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Ein Zeichen der Anerkennung: Jochen Schölch bekommt den Oberbayerischen Kulturpreis

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Jochen Schölch erhält den Oberbayerischen Kulturpreis 2021

"Projektaufträge im großen Stil" wären eine große Hilfe für Theatermacher aus der freien Szene, sagt Jochen Schölch. Der Leiter des Münchner Metropoltheaters hat Ideen, wie die Theater die Pandemie überstehen könnten. Jetzt wird er ausgezeichnet.

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Von
  • Christoph Leibold

Gute Nachrichten für die Theater, vor allem für die freien, sind in diesem Jahr rar. Corona und die daraus resultierenden Schließungen treffen die Szene hart, drängen viele an den Rand des Abgrunds. Auch das Münchner Metropoltheater muss schauen, dass es über die Runden kommt. Dort gab es nun aber zur Abwechslung mal Grund zur Freude: Gründer und Leiter Jochen Schölch wird mit dem Oberbayerischen Kulturpreis 2021 geehrt.

Christoph Leibold: Der oberbayerische Kulturpreis ist mit 5.000 Euro dotiert und wird im kommenden Sommer in Kloster Seeon im Chiemgau verliehen. Haben Sie schon angefragt beim Bezirk, der den Preis vergibt, ob Sie das Geld vielleicht jetzt schon bekommen können? Ich nehme an, Sie können gerade dringend jeden Cent brauchen.

Jochen Schölch: Das habe ich noch nicht angefragt. Es wurde mir aber am Telefon gesagt, dass der Bezirk Oberbayern unbedingt will, dass der Preis im Sommer persönlich übergeben wird, und solange muss ich halt noch warten.

Abgesehen davon, dass man das Geld jetzt brauchen kann: Was bedeutet Ihnen so ein Preis? Immerhin stehen Sie nun in einer Reihe mit Leuten wie Gerhard Polt, Ruth Drexel oder Loriot.

Das bedeutet mir sehr viel. Vor allem nach diesem kommunikativen Desaster, das zuletzt passiert ist, als Kultur als Freizeitgestaltung genannt wurde oder Theater und Bordelle in einem Atemzug genannt wurden, tut es doch ganz gut, wenn es eine Anerkennung gibt für die Arbeit, die wir tun.

Der Preis ist personalisiert, aber Sie haben schon von der Arbeit gesprochen, "die wir tun". Sie begreifen das als Auszeichnung für das ganze Haus, nehme ich an. Da gehören auch Schauspielerinnen und Schauspieler dazu, obwohl die bei Ihnen ja nicht fest angestellt sind. Aber es gibt so eine Art gefühltes Metropol-Ensemble von Leuten, die dort immer wieder auftreten. Ich muss kurz ausholen: Sie haben im Frühjahr im ersten Lockdown Kurzarbeitergeld gezahlt für diese Leute, wozu Sie sozusagen ihr Tafelsilber verscherbelt haben. Sie haben auf Flohmärkten über die Jahre 50er-Jahre-Möbel gesammelt, die stehen jetzt im Foyer und Café ihres Theaters. Aber Sie hatten noch viel auf Lager, was nicht in Benutzung war. Das haben Sie auf Ebay verkauft, um mit dem Erlös Ihre Leute zu bezahlen. So was geht aber nur einmal. Wie bezahlen Sie die Menschen im zweiten Lockdown?

Wir bezahlen sie – das ist erst einmal die gute Nachricht. Wir bezahlen weiterhin das Kurzarbeitergeld für die geplanten und ausgefallenen Vorstellungen. Gott sei Dank: Wir haben ein sehr hohes Spendenaufkommen. Unser Publikum ist sich der Situation sehr bewusst, dass wir das nicht mehr alleine stemmen können, und spendet. Und mit diesen Spenden können wir das – noch – finanzieren. Wir gehen davon aus, dass es bis März auf jeden Fall noch geht. Und die Stadt München hat ja auch, das ist die zweite gute Nachricht gewesen, für die freien Theater keine Kürzungen vorgenommen. Das heißt, wir haben im nächsten Jahr denselben Etat wie in diesem Jahr, und dadurch wird es auch leichter.

Sie haben gesagt "noch" geht es. Im Herbst, als zwischenzeitlich gespielt werden durfte, aber nur vor wenig Publikum mit entsprechend geringeren Einnahmen, da haben Sie mir gesagt: "Auf diese Weise halten wir allenfalls bis Ende des Jahres durch". Nun darf schon wieder zwei Monate lang überhaupt nicht mehr gespielt werden, nicht mal mehr vor kleinem Publikum. Und das Ende dieses Zustands ist nicht absehbar. War‘s das dann irgendwann für das Metropoltheater?

