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Jisr – die Bigband aus München mit Weltmusik deluxe | BR24

© Bayerischer Rundfunk

Weltmusik aus München - Das Jisr-Ensemble um Mohcine Ramdan (ganz links).

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Jisr – die Bigband aus München mit Weltmusik deluxe

Musik kennt keine Genzen, lautet ein Allgemeinplatz. Die Musikerinnen von Jisr aus München wissen es besser. Es gilt, sagen sie, sich in andere Tonsysteme und fremde Welt-Anschauungen einzufühlen, wenn man erfolgreich miteinander musizieren will.

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Es gibt Leute, die sind offen für Neues, neugierig auf Impulse von außen. Zu diesen Menschen zählen die Musikerinnen von Jisr – Tonkünstler, die zumeist durch die Schule der Münchner Weltmusik-Formation Embryo gegangen sind. Hier bedient man sich nicht oberflächlich an exotischer Folklore. Embryo und Jisr sind anti-kolonialistische Unternehmen: Musikerinnen, die ins sogenannte Fremde eintauchen, ohne es unterdrücken, ausbeuten oder vereinnahmen zu wollen. Das bedeutet, dass erst einmal die musikalische Sprache des anderen zu erlernen ist, erklärt Marja Burchard, die Pianistin von Jisr.

"Man sagt: Musik ist universell, aber trotzdem hat jede Musikrichtung ihre Grammatik, die man lernen muss. Und das stimmt überhaupt nicht, dass jeder jede Musik spielen kann. Man muss sich ja erst einmal damit auseinandersetzen, mit der Rhythmik, mit der Thematik, die sind ja auch unterschiedlich gestimmt. Und auch dieses ganze Verständnis für Musik, also die westliche empfindet ihre eigene Musik als viel weiter entwickelt als andere Musikrichtungen wo ich auch im Studium sehr gelitten hab drunter, dass die das so sehen, aber es ist einfach eine andere Art und Weise des Fühlens, des Denkens."

Nicht alle können alles spielen

Ein Dutzend Mal war Marja Burchard schon in Marrokko. Dort hat sie mit Christian Burchard, ihrem Vater, dem vor zwei Jahren verstorbenen Bandleader von Embryo, und mit Einheimischen musiziert.

Mohcine Ramdan, den Gnaua-Sänger aus Marrakesch, hat sie vor fast zehn Jahren in München kennen gelernt. Er spielt die Ghembri, die Kastenhalslaute mit drei Saiten, ein ebenso skurriles wie archaisches Instrument, das tiefe Töne abgibt. Entwickelt haben es Marokkos ehemalige Sklaven, dunkelhäutige Menschen, denen die Flucht gelang und ein freies Leben in den Bergen. Die Gnaua-Musik setzt auf fließende, tranceartige Rhythmen und große Lebenslust, sagt Mohcine Ramdan. Er zeichnet verantwortlich für die meisten Kompositionen von Jisr.

"Diese Musik hab ich am Anfang überhaupt nicht gemocht. Das klang für mich sehr wild, sehr unstrukturiert, aber irgendwann kam ich auf diesen Geschmack und hab genau dies Musik geübt und gelernt."

Aus (Nord-) Afrika, (Latein-) Amerika und altem Europa

"Wir lernen da immer wieder was dazu, das ist auch learning by doing, aber mir selber sind Gnaua-Rhythmen immer noch sehr fremd, da gibt’s noch viel, was ich üben muss, weil ich ja eher aus’m ostarabischen Raum stamme. Ich bin ja Ägypter!", sagt Roman Bunka, mit 68 Jahren der älteste Künstler der Gruppe. Meisterhaft sein Spiel auf der Oud, der arabischen Knickhalslaute. Seit über 30 Jahren fungiert er als Kapellmeister und Begleiter der ägyptischen Sänger-Ikone Mohammed Mounir. Deswegen ist er oft in Kairo.

Weltmusik deluxe

Trotz anfänglicher Schwierigkeiten hört sich die Musik von Too Far Away, dem Debut-Album der Münchner Jisr-Formation erstaunlich gut an. Das feine, zurückgenommene Spiel des syrischen Bratschisten Ehab Abou Fakher etwa oder die in sich gekehrten Klänge des moldawischen Akkordeonisten Vladislav Cojocaru. Eine der schönsten Kompositionen hat Luis Borda beigesteuert, der große Tango-Komponist, der seit Jahrzehnten in München lebt. Bei Jisr spielt er E- und Flamenco-Gitarre.

Nicht zu vergessen der entspannte Bläsersatz von Wolfi Schlick und Niko "radio citizen" Schabel – irgendwo zwischen Balkan Brass, bayerischer Blaskapelle und Reggae-Orchester – Weltmusik deluxe, nach allen Seiten offen, von wechselseitigem Respekt für das Fremde wie vom Eigenen durchdrungen. Man hört, dass die Musiker das Spiel ihrer Kollegen mögen.

Am 13. November wollen die Brückenbauer zwischen Orient und Okzident, Afrika und Europa ihr Debutalbum live vorstellen im Münchner Volkstheater. Bleibt nur zu hoffen, dass der Gruppe wie vielen anderen bis dahin nicht ein weiterer Lockdown einen Strich durch Rechnung macht.

"Das trifft grade uns Musiker besonders hart., auch die Schauspieler, die Bühnentechnik, klar. Genau die, die Menschen möglichst nahe brauchen, also wir brauchen ja ein Publikum, mit dem wir nah kommunizieren und mit dem wir zusammen sind, und wenn das mit Masken, oder auseinander oder Autokinomäßig läuft, das is schon ne Katastrophe und da wollte ich manchmal schon, ich hätte einen anderen Beruf. Ein Maler hat da vielleicht weniger Probleme."

© ENJA Yellowbird Label / BR-Grafik

Cover von Too Far Away von Jisr

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