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Long Distance Calls: Wozu das Jodeln erfunden wurde | BR24

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Jodelmania - eine Kulturgeschichte des Jodelns

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Long Distance Calls: Wozu das Jodeln erfunden wurde

Wer Gröhlen beim Oktoberfest schon für Jodeln hält, irrt. Mit Jodeln lässt sich über weite Entfernungen kommunizieren, sogar in unübersichtlichem Gelände – ob in den Alpen oder im Regenwald. Nachzulesen und zu hören in Christoph Wagners "Jodelmania".

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Mal ehrlich: Das Leben in den Bergen, in den Alpen, ist nicht immer nur ein Honigschlecken. Was tun, wenn das Wetter schlecht ist und es in Strömen regnet? Oder wenn man sich in einem Tal befindet, in das mehrere Monate kein einziger Sonnenstrahl fällt. Ständig ist man hier umgeben von einschüchternden Gebirgsmassen. Der Blick reicht immer nur bis zur nächsten, grauen Felswand. Das sei, so die Rock-Sängerin Erika Stucky, ein Grund, warum der Mensch zum Jodeln gekommen sei.

Musikjournalist Christoph Wagner hat sich über mehrere Jahre mit dem Jodeln befasst: "Es gibt handfeste historische Quellen, wo beschrieben wird, wie sich Leute im Gebirge verirrt haben. Die haben dann mit einem Jodelruf Kontakt zu anderen aufgenommen, die auf irgendeiner Almhütte waren. Und die sind ihnen dann mit Fackeln entgegengekommen. Also, die These mit der Kommunikation ist eigentlich belegt."

Hilferufe ohne Handys

Jodeln als ein durchdringender Hilferuf, ein Long Distance Call, als es noch keine Handys gab. Jodeln gehört zur Alpen-Folklore wie Zither und Alphorn, Lederhosn und Dirndl – Requisiten, die sich erstaunlicherweise gehalten haben in dieser Extremregion. Und weil es dieses alpine Instrumentarium gibt, meinen viele, geht die Musik der Berge weiter. Sie wird aufgegriffen, verändert und vermischt. "Im Alpenraum konnte jeder Fortschritt dieses ganz fragile Gleichgewicht des Lebens, diese Sicherheit kaputt machen", sagt Christoph Wagner, "und deswegen waren die Menschen dort sehr traditionell gestrickt. Man hat am Bewährten festgehalten, weil des Neue möglicherweise gefährlich werden konnte. Von daher ist die traditionelle Verankerung in den Bergen stärker."

Auch anderswo wird gejodelt

Christoph Wagner, Freigeist und ein Enzyklopädist im weitesten Sinn, hat nicht nur das Jodeln und Jauchzen in der Alten Welt erforscht, er interessiert sich auch für das Yodeling in Nordamerika und für jodelnde Stämme in Afrika südlich der Sahara. Der Regenwald ist für Menschen ja ähnlich unübersichtlich wie die Alpen und deshalb jodeln Angehörige bestimmter afrikanischer Stämme, um sich im Gelände gegenseitig besser orten zu können.

Das Yodeling der Hillbillies

Das Yodeling in Nordamerika hat natürlich mit den deutschen Einwanderern zu tun, die zu Zehntausenden ins Gelobte Land aufbrachen und sich hier niederließen. Weil das Yodeln nonverbal ist, ein Herzensschrei und Jubelruf, den alle verstehen, fand es Eingang in die Country- und Western-Musik und in die weiße Folk Music. Sogar Cajun-Leute, also französischsprachige Südstaatler, jodeln. Yodeling passt also haargenau in das Klischee der Hillbillies, die – ähnlich wie viele Bayern von den Preußen – oft als rückständige Hinterwäldler wahrgenommen wurden. Aber Vorsicht, ganz so einfach ist es dann doch nicht.

Manche jodeln sich in Trance

Jodeln ist aber auch eine spezielle Gesangstechnik, die ähnlich wie das Oberton-Singen, von Jazzsängern wie Leon Thomas oder der Vokalartistin Meredith Monk verwendet wird. Der Schweizer Experimentalmusiker Christian Zehnder etwa kombiniert den Jodel in seinen Konzerten mit diversen anderen Klangforschungen. Die Technik des Jodelns, der Stimmumschlag von der Brust- in die Kopfstimme, wird von musikalischen Avantgardisten in höchst weihevolle Kompositionen und Improvisationen eingebettet. So sorgt er für Würde und akustische Transzendenz.

Manche jodeln sich sogar in Trance, meint Christoph Wagner: "Wenn man das länger macht, kann man sich schon vorstellen, dass man in eine Art Trance verfällt. Darauf hat auch Christian Zehnder, der Avantgarde-Sänger, hingewiesen, weil beim Jodeln auch der Brustkorb und die Kopfstimme, der ganze Körper erfasst ist. Man merkt da, wenn man ein Stück über fünf Minuten spielt, oder auch länger übt, dass diese Atmung etwas mit einem macht. Man wird ruhiger, man wird gefasster."

Christoph Wagners Buch "Jodelmania. Von den Alpen nach Amerika und darüber hinaus" ist bei Kunstmann erschienen, zwei CD-Sampler dazu beim Label Trikont.

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