Zurück zur Startseite
Kultur
Zurück zur Startseite
Kultur

Der Roman "Die Mauer" beschreibt eine Welt nach dem Klimawandel | BR24

© picture alliance / Photoshot

Schriftsteller John Lanchester hat einen neuen Roman veröffentlicht.

Per Mail sharen

    Der Roman "Die Mauer" beschreibt eine Welt nach dem Klimawandel

    John Lanchester entwirft in seinem Roman "Die Mauer" eine düstere Zukunft Englands, in der die Insel Flüchtlinge mit einem streng bewachten Wall abwehren will. Die Idee dazu kam dem Autor durch einen wiederkehrenden Traum.

    Per Mail sharen

    Es ist eine Dystopie, die der 56-jährige John Lanchester in "Die Mauer" (Autor des Bestsellers "Kapital") imaginiert: England ist eine Festung geworden, eine von einer "Bank aus Beton“ umgebene Trutzburg. Um die Insel zieht sich ein zehntausend Kilometer langer, streng bewachter Wall - zur Abwehr von Klimaflüchtlingen. Es ist ein Kampf der "Unsrigen" gegen die "Anderen" – mit Drohnen, Nachtsichtgeräten, Granatwerfern und Gewehren. "Die Mauer musste vom Meer aus wie ein fürchterliches Monstrum aussehen, eine flache, grausame Linie, wie eine Narbe. So ausdruckslos und nackt, so erbarmungslos, so unerbittlich", heißt es in Lanchesters neuem Roman.

    Knut Cordsen: Können Sie sich daran erinnern, wie Ihnen die Idee zu diesem Roman kam?

    John Lanchester: Ich hatte ursprünglich gar nicht vor, diesen Roman zu schreiben, steckte mitten in einem anderen Projekt, aber dann hatte ich einen wiederkehrenden Traum: Dieser Traum handelte davon, dass ein Mann auf einer Mauer nachts Wache steht. Er steht dort allein, und er schaut aufs Meer, das an die Mauer schlägt. Da dieses Bild mich Nacht für Nacht wieder einholte, fragte ich mich, wer diese Person da auf der Mauer ist, warum er dort ist und wie die Welt aussieht, in der er lebt. Irgendwann wurde mir bewusst, dass dies die Welt nach dem Klimawandel, nach einem Anstieg des Meeresspiegels ist. Und aus diesem Bild und dem Nachdenken darüber wurde die Geschichte im nun vorliegenden Buch.

    Ein junger Mann bildet die Hauptfigur in "Die Mauer": Joseph Kavanagh. Er ist "nach dem Wandel" geboren, d.h., nach dem Klimawandel. Und er leistet, wie jeder Bürger dieses fiktiven Staates England, seinen zweijährigen Wehrdienst als "Verteidiger" ab.

    Die Menschen stehen dort auf der Mauer Wache, um "die Anderen" daran zu hindern, über die Mauer zu kommen. Der Klimawandel hat viele Menschen zur Migration gezwungen, zur Flucht aus ihrer Heimat über das Meer in die als sicher geltenden Gebiete dieser Welt. Zu denen gehört England in meinem Roman. Die "Verteidiger" wissen: Wenn sie versagen sollten und die "Anderen" es schaffen, vom Meer aus die Mauer zu überwinden und ins Landesinnere zu gelangen, dann werden sie selbst zur Strafe auf dem Meer ausgesetzt. Diejenigen aber, die die Mauer überwunden haben und verhaftet werden, stellt man vor die Wahl, entweder ebenfalls zurück aufs Meer geschickt zu werden und damit dem sicheren Tod entgegenzusehen oder zu "Dienstlingen" auf der Insel zu werden. Auch wenn ich es nicht so nenne, heißt das nichts anderes als dass sie sich in Sklaverei begeben.

    Neben den "Dienstlingen" gibt es im Roman auch einige wenige "Fortpflanzler".

    Ja, man kann die Mauer unter einer Bedingung verlassen: unter der, Kinder zu zeugen und großzuziehen. Diese "Fortpflanzler" haben mehr Rechte als die Übrigen, weil diese Gesellschaft dringend auf Nachwuchs angewiesen ist. Aber kaum einer will mehr Kinder in diese schreckliche neue Welt setzen.

    Ihr Roman signalisiert, dass wir uns in einer nahen Zukunft befinden. Vieles scheint uns vertraut (etwa die Mobiltelefone, die "Kommunikatoren" heißen), und dennoch eignet der Geschichte etwas Überzeitliches, Parabelhaftes. Ist es eine Parabel?

