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Jesuiten: Soldaten Christi – "schlaue Jungs"? | BR24

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Feierlicher Gottesdienst, in dem vier junge Männer in den Jesuitenorden aufgenommen werden.

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    Jesuiten: Soldaten Christi – "schlaue Jungs"?

    Um keinen anderen Orden ranken sich so viele Mythen und Vorurteile wie um die Jesuiten: Sind sie intrigante Dunkelmänner oder intellektuell elitäre Kirchenkritiker? Und - was tun sie wirklich?

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    Von
    • Johannes Winkler

    Jesuiten findet man vor allem in großen Städten: München, Frankfurt, Berlin oder in Nürnberg in der Kirche St. Klara. Dort feiern sie Messe, interessieren sich für moderne Kunst oder drehen YouTube-Clips über die Bibel. Auch Sozialarbeit und Gedenkgottesdienste für Drogenopfer gehören zu ihren Aufgabengebieten. Das Büro von Jesuit Ansgar Wiedenhaus ist voller Tiger (er ist Calvin und Hobbes Fan) und Dr. Who Plakaten (die Serie liebt er ebenfalls). Ist er ansonsten ein ganz normaler Priester? „Wir leben mit anderen zusammen, und wir haben oft noch Aufgaben, wo man sagt, na ja das müsste jetzt nicht unbedingt ein Priester sein. Das könnte auch jemand anderes machen, zum Beispiel eben den Jesuitischer Flüchtlingsdienst oder Jesuitenmission. Also das Aufgabenfeld ist sehr viel weiter", sagt Ansgar Wiedenhaus.

    Außergewöhnliche Ordensgemeinschaft

    „In einem Kloster haben sie erste Gebetszeit, dann ist zweite Gebetszeit, dann Mittagessen, das haben wir alles so nicht. Eine unglaubliche Herausforderung, weil die Gefahr natürlich dann immer ist, man ist so eine Art Junggesellen WG, wo jeder sein Zimmer hat und jeder auf seinem Zimmer sein Butterbrot isst.“

    Gründer der „Butterbrot-Junggesellen-WG“ war Ignatius von Loyola. Nach einer Kriegsverletzung bekehrte sich der ehemalige Soldat und gründete mit Freunden die Societas Jesu, die Gesellschaft Jesu (wobei manche das Kürzel SJ mit Schlaue Jungs übersetzen, weil die Mitglieder sehr viel Zeit an der Uni verbringen). Den Orden unterstellte Ignatius dem Papst. Auch heute geloben neue Jesuiten Armut, Keuschheit und Gehorsam. Über den Gehorsam haben die ersten Jesuiten lange diskutiert, bis sie ihn der Effizienz wegen einführten.

    "Soldaten Christi"

    Viele Menschen sehen in Jesuiten eine Art "Soldaten Christi". "Aber wir haben eigentlich nicht das militärische Vorbild, als etwas was uns am Herzen liegt", weiß Jörg Dantscher, der seit 1963 Mitglied im Orden ist. Die Gemeinschaft verfügt über eine verhältnismäßig hierarchische strukturierte Ordnung. "Da gibt es oben den General, dann den Provinzialoberen, und dann gibt es eigentlich Hausobere, Kommunitätsobere - ähnlich einem Werksleiter. Und drunter die Jesuiten, die die Arbeit machen", zählt Dantscher auf.

    Tatsächlich kommt auch der Begriff "Ordensgeneral" vom Begriff superior generalis, übersetzt "Oberer fürs Allgemeine". Die ersten Jesuiten erkannten bald, dass der Gründer eine andere Vorstellung von Gehorsam hatte: "Und das war für die eine Offenbarung, dass Ignatius unter Gehorsam nicht versteht, 'halte dich an die kleinlichen Spielregeln', sondern verstehe dahinter die Richtung die wir brauchen", erklärt Dantscher. Dies bedeutet, dass die Jesuiten das in Eigenverantwortung machen sollten, was sie für vernünftig halten.

    Ungeahnte Wege

    Statt Befehl wird gemeinsam geschaut, welche Einsatzgebiete sich die Jesuiten vorstellen können. Aber es gibt auch Aufgaben, die man nicht auf dem Schirm hat und sich selbst gar nicht erst ausgesucht hätte. Sein erster Einsatz führte Pater Dantscher in ein Internat: "Und ich wollte überhaupt nicht hin. Als ich das erste Mal hingefahren bin, komme ich über die Höhen des Schwarzwaldes und sehe da unten die große Kuppel des Klosters, da habe ich gedacht, ich spinne. Zwei Jahre da unten in dem Sumpfloch. In den Wäldern. Und es machte unheimlich Spaß."

    Ursprünglich wollte Pater Dantscher Flüchtlingen in Asien helfen. Aber man setzte den leidenschaftlichen Skifahrer in Deutschland in der Bildung, in einer Pfarrei, im Finanzwesen und sogar als Leiter der süddeutschen Provinz ein. "Ich habe nie das gewollt, was ich machen musste, aber es hat immer Spaß gemacht", sagt Dantscher. Vertrauen wird bei den Jesuiten groß geschrieben, denn wer sich darauf einlassen kann, kann auch anfangs ungewollte Aufgaben lieb gewinnen.

    Gehorsame Rebellen

    Pater Wiedenhaus kümmerte sich eine Zeitlang um die Novizen. „Schon im Noviziat wird sehr klargemacht, Gehorsam heißt nicht Hand an die an die Mütze legen und sagen Yes Sir!, sondern dass einfach viel aus Dialog besteht. Aber es wird schon den Novizen gesagt, auch wenn sie in ein Praktikum geschickt werden, sagt nicht sofort nein, das mache ich nicht, das kann ich nicht, das will ich nicht. Sondern wenn ihr einen guten Grund habt, warum das nichts für euch ist, dann müsst ihr den vorbringen.“

    Eine Besonderheit haben die Jesuiten: Sie geloben auch dem Papst Gehorsam. Nur deswegen konnte der Jesuit Jorge Bergoglio Papst werden, weil Johannes Paul II. ihn damals aufforderte, Bischof zu werden. Denn eigentlich geloben Jesuiten auch, kein Amt anzunehmen oder anzustreben. In solchen Fällen kommt dann der Papstgehorsam zum Tragen. Doch viele Jesuiten haben auch Konflikte mit Rom, etwa wegen der Befreiungstheologie. In Deutschland hatte jüngst der Jesuit Ansgar Wucherpfennig aus Frankfurt Probleme mit dem Vatikan. Wie passt das für Pater Wiedenhaus zusammen?

    „Wir haben keine Probleme mit dem Papst, wenn dann hat der Papst ein Problem mit uns“, sagt er. „Und das ist das, was manchmal die Römer nicht verstehen: Dass, wenn wir nach Gebet und Nachdenken zu anderen Ergebnissen kommen als ein Papst oder ein Bischof, dass das keine Majestätsbeleidigung ist, sondern dass Kritik und anderer Meinung sein auch ein Ausdruck von Loyalität ist.“

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    SENDUNG: STATIONEN vom 20.01.2021 - 19:00 Uhr