat einen langen Weg hinter sich. Bereits 2012 landete "Jojo Rabbit" auf der sogenannten Blacklist, einer jährlich veröffentlichten Liste mit den besten unverfilmten Hollywood-Drehbüchern. Damals hat sich niemand an den Stoff herangetraut. Dann kam das Jahr 2017 und "Thor: Tag der Entscheidung", der überdrehteste Superheldenfilm, der je die Leinwand erblickt hat. Regie: Taika Waititi. Spätestens jetzt war klar: Der irre Humor des Neuseeländers hat Blockbuster-Qualitäten. Dass er ebenso warmherzige wie scharfsinnige Filme mit jungen Darstellern umsetzen kann, hatte er mit vorausgegangenen Indiehits wie "Boy" und "Wo die wilden Menschen jagen" schon zur Genüge bewiesen. Das Wagnis Weltkriegs-Satire, es schien plötzlich gar nicht mehr so risikoreich.

In den Fußstapfen von Charlie Chaplin und Mel Brooks

Natürlich gilt für "Jojo Rabbit", was für jede Satire gilt: Humor ist Geschmackssache. Und die alles andere als ernste Auseinandersetzung mit Themen wie Holocaust und Krieg ist eine heikle Angelegenheit. Aber der jüdische Maori Taika Waititi tritt nicht leichtfertig in die Fußstapfen von Vorbildern wie Charlie Chaplin oder Mel Brooks. Auch er macht Hitler nach allen Regeln seiner Kunst lächerlich, legt ihm eine Dummheit nach der nächsten in den Mund, lässt ihn durch den Fleischwolf gedrehtes Einhorn verspeisen und inszeniert ihn als durchgeknallten Rockstar mit surreal blauen Augen, der in Jojos Kinderzimmer als Posterboy an den Wänden hängt.

Überhaupt sind die Erwachsenen in dieser Nazi-Ideologie-verseuchten und stückweise zerfallenden Welt nicht ganz sauber im Oberstübchen. Einzige Ausnahme: Jojos Mutter, mit hinreißendem Charme gespielt von Scarlett Johansson. Die alleinerziehende Widerstandskämpferin versucht ihrem Sohn die Führerflausen auszutreiben und betont wieder und wieder, wie sinnlos und dumm Krieg sei.

Gut möglich, dass solche all zu simplen Botschaften in Kombination mit der poppigen Wes-Anderson-Ästhetik des Films zu ähnlichen Reaktionen wie Ende der 60er-Jahre führen. Damals sorgte Mel Brooks' "Frühling für Hitler" für gemischte Reaktionen: Das junge Publikum feierte die Komödie, das ältere war weniger begeistert. Am Ende gab es den Oscar für das beste Drehbuch. Auch "Jojo Rabbit" ist in dieser Kategorie für einen Oscar nominiert. Ob er nun gewinnt oder nicht: Dass vor allem junge Leute "Jojo Rabbit" lieben werden, davon ist mit ziemlicher Sicherheit auszugehen.

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