    Als ich daran schrieb, dachte ich nicht daran. Das heißt aber nicht, dass Sie Unrecht haben, manchmal sind ja in Büchern Absichten verankert, die dem Autor gar nicht bewusst sind. Ich wollte die Details dieser kalten, abweisenden Welt enträtseln und in allen Konsequenzen zeigen, was es für einen wie Joseph Kavanagh heißt, in dieser Welt leben zu müssen. Jeder Bürger muss in diesem Staat zwei Jahre Wehrdienst auf dem Wall, auf der Mauer leisten – als Teil der Nationalen Küstenverteidigungsbefestigung. Sein strikt geregeltes, eintöniges Leben besteht aus nichts anderem als dieser Aufgabe. Die Geschichte verbot mir jeden üppigen, ausufernden Stil. Der Stil musste so kahl sein wie das Leben der darin beschriebenen Personen - daher wohl die parabelhafte Anmutung des Ganzen.

    © Klett Cotta

    Eine Dystopie über den Klimawandel und seine Folgen: der neue Roman von John Lanchester.

    Es ist die Rede von "Babypolitikern" und von privilegierten "Kleinkindern der Elite", die das Land steuern, indem sie, frisch von den Unis kommend, "ihre Jungfernschaft im Lügen verlieren". Man kann sich gar nicht dagegen wehren, dabei an Figuren des realen politischen Lebens in Großbritannien zu denken – v.a. aber erinnert das ganze Setting Ihres Romans – ein sich abschottendes Großbritannien – an den bevorstehenden Brexit. Ist "Die Mauer" auch ein Roman über den Brexit?

    Nicht bewusst, aber es wäre schon eine seltsame Fügung, wenn ich im Jahr 2016 einen Roman begonnen hätte, ohne den Brexit in irgendeiner Weise einfließen zu lassen. Schließlich fand das Referendum 2016 statt. Dennoch, mir ging es im Wesentlichen um den Klimawandel, nicht um den Brexit. Auch deshalb, weil der Klimawandel irreversibel ist – im Gegensatz zum Brexit. Meine Kinder werden es noch erleben, dass England wieder Mitglied der Europäischen Union ist. Wir können doch nicht die Insel irgendwo in den Pazifik schleppen und dort lassen. Wir wissen doch, wohin wir geographisch gehören. Und die Beziehung zum europäischen Festland war immer ein wesensbestimmender Bestandteil britischer Identität. Das, was wir gerade erleben, ist eine Art Spasmus, ein Krampf. Der wird sich wieder lösen. Aber es wird schon so sein: Das im Roman evozierte Bild einer Insel, die sich vom Rest der Welt abriegelt, muss von der Realität beeinflusst sein. Ich habe da offenbar etwas von unserer Wirklichkeit heute in meine Fiktion übernommen.

    Sehen Sie es als Ihre Aufgabe an, als Schriftsteller gegen den Brexit anzuschreiben?

    Ich glaube nicht daran. Ich habe zwar darüber nachgedacht, aber es ist ja so, dass meine Anhängerschaft, wenn ich denn überhaupt eine habe, ohnehin für den Verbleib in der EU gestimmt hat. Die beiden Lager "remain" und "leave" stehen sich unversöhnlich gegenüber. Es wird da in zwei Sprachen über ein und dasselbe gesprochen. Die eine Form der Auseinandersetzung ist eine rein ökonomische und befasst sich ausschließlich mit britischen Interessen, die andere Form der Debatte über den Brexit dreht sich um Unsicherheit, eine nostalgische Sehnsucht nach vergangener Größe und Angst. Das ist ein Problem des gesellschaftlichen Gesprächs über den Brexit: Die Befürworter reden allein über wirtschaftliche Folgen, die Gegner eines Austritts aus der EU sprechen nur über Angst. Man kann Menschen schwerlich ihre irrationalen Ängste ausreden.

    Obwohl es in der Finanzwelt und der internationalen Politik Konsens ist, dass ein Brexit irgendetwas zwischen einem Fehler und einem Desaster wäre, haben sich die Umfragewerte in der breiten Bevölkerung seit dem Brexit-Votum 2016 nicht so stark verschoben wie man oft annimmt. Das Befürworter-Lager hat bis heute nur einige wenige Prozentpunkte eingebüßt – und das bei ununterbrochenem Bombardement mit Aussagen darüber, wie schlecht so ein Brexit für Großbritannien wäre. Ich weiß nicht, mit welchen Mitteln man noch die Menschen überzeugen soll. Deshalb gehöre ich auch der Schule an, die sagt: Man kann den Brexit erst dann rückgängig machen, wenn er einmal durchgemacht wurde. Wenn man ein Mehrheitsvotum, und sei es noch so knapp, einfach ignorieren und sagen würde: Wir haben falsch gewählt, also lasst es uns doch nicht machen, würde das die Textur unserer Demokratie extrem beschädigen.

    John Lanchesters Roman "Die Mauer" ist im Klett-Cotta-Verlag erschienen. Er wurde aus dem Englischen übersetzt von Dorothee Merkel. Er kostet 24 Euro und hat 348 Seiten.

    Buchrezensionen, Literaturdebatten und Autoreninterviews – Diwan, das Büchermagazin gibt es auch als Podcast. Hier abonnieren!

    Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!