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Jimi Hendrix: 50 Jahre nach seinem Tod immer noch "Far Out" | BR24

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Halb indigen, halb Afroamerikaner – Musikgenie Jimi Hendrix

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    Jimi Hendrix: 50 Jahre nach seinem Tod immer noch "Far Out"

    Vor 50 Jahren starb Jimi Hendrix. Sein Spiel auf der E-Gitarre katapultierte die Rockmusik in unbekannte Höhen. Selbst ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod ist das grandiose, afrofuturistische Werk dieses Musik-Genies ohne jeglichen Vergleich.

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    Einen wie ihn gibt es kein zweites Mal. Selbst ein halbes Jahrhundert nach seinem frühen Tod ist Jimi Hendrix, früh vollendetes Musikgenie und Gitarrengott, eine unvergleichliche Gestalt.

    Der größte Gitarrist der (weißen) Rockmusik war ein Afroamerikaner

    Jimi Hendrix war ohne Zweifel der Musiker, der das Spiel auf der E-Gitarre revolutioniert hat. Keiner vor (und nach ihm) verstand es wie er, die sechssaitige E-Gitarre über Verstärker und Lautsprecher klingen zu lassen. Der in Seattle geborene Autodidakt verband in seinem Spiel nicht nur Rhythmus – und Solo-Gitarre, er setzte auch Lautstärke, Effekte und Feedbacks höchst virtuos ein – Gestaltungsmittel, die seitdem zum gängigen Vokabular der Rockmusik zählen. Zwar haben afroamerikanische Musikstars wie Prince und D'Angelo viele seiner Stilmittel aufgegriffen – mittlerweile gibt es auch eine Black-Rock-Fraktion (Living Colour, Vernon Reid, 247 Spyz); trotzdem ist Hendrix einer der wenigen dunkelhäutigen Rockstars.

    Sein starkes Interesse für den Blues der Schwarzen verdankt er einer Außenseiter-Position. In den großen, afroamerikanischen Zentren der 60er Jahre war Blues längst nicht mehr die Musik der Schwarzen. Die jungen Afroamerikaner standen auf moderne Musik-Genres wie Funk und Soul. Von Blues-Klischees – nicht selten wird in den Texten im Selbstmitleid gebadet – wollte das schwarze Amerika nun nichts mehr wissen. Hendrix aber, der isoliert und abgeschottet in einer kleinen Community im Nordwesten Amerikas aufgewachsen war, liebte den Blues in allen Spielarten. Er studierte diese Musik, die während der 60er Jahre auch von weißen Kids entdeckt, geschätzt und gefeiert wurde.

    Angesichts seines flüssigen Spiels wurden Gitarren-Virtuosen jedoch bleich: Hendrix verwies seine Kollegen wie Eric Clapton und Jeff Beck auf die hinteren Plätze. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Künstlerisch gesehen war Hendrix, der neueste technische Errungenschaften wie den 100-Watt-Gitarren-Verstärker der Firma Marshall nutzte, also in gewisser Hinsicht ein Nachzügler – ein Künstler, der sich am weiten Fundus des Blues-Genres bediente.

    Hendrix kannte schon als Kind mehrere Kulturen

    Aufgewachsen ist er in Seattle, einer wohlhabenden Stadt an der nordamerikanischen Westküste. Hier gab es nur ein kleines Schwarzen-Ghetto. Seine Mutter war eine Cherokee-Stämmige, die im Vergnügungsviertel als Kellnerin arbeitete. Sein Vater Al, eine ausgesprochen starke Persönlichkeit, trennte sich mehrfach von Jimis Mutter, weil diese dem Alkohol verfallen war. Sie starb mit nur 33 Jahren an einem Milzriss. Neben seiner Identität als Afroamerikaner hatte Jimi Hendrix also Zugang zur Kultur der Native Americans, der Indianer Nordamerikas, was sein Einzelgängertum und sein Gespür für Außergewöhnliches verstärkt haben dürfte.

    Als Kind verbrachte er gerne Zeit bei seiner indigenen Großmutter im Reservat. Er streifte durch die Wälder um den Mount Rainier in der Nähe von Seattle. Musiker wie Blues-Vokalist Eric Burdon, die mit Hendrix gespielt haben und ihn gut kannten, vermuten, dass die majestätische Landschaft, die schneebedeckten Gebirgszüge, aber auch der weite Pazifik und die Wale im Puget Sound, der mächtigen Meerenge, seine Musik geprägt haben – mehr als bisher angenommen. Fest steht jedenfalls: Hendrix hat mehrere Balladen für seine früh verstorbene Mutter geschrieben. Songs wie "Angel" und "Little Wing" könnte man leicht als kitschige Männerfantasien missverstehen, wüsste man nicht, dass der Meistergitarrist diese Balladen seiner geliebten Mutter widmete.

