Bild

Hugo Enomiya Lassalle
© Lassalle Haus, Bad Schönbrunn in der Schweiz

Autoren

Corinna Mühlstedt
© Lassalle Haus, Bad Schönbrunn in der Schweiz

Hugo Enomiya Lassalle

Es war ein Wendepunkt seines Lebens: Wie durch ein Wunder überlebte Hugo Enomiya Lassalle 1945 in der japanischen Küstenstadt Hiroshima den Abwurf der ersten US-amerikanischen Atombombe. Seine Antwort auf diesen Alptraum: Der Bau einer "Weltfriedenskirche" und sein Bemühen, der Menschheit ein "neues Bewusstsein" zu vermitteln. Durch Spiritualität und Meditation, so hoffte Lassalle, könne der Mensch eine höhere Stufe der Entwicklung erreichen, auf der sich Katastrophen wie der Einsatz der Atombombe nie wiederholen.

"Der Mensch muss den Schritt zu einem neuen Bewusstsein tun, oder er ist dem Untergang geweiht." Hugo M. Enomiya Lassalle

Als junger Priester im Land der aufgehenden Sonne

Hugo Lassalle wird am 11. November 1898 in Westfalen geborenen und schon als Jugendlicher von Krieg und Gewalt geprägt: Sein Bruder stirbt während des ersten Weltkriegs an der Front, er selbst wird verwundet. Danach ist der sensible junge Mann auf der Suche nach Orientierung.

Eine Biographie des Ignatius von Loyola beeindruckt ihn tief. 1919 beschließt Lassalle, Jesuit zu werden und als Missionar in Afrika unter den Ärmsten zu arbeiten. Doch der Orden schickt den jungen Priester entgegen dessen Erwartungen nach Japan, in ein Land, das vom Zen-Buddhismus geprägt ist. Für den jungen Priester ist klar: "Wenn ich als Missionar nach Japan gehe, ist es sehr wichtig, dass ich die Mentalität des Volkes kenne.“"

Japan - "das Land der aufgehenden Sonne" - ist zu dieser Zeit ein Land im Umbruch zwischen Jahrtausende alter Tradition und Moderne. Lassalle fühlt sich von der Kultur des Buddhismus angezogen und liest unzählige Bücher über die Zen-Meditation.

Doch seine tägliche Arbeit hat zunächst andere Inhalte: Der junge Jesuit engagiert sich in Tokyo für den Aufbau einer neuen Universität und errichtet eine Sozialstation in den Slums der Metropole. 1935 wird er zum Superior der deutschen Jesuiten in Japan gewählt. Fünf Jahre später übersiedelt er nach Hiroshima. Dort riet ihm ein Professor in einen Zen-Tempel zu gehen, wenn er Zen lernen wolle.

Zen-Übungen: Der Anfang eines jahrzehntelangen Weges

Hugo Lassalle ist einer der ersten Europäer, der 1943 im "Zen-Tempel des Ewigen Lichts" bei Hiroshima an den intensiven Übungen teilnimmt.

Das stundenlange Sitzen in der Meditationshaltung, dem sogennanten Lotussitz, bereitet Lassalle große Schmerzen in den Beinen. Doch als Jesuit ist er gewohnt, die rigide Disziplin spiritueller Übungen zu akzeptieren.

Für Hugo Lassalle ist das Zen-Training in Hiroshima der Anfang eines jahrzehntelangen Wegs. Die Kraft durchzuhalten, bezieht er auch aus mystischen Erlebnissen, die er schon als Novize machte und als inneres "Berührt werden" erlebte. Er ahnt, dass die Zen-Übungen, die alles Äußerliche beiseitelassen, Erfahrungen dieser Art unterstützen können.

Mystik als verlorengegangener Schatz des Christentums

Durch das Zen-Training wird Hugo Lassalle aber auch bewusst, wie sehr der Schatz mittelalterlicher Mystik in den modernen Industrie-Gesellschaften verloren gegangen ist. Die religiöse Erfahrung wurde zunehmend vom Intellekt in den Hintergrund gedrängt, bemerkt der Jesuit und trifft mit dieser Kultur-Kritik auch die kirchliche Tradition.

"Die Wissenschaft hat Großes geleistet, aber auf einmal merkt der Mensch: Persönlich komme ich damit nicht aus. Man kann nämlich das Göttliche, Gott, mit dem normalen rationalen Bewusstsein nur sehr unvollkommen verstehen. Deshalb ist es so wichtig, einmal mit dem Denken aufzuhören." Hugo M. Enomiya Lassalle

Diese Haltung bedeutet für den intellektuellen Jesuiten Lassalle eine enorme Herausforderung. Doch er wird dem Konzept der Zen-Meditation zeitlebens folgen, um einer tieferen Wahrheit in sich Raum zu geben.