© Carolin Tietz
Bildrechte: Carolin Tietz

Der Theatermacher Jochen Schölch

Wenn es so weitergeht, dass wir diese Unterstützung bekommen, können wir weiter durchhalten. Man muss ja immer die Situation verstehen: Wenn wir nicht in diese Selbstverpflichtung gehen würden zu sagen, wir bezahlen die Schauspieler – was ja viele Theater nicht tun; die meisten zahlen den freien Schauspielern keine Gage, weil sie sagen, wir können nichts dafür, wir dürfen nicht spielen, also können wir auch nicht bezahlen –, wenn wir am Metropoltheater nicht trotzdem freiwillig zahlen würden, dann könnten wir ziemlich lange durchhalten. Aber das ist für mich ja ein ganz erklärtes Ziel, dass die freien Künstler nicht hinten runterfallen. Was für uns eine Chance wäre: Wenn die Hilfen für die freien Schauspieler besser würden. Die gibt's ja bis heute nicht, die freien Schauspieler fallen immer noch durchs Raster. Aber wenn die Hilfen endlich angepasst werden – ich bin da auch in der Politik in der Beratung, wie man das machen könnte, da wird inzwischen auch zugehört –, dann ist die Chance, dass wir durchhalten, auf jeden Fall da, weil wir diese Belastung, Gagen zu zahlen, dann nicht mehr hätten.

Wenn man jetzt sagt, dass man vor dem Aus steht, und dann kämpft man sich doch irgendwie durch, läuft man da nicht Gefahr, dass die Politik irgendwann sagt, naja, geht ja doch irgendwie, was soll das Existenzangst-Gerede?

Absolut. Ich habe das natürlich nie laut gesagt. Also den Satz "Wir stehen vor dem Aus", den hab ich nie öffentlich und laut gesagt, denn ich weiß, man kann den nicht so oft sagen. Wenn ich ihn öffentlich sage, dann wird's ernst.

Das habe ich jetzt leider verraten, dass Sie den schon unter der Hand gesagt haben. Aber Sie wollen ja nicht nur lamentieren, und Sie wollen eben auch nicht nur Spenden, nur Almosen. Sie haben konkrete Vorschläge an die Politik gemacht, wie man der freien Theaterszene – nicht nur dem Metropoltheater – effektiv helfen könnte. Was ist Ihr Vorschlag?

Dass man freien Gruppen wirklich hilft, indem man Projektaufträge vergibt und zwar im großen Stil. Dass man also nicht Almosen bezahlt, weil man nicht arbeiten kann, sondern dass für Arbeit bezahlt wird und damit den Künstlern ihre Würde zurückgegeben wird. Denn die hat erheblich gelitten, eben durch diese Nennung von Theatern und Bordellen, als sei das im Grunde dasselbe. Es würde helfen, wenn man jetzt ab Januar Projektgelder ausschütten würde im Land Bayern. Theaterproduktionen brauchen ja Vorlauf, die müssen geprobt werden. Und wenn sie geprobt werden, dann können Clubs angemietet werden, in denen geprobt würde. Veranstaltungstechniker bekämen Jobs. Also die ganze Kette der Menschen, die da dranhängen, würde wieder in Arbeit gebracht werden. Und das ist allemal besser, als sie für ein verordnetes Nichtstun zu bezahlen.

Gezeigt würden die Projekte dann zu einem späteren Zeitpunkt, aber man hätte jetzt Arbeit.

Genau.

Zurück noch kurz zum Oberbayerischen Kulturpreis. Der geht immer an zwei Preisträger. Mit Ihnen werden die Münchner Schäffler-Tänzer ausgezeichnet, die eigentlich nur alle sieben Jahre auftreten und demnach erst 2026 wieder dran wären, aber nun angekündigt haben, dass sie nach dem Ende der Corona-Pandemie außerplanmäßig auftreten wollen – was hoffentlich deutlich früher als 2026 sein wird. Werden Sie auch einen Freudentanz aufführen, wenn Sie wieder spielen dürfen am Metropoltheater?

Na, absolut! Das muss man immer verstehen bei freien Künstlern: Wir haben uns entschieden, dass wir uns lieber selbst ausbeuten, als von anderen ausgebeutet zu werden. Und wenn wir in die Situation kommen, dass alle unsere freien Künstler durchkommen durch die Krise, dann ist das unbedingt einen Freudentanz wert.

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