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Wie Johann König als "Blinder Galerist" Erfolg hat | BR24

© Bayern 2

Die ART Basel startet, eine der größten Kunstmessen der Welt. Unter den geladenen Top-Händlern ist Johann König, in Deutschland einer der wichtigsten Galeristen - und der ungewöhnlichste. Er ist "Blinder Galerist", so der Titel seiner Autobiografie.

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Wie Johann König als "Blinder Galerist" Erfolg hat

In einer Betonkirche in Berlin betreibt Johann König eine der wichtigsten Galerien Deutschlands, er vertritt Künstler wie Norbert Bisky. In dem Buch "Blinder Galerist" beschreibt König, wie ihm das trotz Sehbehinderung gelungen ist.

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Johann König ist gerade mal 37 Jahre alt, und doch hat ihn vor zehn Jahren bereits das britische Magazin Art Review in die Liste der 100 einflussreichsten Personen der zeitgenössischen Kunst aufgenommen. "Eine in vieler Hinsicht fragwürdige Liste" sei das, schreibt Johann König zusammen mit seinem Co-Autor Daniel Schreiber in seinem Buch "Blinder Galerist", und doch darf seine Aufnahme in die berühmte Liste als sicheres Indiz für seinen Status gelten.

Zur Eröffnung seiner erster Galerie kam fast niemand

Er vertritt heute Künstler wie Norbert Bisky, Katharina Grosse, Jorinde Voigt und Erwin Wurm sowie Natascha Sadr Haghighian, die gerade erst den deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig gestalten durfte. Vor Jahren schon zeigte König in seiner Galerie ihre Audio-Installation "Die Krankheiten des Uhus und ihre Bedeutung für die Wiedereinbürgerung in der Bundesrepublik Deutschland". Namen, von denen er nicht zu träumen wagte, als er 2002 seine erste Galerie gegenüber von der Berliner Volksbühne aufmachte – und fast keiner zur Eröffnung kam. Er sei "völlig zusammengebrochen und habe nur geheult", erinnert sich Johann König rückblickend – sein Buch ist eben auch und vor allem eines darüber, mit schweren Rückschlägen, mit Schicksalsschlägen fertig zu werden.

Fast blind durch einen Unfall mit 12 Jahren

Mit zwölf Jahren hantiert er in seinem Kinderzimmer mit Munitionskügelchen aus einer Startschusspistole, befreit sie dafür vom üblichen Styropor, woraufhin sie explodieren. Die Explosion zerfetzt ihm die Hände und raubt ihm nahezu das gesamte Augenlicht. Der Junge, in dessen Elternhaushalt Künstler ein und aus gehen – sein Vater ist der legendäre Ausstellungsmacher Kasper König – kann nichts mehr sehen. Der Unfall wird sein Leben bestimmen, zahlreiche Operationen, Hornhauttransplantationen folgen, sogenannte Keratoplastiken, die ihm heute eine Sehfähigkeit von etwa 30 Prozent verleihen. Dieser Unfall wird fortan seinen Überlebenswillen und seinen Ehrgeiz anstacheln. An einer Stelle seines beeindruckenden Memoirs heißt es: "Paradoxerweise ist es wahrscheinlich so, dass meine Sehbehinderung an meinem Erfolg einen nicht unwesentlichen Anteil hatte."

© Ullstein Verlag/ Foto privat

Schon jung immer mit Kunst und Künstlern umgeben: Johann König mit seinem Vater in einer Ausstellung.

Galerist aus Not und Leichtsinn

Im Gespräch erklärt Johann König, was er damit meint: "Also das eine ist, dass ich schon in sehr jungen Jahren eine Galerie gegründet habe aus einer Not heraus, nichts Anderes machen zu können. Der richtige Weg wäre eigentlich gewesen zu studieren, in die Lehre zu gehen, irgendwo zu arbeiten und darüber dann den Weg in den Kunstbetrieb zu finden. Ich wollte unbedingt mit Kunst arbeiten und der einzige Weg, den es gab, war, etwas Eigenes zu machen. Das habe ich getan auch mit ein bisschen Leichtsinn, aber vor allem aus Not, weil ich nicht woanders hätte anheuern können. Das ist das eine, und das Andere ist, dass mir dieses Überwinden meines Unfalls und dieses Einfinden in diese neue Situation mir eine Resilienz verschafft hat, die mir im Berufsleben später zupass kam. Am längsten muss der Künstler durchhalten, aber kurz dahinter kommt schon der Galerist. Man muss unheimlich viel Durchhaltevermögen aufbringen, Geduld und fest daran glauben, dass man das Richtige macht, das hängt damit zusammen."

"Am längsten muss der Künstler durchhalten"

Johann König, der am Tag vor seiner Abiturprüfung von der Blindenstudienanstalt Marburg nach Kassel zur documenta Eröffnung reist, weil er sich ein Leben ohne Kunst nicht vorstellen kann, konnte seit jeher immer nur eines gut, so schreibt er es: "mit Künstlern zusammenarbeiten. Ich wollte etwas zu ihrer Rezeption beitragen, ihre Karrieren mitformen". Das ist ihm gelungen. Er erzählt anschaulich und packend von seinem mühsamen Weg, von Abstürzen, manchmal wortwörtlichen, vom Bahnsteig ins Gleisbett, manchmal von den Alkohol- und Drogenabstürzen auf den Partys der Kunstwelt, die "auf Exzess gebaut ist". Wenn er einem mit seiner wuchtigen Brille gegenübersitzt in seiner heutigen Dependance, der Kunstkirche St. Agnes in Berlin-Kreuzberg, lächelt einen ein freundlicher Mann an, der der Vater vierer Kinder ist und weiß, was für ein Wagnis es ist, eine Galerie zu gründen. Seine Lebenserzählung ist für junge Menschen, die heute mit dem Gedanken daran liebäugeln, ein Ansporn.

Johann Königs zusammen mit Daniel Schreiber verfasstes Buch "Blinder Galerist" erscheint am 14. Juni im Verlag Propyläen.

© Propyläen Verlag/ Montage BR

Cover: Johann König: Blinder Galerist

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