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Joachim Meyerhoff: Schauspieler, Schriftsteller, ewiges Kind | BR24

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Er kann nicht nur spielen, er kann auch schreiben - und wie! Alle Bände von Joachim Meyerhoffs Romanzyklus "Alle Toten fliegen hoch" sind Bestseller. Heute wird er mit dem Ehrenpreis des Bayerischen Ministerpräsidenten ausgezeichnet.

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Joachim Meyerhoff: Schauspieler, Schriftsteller, ewiges Kind

Er kann nicht nur spielen, er kann auch schreiben – und wie! Alle Bände von Joachim Meyerhoffs Romanzyklus "Alle Toten fliegen hoch" sind Bestseller. Heute wird er nun mit dem Ehrenpreis des Bayerischen Ministerpräsidenten ausgezeichnet. Ein Porträt.

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Da steht er, im herrlich aufgepopten Barockkostüm, und zweifelt angesichts seines Doppelgängers an seiner eigenen Identität: Sosias alias Joachim Meyerhoff, mit Federboa auf dem Helm und Kriegerröckchen unterm Wams, sehr groß, sehr orange, sehr ungelenk, sehr komisch. Gerade im Oktober hat Herbert Fritsch, der Meister der hochgetunten Komödie, Molieres "Amphitryon" als irrwitzigen Running-Gag an der Berliner Schaubühne in Szene gesetzt. In der heimlichen Hauptrolle: Joachim Meyerhoff, der nach 14 Jahren als Star des Wiener Burgtheaters einen Neuanfang in Berlin probiert und dabei mit der ganzen Wucht seines energetisierten Talents auf herrliche Weise bewusst schlechten Pointen hinterherstarrt.

Natürlich kennt man Joachim Meyerhoff in Berlin schon: als denjenigen, der als manisch-depressives Bühnen-Alter-Ego Thomas Melles autobiographischen Roman „Die Welt im Rücken“ im letzten Jahr als Ein-Personenstück zum Theatertreffen brachte. Und man kennt seine Lebensperformance, die unter dem Titel "Alle Toten fliegen hoch" vor zehn Jahren ebenfalls zum Berliner Theatertreffen geladen war. Dass er aus diesen hochfliegenden Toten inzwischen vier Romane machte, hat den Schauspieler als Schriftsteller einem Millionenpublikum bekannt gemacht.

Das Authentische mit der Fiktion ködern

"Es sind deshalb Romane – und darum geht es ja auch explizit in den Büchern – weil die Fiktion für mich eben ein ganz elementares Element auch des Erinnerns ist", sagt Meyerhoff. "Also ein regelrechtes Werkzeug des Erinnerns. Ich brauche die Möglichkeit, auch Dinge zu erfinden, damit ich mich der Wahrheit stellen kann. Oder auch, weil ich das Gefühl habe, durch die Fiktion lässt sich die Wahrheit so herauslocken. Ich ködere im Grunde das Authentische mit dem Köder der Fiktion."

Den gleichen Köder der Fiktion wirft der inzwischen 52-jährige Joachim Meyerhoff auch als Schauspieler auf der Bühne aus, indem er das Publikum mit seinem manisch-expressiven Spiel fast hypnotisiert, um es so auf den eigentlichen Grund der Dinge zu führen: "Ich habe immer das Gefühl, es ist toll – auch in den Büchern – wenn es etwas gibt, das etwas schiebt, etwas zieht, etwas vorwärtsbewegt, dass es eine erzählerische Verve hat, einen Furor, und das brauche ich auch in den Rollen. Sonst langweile ich mich so schnell, weil man will doch – und das will man in Büchern genauso wie auf einer Bühne – man will doch, dass es ein bisschen mehr ist als der Alltag."

Aufgewachsen auf dem riesigen Gelände einer Psychiatrie

Es war faszinierend mitanzusehen, wie Joachim Meyerhoff in Thomas Melles "Die Welt im Rücken" mit seinem Spiel in einen Kopf vordrang, in dem die Dinge nicht in jene Ordnung gezwungen scheinen, die uns üblicherweise Normalität vorgaukelt. Doch Meyerhoff kennt sich in dieser Welt aus, wuchs er doch in den 1970er-Jahren auf dem riesigen Gelände einer Psychiatrie im norddeutschen Schleswig auf, die sein Vater leitete.

In seiner Roman-Tetralogie hat der Schauspieler diese Kindheit im Echoraum seiner Phantasie auf fesselnde Weise wieder aufscheinen lassen, ebenso wie sein Jahr als Jugendlicher im fremden Amerika, seine überaus verstörende Zeit als Schauspielschüler auf der Otto-Falkenberg-Schule in München oder die erfolglosen Jahre in der deutschen Theaterprovinz. Dabei erzählen diese Bücher mit ihrem traurigen Witz zugleich immer auch von jenen Verlusten, die ein Menschenleben kennzeichnen, den Verlusten von Menschen, Unschuld, Illusionen.

Dass der heute so überaus erfolgreiche Joachim Meyerhoff darüber nicht seine fast kindliche Lust am Spiel verloren hat, das vor allem wohl zeichnet die Kunst des Schauspielers und Schriftstellers aus, auch wenn er selbst noch immer an ihr zweifelt: "Die Selbstdefinition dieser beiden Berufe als wirkliche Überzeugung – dazu hadere ich dann doch oft zu sehr damit. Und meine Kinder sagen zu mir, wenn ich zu einer Vorstellung gehe: Spiel schön! Also man hat es irgendwie noch nicht wirklich aus dem Sandkasten geschafft."

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