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Sohn des Entführten: Johann Scheerer schreibt über seine Jugend | BR24

© Stefan Schmid

Der Schriftsteller Johann Scheerer

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    Sohn des Entführten: Johann Scheerer schreibt über seine Jugend

    In seinem Roman "Unheimlich nah" lotet Johann Scheerer das komplizierte Verhältnis zu seinem Vater Jan Philipp Reemtsma aus. Nach dessen Entführung wuchs der Sohn mit Personenschutz auf, nun schreibt er über eine Teenager-Zeit unter Dauerbewachung.

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    Von
    • Knut Cordsen

    Nah, so sagte es Johann Scheerer vor drei Jahren, als sein Debüt "Wir sind dann wohl die Angehörigen" erschienen war, nah seien er und sein Vater sich paradoxerweise gerade durch die Entführung Jan Philipp Reemtsmas gekommen – durch die Briefe, die der Vater aus dem Keller an seinen Sohn schrieb. "Natürlich stellt so eine Extremsituation eine Nähe her", erklärt Scheerer.

    Der Sohn von Jan Philipp Reemtsma

    Wenn man diese Nähe allerdings genauer unter die Lupe nehme, dann merke man, dass es eben keine natürliche Nähe ist, sondern eine von außen aufgezwungene: "Und wenn man sich anguckt, wie unsere Familie vor der Entführung mit Zuneigung oder auch ganz stumpfen, alltäglichen Körperlichkeiten umgegangen ist – wir haben uns sehr selten umarmt oder waren alles andere als gefühlsduselig –, da sieht man, dass im Grunde diese aufgezwungene Nähe jetzt überhaupt nichts ist, was mir bekannt vorkam, sondern das hat sich eher zusätzlich fremd angefühlt."

    "Unheimlich nah" nennt Johann Scheerer nun die Fortsetzung seiner Geschichte. Diesmal deklariert er sie als Roman, obwohl er selbst darin wie schon im Vorgängerbuch mit seinem Namen auftaucht. Genauso wie alle anderen, seine Eltern Ann-Kathrin Scheerer und Jan Philipp Reemtsma sowie die Entführer seines Vaters. "Ich hatte keine Lust", so der Autor, "minutiös aufzulisten, wie es genau war. Das war gar nicht mein Anspruch, mein Anspruch war emotionale Wahrhaftigkeit."

    Personenschützer als Schreckgestalten

    Diesmal geht es dem heute 38-jährigen Scheerer um die Jahre nach der Entführung 1996 – um das Aufwachsen eines Teenagers, dessen Kindheit und Jugend im feinen Hamburg-Blankenese sowieso behütet ist, doch nach dem Verbrechen bekommt sein Elternhaus eigene Hüter. Diverse Personenschützer bewachen das Anwesen und seine Bewohner Tag und Nacht, beziehen ein eigenes Haus auf dem Grundstück, folgen Johann auf Schritt und Tritt – ob er sich mit Freunden trifft oder in den Urlaub nach Portugal fährt. Schon am Flughafen erwartet Johann ein sonst Staatenlenkern vorbehaltener Geleitschutz.

    Der um ihn aufgebaute Sicherheitskordon bewaffneter Männer ist so gewaltig, dass sie angsteinflößend wirken auf denjenigen, den sie beschützen: Sie werden zu "Schreckgestalten". Im Buch heißt es: "Ich hatte Angst vor der neuen, unheimlichen Nähe zu diesen Fremden. Würde ich dieser Sicherheit jemals wieder entkommen können?"

    © Piper Verlag

    "Unheimlich nah" von Johann Scheerer / Cover: Piper Verlag, Collage: Bayerischer Rundfunk

    Der verstellte Blick auf die Wirklichkeit

    Dazu sagt der Autor im Gespräch: "Ich habe gerade die Obama-Biografie gelesen, und da gibt es ein paar Seiten, auf denen er beschriebt, was mit ihm passiert ist, als er das erste Mal mit dem Secret Service zu tun hatte. Das fand ich natürlich total interessant zu lesen, weil er schreibt, er hat das ein oder andere Mal versucht, sich herauszuschleichen und heimlich Taco essen zu gehen oder so – und er hat gemerkt, dass dieses ständige Bewachtwerden seinen Blick auf die Außenwelt verändert. Er hatte auf einmal viel mehr Angst. Und diese Angst kam daher, dass er beschützt wurde und er sich gefragt hat: Ok, allein die Tatsache, dass ich beschützt werde, bedeutet ja, dass ich mich fürchten muss."

    Man habe also, schließt Scheerer, sofort einen ganz neuen Blick auf die Außenwelt, und besonders für einen Jugendlichen ginge der mit allerhand Sozialproblemen einher. Man könnte nun einwenden: Das sind Rich-Kids-Probleme. Welche Familie kann sich schon eine eigene mehrköpfige Security leisten – und das über Jahre hinweg? Aber Johann Scheerer schafft es, überaus anschaulich und spannend zu erzählen von einer außergewöhnlichen Adoleszenz, in der sich einer nach nichts mehr als Normalität sehnt.

    Ein Verbrechen und seine Folgen

    Die Personenschützer bewachen ihn auch noch sechs Jahre nach der Entführung seines Vaters rund um die Uhr, als er kurz nach dem Abitur seine erste eigene Wohnung im Hamburger Schanzenviertel bezieht: "Es gibt in Deutschland immer den Moment, dass, wenn der Nachname meines Vaters fällt, sich etwas im Zusammensein mit anderen Menschen verändert, weil dieses Verbrechen so prominent war und weil es einhergeht mit allen möglichen Fantasien, die dann auf einen projiziert werden."

    Und so ist dieses zweite Buch Johann Scheerers eben weitaus mehr als eine Coming-of-Age-Geschichte, in welcher der Held irgendwann Kokain und Crystal Meth nimmt und schließlich so wie sein reales Vorbild die Erfüllung in der Musik findet – mit Schüler-Bands, die "Am kahlen Aste", "Score!" oder "Psychodiskothek" heißen.

    Der Vater: fern, einsilbig, launenhaft

    "Wir gehen durch die Welt und sind irgendwie markiert", sagt Jan Philipp Reemtsma seinem Sohn am Ende dieses Buches in einem Telefonat. Reemtsma, der es hasst zu telefonieren, ruft seinen Sohn an. Er, der ferne, launenhafte, einsilbige Vater, der in "konzentrierter Strenge" ein Gelehrtenleben führt, das nur aus Lesen und Schreiben besteht, "kaum ansprechbar" für seinen Sohn, greift von sich aus zum Hörer. "Mein Vater selbst aber war fort", schreibt Johann Scheerer an der berührendsten Stelle dieses Buches: "Vor ein paar Jahren war er zurückgekommen, hatte aber einen Teil von sich nicht wieder mitgebracht. Nun suchte er unaufhörlich danach, ohne es selbst zu merken."

    "Unheimlich nah" ist auch ein Brief an den Vater: "Was ich versucht habe in diesem Buch zu beschreiben, ist die Hilflosigkeit und auch das unverschuldete Dasein als Verbrechensopfer. Ich lasse die Hauptperson Johann mehrmals sagen, dass es sich irgendwie so anfühlt, als sei das ein anderer Vater, der da zurückgekommen ist, als sei er irgendwie nicht komplett zurückgekommen. Und so versuche ich irgendwie diesem Verbrechenstrauma auf die Schliche zu kommen."

    "Unheimlich nah" von Johann Scheerer ist bei Piper erschienen.

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