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    "Excuse Me While I Kiss The Sky": Hendrix war auch als Textdichter begabt.

    Hendrix beschränkte sich nicht auf ein Genre

    Was Hendrix als Künstler kennzeichnet, ist, dass er – nicht nur musikalisch – offen war. Er coverte den Titelsong von "Sgt. Pepper's Lonely Heart's Club Band", den Aufmacher des Pop-Meisterwerks der Beatles. Mit seiner Fassung von "All Along The Watchtower", im Original ein schluffiger Folksong von Bob Dylan, schuf er, wenn man so will, die Blaupause der psychedelischen Rock-Ballade.

    Auch im Studio waren er und seine Mitstreiter höchst kreativ. Weil viele Effekte noch nicht existierten, waren Erfindungsreichtum und unkonventionelles Verhalten angesagt. Um einen bestimmten, irritierenden Eindruck zu erzeugen, bewegte er einen Kopfhörer, über den eine Aufnahme abgespielt wurde, an einem Stereo-Mikrofon mehrfach von links nach rechts – und zurück. Das "wandernde" Signal wurde aufgezeichnet und zu den anderen Spuren dazugemischt – anders sei das damals nicht zu bewerkstelligen gewesen, erinnern sich beteiligte Ton-Ingenieure.

    Einer von Hendrix Fans war Betty Davis, die junge, unkonventionelle Ehefrau des Jazztrompeters Miles Davis. Sie lud den Rockstar zu Parties in Davis' New Yorker Wohnung ein. Davis stand auf die Musik des Jüngeren und wollte mit ihm eine Band gründen, allerdings verstand Hendrix nicht, wie Davis' anspruchsvolles Konzept des sogenannten Modalen Jazz funktionierte. Bestimmte Stücke von Miles Davis wie vom "Kind Of Blue"-Album könne er nicht spielen, gestand Hendrix, der keine Noten lesen konnte, was Miles Davis wiederum egal war. Er schätzte den jüngeren Musiker als Naturtalent – da braucht es keine hochgestochene Improvisationskunst.

    In dem von ihm in New York erbauten Electric Ladyland-Studios jammte Hendrix mit zahlreichen Jazzkünstlern, darunter der Bassist Dave Holland und der Jazzgitarrist John McLaughlin, die beide für Miles Davis in dessen elektronischer Phase gearbeitet hatten.

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    Ikone der Hippie- und Gegenkultur - Jimi Hendrix als Graffiti.

    "Nett, Sie kennen zu lernen, ich bin vom Mars!"

    Hendrix verfügte über ein ungewöhnlich stabiles Nervenkostüm. Er war bekannt dafür, LSD en masse einzuwerfen und selbst unter Drogeneinfluss passabel bis grandios spielen zu können. Wo andere längst zusammengebrochen oder implodiert wären, stand der "Rattenfänger des Rock", als den ihn John Lennon einmal bezeichnete, über solchen Dingen.

    Hendrix, der nur selten Alkohol trank, war zudem ein großer Science-Fiction-Fan und den dazu passenden, den sogenannten psychedelischen Drogen zugetan. Der Konsum gewisser Substanzen sollte zur Bewusstseinserweiterung führen, Erkenntnisse und Harmonie-Erfahrungen jenseits des alltäglichen Daseins vermitteln. Hendrix' Musik ist für viele genau das – Soundtrack einer zukünftigen, einer schwerelosen Existenz.

    Dass der Mann über die passende Dosis Humor verfügte, macht eine Anekdote deutlich: Als Hendrix zwischen zwei Auftritten im Backstage-Bereich mit geschlossenen Augen an der Wand lehnte, kam ein Reporter auf ihn zu und sprach ihn mit den Worten: "Hallo, ich bin von der New York Times." Darauf Hendrix müde: "Ah, nett Sie kennen zu lernen. Ich bin vom Mars!"

    Hendrix verband den Sound der gerade im Entstehen begriffenen Rockmusik mit dem passenden Gedankengebäude. Seine Musik war "Far Out" – Zukunftsmusik eben. Fortschrittliche Pop-Kultur-Theoretiker wie Kodwo Eshun verorten sein Schaffen nicht zu Unrecht unter dem Schlagwort Afrofuturismus, beredtes Beispiel also für eine unbekannte Welt in den Weiten des Kosmos: Wer weiß schon, was noch für menschliche Gesellschaften "da draußen" denkbar sind?

    Jimi Hendrix, seine verblüffende Kunst und seine quecksilbrige Persönlichkeit, werden auch in Zukunft die Menschen faszinieren – daran dürfte kaum Zweifel bestehen.

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