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Schreiben war sein Business: Jörg Fauser zum 75. Geburtstag | BR24

© BR, Sprecher Christopher Mann

Der Autor Franz Dobler erinnert an seinen Kollegen Jörg Fauser.

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Schreiben war sein Business: Jörg Fauser zum 75. Geburtstag

Der Literaturbetrieb mochte Jörg Fauser nicht: Er bekam weder Preise noch Stipendien, die Bachmann-Jury machte ihn nieder. Gleichzeitig avancierte Fauser zum Kultautor. Erinnerungen von Franz Dobler an den Schriftsteller, der jetzt 75 geworden wäre.

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Der Schriftsteller Jörg Fauser, geboren heute vor 75 Jahren, starb am 17. Juli 1987, in der Nacht nach seinem 43. Geburtstag. Er war mit 2,6 Promille zu Fuß auf der Autobahn A94 bei München-Riem unterwegs, als er von einem Lastwagen überfahren wurde. Jörg Fauser war zu dem Zeitpunkt keiner der bekanntesten Autoren, hatte aber einen gewissen Ruf und war durchaus berüchtigt. Wahrscheinlich wurde niemand jemals beim Bachmann-Preis-Wettlesen von der Jury so niedergemacht wie Fauser 1984. Das war vorhersehbar – da trafen feindliche literarische Welten aufeinander, die sich bis heute immer mal wieder bekämpfen.

Stimme aus dem Untergrund

Wer heute nach Zitaten sucht gegen eine, sagen wir mal, behäbige, satte, von Seminaren weichgespülte deutsche Literatur und ihren Literaturbetrieb, findet bei Jörg Fauser jede Menge – zum Beispiel dieses berühmt gewordene: "Wenn Literatur nicht bei denen bleibt, die unten sind, kann sie gleich als Party-Service anheuern." Für ihn war das kein flotter Spruch, denn er war selbst da unten: Er war jahrelang Junkie, ehe er sich mit dem Schreiben und dem unbedingten Willen, Berufsautor zu werden, aus dem Dreck herausarbeitete. In seinem ersten Roman "Tophane", 1972 erschienen, und später in seinem autobiografischen Roman "Rohstoff" hat er die Sucht und die aufregende Zeit um '68 herum so gut beschrieben wie kaum jemand.

Fauser war kein Drogen- und Kneipen-Poet...

Dieser Hintergrund und seine vehemente Orientierung an William S. Burroughs und Charles Bukowski in den ersten Jahren sind der Grund, warum Fauser bis heute gerne als Drogen- und Kneipen-Poet einsortiert wird. Das ist Unsinn. In einer Fernsehsendung erklärte er dem Kritiker Hellmuth Karasek, er sehe sich nicht als Schriftsteller, sondern als "Geschäftsmann" – und zitierte sein Vorbild Graham Greene: "Writing is my business."

Auf diese Art hatte sich der Hobbyboxer durchgeboxt: Er veröffentlichte in den 70er-Jahren eine Flut von Gedichten, Essays, Kolumnen, Erzählungen, Hörfunkbeiträgen; übersetzte eine James-Dean-Biografie, lieferte Songtexte für den Deutschrocker Achim Reichel (der mit "Boxer Kutte" sogar in die ZDF-Hitparade kam), schrieb eine Marlon-Brando-Biografie, interviewte Bukowski für den Playboy, wurde Redakteur beim Berliner TIP-Magazin, später bei Transatlantik, wo eine seiner letzten Reportagen erschien: über den aufstrebenden Grünen-Politiker Joschka Fischer. Womit übrigens alle Stichworte genannt sind, weswegen Fauser damals in Klagenfurt das perfekte rote Tuch war: Drogen, James Dean, Hitparade, Rockmusik, Bukowski, Playboy – und das Stichwort "Krimi" kommt gleich.

... sondern scharfsinniger Analyst der BRD-Realität

Jörg Fausers Business war also auf harter Arbeit aufgebaut. Mit der Haltung, man müsse sogar für eine kleine Buchbesprechung sein ganzes Talent einsetzen. Und er hatte einen literarischen Plan, den er präzise ausführte: vom "Auskotzen" persönlicher Erfahrungen, wie er es nannte, wollte er zum professionellen Spannungsroman weiterkommen.

Mit seinem ersten Kriminalroman "Der Schneemann" schaffte er 1981 den Durchbruch. Ein genuin bundesrepublikanischer Krimi, der dann mit Marius Müller-Westernhagen ebenso erfolgreich verfilmt wurde. Fausers Romane der 80er-Jahre hatten mehr zu bieten als Spannung, sie waren zugleich melancholische und scharfsinnige Analysen der BRD-Realität.

Zukunft des deutschen Krimis

Der beste Zeuge für die literarische Qualität ist Friedrich Ani. Der Kriminal-Großmeister schrieb kürzlich: "Mit 'Der Schneemann' und 'Das Schlangenmaul' begann die Zukunft des deutschsprachigen Kriminalromans." Die Bedeutung von Jörg Fauser ist in Abhandlungen über die deutsche Literatur nach ’45 bestenfalls schwach erkennbar. Schon eher in der Tatsache, dass jetzt bei Diogenes die mittlerweile fünfte Gesamtausgabe seines umfangreichen Werks gestartet wurde. Und seine immense Wirkung zeigt sich in herzzerreißend begeisterten Artikeln und Vorworten von Autoren wie Feridun Zaimoglu, Maxim Biller, Clemens Meyer, Wiglaf Droste, Benjamin von Stuckrad-Barre oder Helmut Krausser.

Der Literaturbetrieb mag dies oder jenes abfeiern, aber das Werk von Jörg Fauser, der zu Lebzeiten weder Literaturpreis noch Stipendium bekam, wird noch einiges überleben.

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