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Warum Jim Dine sich immer wieder selbst porträtiert | BR24

© Monika Skolimowska/DPA Picture Alliance

Exzessive Selbstbeobachtung: Der Künstler Jim Dine hat sich immer wieder selbst porträtiert

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    Warum Jim Dine sich immer wieder selbst porträtiert

    Der Künstler Jim Dine ist der letzte lebende Star der Pop Art. Die Ausstellung "I Never Look Away" im Münchner Kunstfoyer der Bayerischen Versicherungskammer versammelt 60 seiner Werke. Alle zeigen ihn selbst – und als Kurator wirkte Dine ebenfalls.

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    Mehr Autonomie geht nicht. Hier liegt alles in einer Hand. Und die gehört - Jim Dine! In München tritt er nicht nur als Maler und eigenes Modell in Erscheinung, er spielt auch noch den Kurator. An die sechzig seiner Selbstportraits hängen nach genauer Anweisung des Amerikaners im Kunstfoyer der Bayerischen Versicherungskammer. Sechzig Mal Jim Dine – gezeichnet, gepinselt, gespachtelt, gedruckt, lithographiert, heliographiert und fotografiert von – wem sonst? – Jim Dine. Und das über einen Zeitraum von über sechzig Jahren. Ein Exzess der Selbstbeobachtung. Mit allen Mitteln und Techniken, die dem Künstler zu Gebote stehen. Mehr Egozentrik geht nicht, oder?

    Das Ich als Studienobjekt

    "Schon als Kinder sind wir fasziniert von unserem Spiegelbild", sagt Jim Dine selbst. "Das Ich ist einfach ein naheliegendes Thema. Allein schon deshalb, weil ich immer da bin." Allerdings, nicht für jeden wird der Blick in den Spiegel gleich zum Lebensthema. "In Jim Dines Generation könnte ich jetzt niemanden nennen, der sich so intensiv mit dem Selbstportrait auseinandergesetzt hätte oder weiter auseinandersetzt", sagt Antonia Hoerschelmann.

    Als Kuratorin an der Albertina in Wien ist Hoerschelmann gewissermaßen die Vorlassverwalterin von Jim Dine. Der hat dem Museum vor einigen Jahren nämlich einen Teil seines Privatarchivs vermacht: insgesamt über 200 Selbstportraits, von denen einige nun in München zu sehen sind. Ein Konvolut, das nicht nur seiner schieren Masse wegen einzigartig ist. "Im Vergleich zu den Selbstportraits des 19. Jahrhunderts, die den Status eines Künstler gezeigt haben – oder das Selbstportrait von Rembrandt oder auch Schiele, der sich auch in unterschiedliche Rollen hineindenkt und hineininszeniert, geht es bei Jim Dine tatsächlich um ihn und um seine Person", sagt Hoerschelmann.

    Bis alles hängt

    Mit Selfies, inszenierten Schnappschüssen also, bei denen es mehr ums Kaschieren als ums Zeigen geht – haben Dines Selbstportraits nichts gemein. Auch wenn dieser Bezug im Begleittext zur Ausstellung hergestellt wird. Wir lebten schließlich im „Zeitalter des Selfies“, heißt es da. Das Momenthafte, das Flüchtige scheint den Künstler jedoch genauso wenig zu interessieren wie die Inszenierung seiner Person. Eitel sind seine Selbstportraits mitnichten. Die Bilder zeigen ihn fast immer frontal, den Blick fest auf den Betrachter gerichtet. Ohne Hintergrund, ohne Hinweis also auf Ort oder Zeit der Entstehung des Bildes. Mit Ausnahme natürlich des Gesichts, in dem das Alter seine Spuren hinterlässt, an dem die Schwerkraft ihr subtiles, auf Dauer jedoch unübersehbares Werk verrichtet. Bis eben irgendwann alles hängt: Lider, Wangen, Mundwinkel.

    © Monika Skolimowska/DPA Picture Alliance

    "Das menschliche Gesicht, besonders wenn es dein eigenes ist, zeigt einfach so vieles", findet Jim Dine.

    Das Gesicht als Gefühlslandschaft

    "Das menschliche Gesicht, besonders wenn es dein eigenes ist, zeigt einfach so vieles: das Unterbewusste, das Alter, eine regelrechte Gefühlslandschaft – das wird als Thema nie langweilig", findet Jim Dine. Das Gesicht als Landschaft – tatsächlich drängt sich dieser Vergleich auf: eine Landschaft allerdings mit einiger tektonischer Aktivität. Wo auf frühen Bildern nur eine Denkerfurche zu erkennen ist, erhebt sich mit der Zeit ein ganzes Gebirge. Falte für Falte erklimmt des Künstlers Skepsis die hohe Stirn. Macht immer sichtbarer, was schon auf den frühen Portraits angedeutet war: Nur: In Sachen Mimik spricht das Alter eben eine deutlichere Sprache.

    "Ich bin überzeugt davon, dass hier im Zentrum eine Skepsis steckt, die man auch im Blick erkennen kann: eine Ernsthaftigkeit, ein Durchdringen von dem, was man an der Oberfläche erkennen kann… und die Suche nach dem Kern des Wesens, des Charakters von ihm selbst", sagt Kuratorin Antonia Hoerschelmann. Nach einem Rundgang durch die Ausstellung entsteht der Eindruck, dieser Kern könnte lauten: A Serious Man. Ein freilich vorläufiger Titel. Dines zeichnerische Selbsterkundung geht ja weiter. Er lerne immer etwas Neues, sagt Jim Dine: über das Zeichnen, vor allem aber über sich selbst.

    Die Ausstellung "I Never Look Away" von Jim Dine noch bis 12.05.2019 geöffnet.