"Ich dachte, dass ich sterben würde."

Während Hugo Lassalle in Hiroshima die Zen-Meditation vertieft, erfasst der Zweite Weltkrieg den pazifischen Raum. Nach dem Kriegsende in Europa am 8. Mai 1945 tobt der blutige Konflikt in Asien gnadenlos weiter. Im August 1945 werfen die USA über Japan zwei Atombomben ab. Die erste trifft am Morgen des 6. August die Küstenstadt Hiroshima. Die Explosion tötet auf Anhieb fast eine Viertel Million Menschen.

Hugo Lassalle ist durch die Explosion zwar an den Beinen und am Rücken durch Glassplitter schwer verletzt, doch er überlebt. Durch die Hilfe eines protestantischen Pastors erreichen Lassalle und seine Mitbrüder auf einem Boot das Noviziat der Jesuiten in Nagatsuka, 5 Kilometer außerhalb der Stadt.

Nach dem 6. August 1945 nimmt Lassalle aus Solidarität mit den Opfern der Katastrophe die japanische Staatsbürgerschaft an. Sein Name lautet nun Hugo Makibi Enomiya Lassalle.

Bau der "Weltfriedenskirche"

Als sich Anfang der 1950er Jahre ein weltweites Wettrüsten abzeichnet, beschließt Lassalle, ein Zeichen zu setzen: Er gründet mit befreundeten Zen-Mönchen eine interreligiöse Vereinigung, die ethische Werte und den Frieden fördern soll.

Zugleich sammelt er Spenden, um in Hiroshima ein Mahnmal zu errichten: die "Weltfriedenskirche". Das Bauwerk, das Elemente der christlichen Kultur und der japanischen Zen-Tradition verbindet, wird am 6. August 1954 mit hochrangigen Gästen aus aller Welt eingeweiht.

Die Vermittlung eines "neuen Bewusstseins" wir zur Lebensaufgabe Lassalles. Die Zen-Meditation erhält dabei eine Schlüsselfunktion.

Einfluss auf Rom

Doch der Jesuit stößt schon bald auf Widerstand in den eigenen Reihen. Nicht nur seine Mitbrüder, auch der Vatikan haben zunächst Probleme mit Lassalles Weg.

Bei einem Besuch in Rom kann Lassalle die Vorbehalte aus dem Weg räumen. Das Zweite Vatikanische Konzil nimmt sogar einige seiner Anregungen auf. 1965 verabschiedet das Konzil unter der Leitung Pauls VI die Erklärung „Nostra Aetate“. Sie öffnet die Katholische Kirche offiziell für den Dialog mit anderen Religionen und stärkt damit auch Lassalle den Rücken.

"Die Erleuchtung ist nur der Anfang!"

Nach rund 30 Jahre Zen-Praxis hört Hugo Lassalle 1972 von seinem Lehrer, dem japanischen Zen-Meister Yamada Roshi, dass er die erleuchtende Einsicht des "Kensho" erlangt hat.

"Die Erleuchtung, das letzte Ziel des Zen, ist die Erfahrung des Ganzen und überwindet den Gegensatz zwischen Mensch und Welt. Sie ist die Inbesitznahme einer geistigen Kraft, die an sich jeder Mensch in sich hat, die ihm aber zuvor verborgen war und daher nicht zur Verfügung stand. - Erleuchtung ist ein Innewerden des Absoluten. Aber die Erleuchtung ist nur der Anfang! Wichtig ist, dass der Betreffende weiter an sich arbeitet." Hugo M. Enomiya Lassalle

Es gehe darum, Frieden und Liebe im Alltag konkret werden zu lassen, meint Lassalle, der von seinem Zen-Meister Yamada Roshi ermutigt, die Zen-Meditation auch in Europa zu lehren.

In den letzten Jahren seines Lebens reist Enomiya Lassalle in viele Länder Asiens und Europas, um seine Einsichten in Seminaren und Vorträgen weiterzugeben. Auch in Deutschland wird er als Zen-Lehrer bekannt, dessen Meditationskurse Teilnehmern bleibende Orientierung geben.

"Das Alte muss verschwinden und ein Neues muss kommen."

Im hohen Alter von 90 Jahren verschlechtert sich Lassalles Gesundheitszustand. 1989 erlebt er noch den Fall des Berliner Mauer und das vorläufige Ende des Ost-West-Konfliktes. Im gleichen Jahr erhält er von seinen buddhistischen Freunden offiziell einen Ehrentitel: Aiun - Wolke der Liebe!

Am 7. Juli 1990 stirbt Hugo Enomiya Lassalle. Seine Asche wird nach buddhistischer Tradition verbrannt und in der Weltfriedenskirche von Hiroshima beigesetzt.