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Imponierend: Jens Malte Fischers Biografie über Karl Kraus | BR24

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Eberhard Falcke über Jens Malte Fischers Biografie "Karl Kraus: Der Widersprecher", die für den Bayerischen Buchpreis 2020 nominiert ist.

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Imponierend: Jens Malte Fischers Biografie über Karl Kraus

"Alles über Karl Kraus und seine Zeit": So könnte die Biografie heißen, die Jens Malte Fischer, Experte für das Wiener Fin de Siècle, dem großen Satiriker gewidmet hat. "Karl Kraus. Der Widersprecher" ist im Rennen um den Bayerischen Buchpreis.

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Von
  • Eberhard Falcke

Es war ein ganz großer Gegner, den sich Karl Kraus ausgesucht hatte: Er kämpfte gegen nichts Geringeres als die Dummheit der Welt. Dieser Gegner hatte in den Augen des gestrengen Wiener Satirikers und Polemikers unendlich viele Köpfe. Dichter und Literaten gehörten für ihn ebenso dazu wie die Vertreter des technischen Fortschritts, bürgerliche Doppelmoralisten oder Militaristen und Kriegsgewinnler des Ersten Weltkriegs.

Die Korruption des öffentlichen Lebens

Zu den allerschlimmsten Organen der Weltdummheit aber rechnete er die Presse, weil sie mit der Sprache Schindluder trieb und damit der allgegenwärtigen Niedertracht den Weg bahnte. Noch in den 1980er Jahren waren Karl Kraus und seine Zeitschrift "Die Fackel" im allgemeinen Bewusstsein weithin präsent, doch seitdem geriet er zunehmend in Vergessenheit. Trotzdem sind die Reibungsflächen zwischen seiner rigorosen Zeitkritik und unseren Gegenwartsverhältnissen nicht kleiner geworden.

Nun rückt der Kulturwissenschaftler Jens Malte Fischer den sprachmächtigen Unzeitgemäßen der österreichischen Literatur mit einer Biografie erneut ins Blickfeld. Darin erhebt er ihn zum "größten Satiriker des 20. Jahrhunderts". Die Ärgernisse jedoch, die Karl Kraus dazu machten, fand er als Bewohner der K.-u.-k.-Metropole Wien in seiner allernächsten Umgebung, so Fischer: "Es war Kraus' Einsicht in die Korruption des öffentlichen Lebens, den Nepotismus an Hochschulen und in Ministerien, die Käuflichkeit der Journaille, die ihn zur Gründung der Fackel trieb und die Kompromittierung des Liberalismus für ihn markierte."

© Privat

Jens Malte Fischer.

Ausführliche Hintergründe

"Karl Kraus. Der Widersprecher" hat Jens Malte Fischer sein 1.000-Seiten-Werk überschrieben, mit dessen Materialfülle und Vielschichtigkeit er sich wohl unbestreitbar als der derzeit beste Kenner der Materie ausweist. Dabei fällt eine Besonderheit seiner Darstellungsweise schnell ins Auge: Der Biograf widmet den Figuren und Verhältnissen, mit denen sich der Widersprecher polemisch oder satirisch herumschlug, fast ebenso viel Raum wie diesem selbst. Das heißt, es gibt kaum einen Themenkomplex, bei dem Fischer, bevor er auf Kraus kommt, nicht einen ausführlichen Ausblick auf die allgemeine Situation vorausschickt – gleich ob es sich um Kraus' Liebe zum Theater handelt, um sein Verhältnis zum Judentum, seine Haltung zum Kriegspatriotismus oder später zur Sozialdemokratie und zum Ständestaat der Dollfuß-Regierung.

Immerhin gibt es für solche Extra-Lektionen einen guten Grund. Denn bei wenigen Schriftstellern treffen Vergänglichkeit und Ewigkeitswerte so hart aufeinander wie bei Karl Kraus. Viele seiner Gegnerschaften und Positionen wie etwa die zum Wesen der Frau oder zur Psychoanalyse sind weitgehend verjährt. Darum sind Exkurse zu den historischen Hintergründen in jedem Fall hilfreich. Andererseits kommen in derlei langwierigen Erklärungen manche Überzeugungen, aus denen Kraus fulminante Tiraden gezaubert hat, dann doch etwas platt daher. "Bei Karl Kraus konzentriert sich der Kulturpessimismus der ersten Fackel-Jahrgänge, ohne den seine Haltung zum Ersten Weltkrieg nicht begriffen werden kann, auf den Fortschrittsgedanken, wie er ihn im technischen Fortschritt verkörpert sah. In ihm sieht Kraus den Versuch des Tatsachensinns einer gehirnlosen Menschheit, die Natur zu beherrschen."

Der andere Kraus

Für stilistischen Ehrgeiz hat der Biograf angesichts der Fülle von Informationen, die er ausbreitet, nicht immer Zeit gefunden, auch Bündigkeit ist nicht seine Stärke. Dafür bietet Jens Malte Fischer etwas anderes: Er zeichnet ein außerordentlich umfassendes Bild von Karl Kraus und seiner Welt, in der dieser eine geistferne apokalyptische Niedertracht am Werk sah. Zu diesem Bild gehört auch der andere Kraus, der in der Liebe das Heil suchte und in der Natur den unbefleckten Ursprung fand. Das war der Lyriker als Alter Ego des Satirikers, dem der Biograf hier eine einsichtsvolle Analyse widmet.

Jens Malte Fischer hat sich seit seiner Dissertation ein Wissenschaftlerleben lang mit Karl Kraus, Wien und dem Fin de Siècle beschäftigt. Das merkt man dieser Biografie an, deren Struktur an die Sammlung einer Reihe von Einzelstudien denken lässt. Da finden sich höchst informative Kapitel zur Skandalgeschichte des Wiener Zeitungswesens, zu Sexualität und Kriminalität oder zu der sarkastischen Feststellung des Satirikers, ihm falle zu Hitler nichts ein, die von vielen als bare Münze genommen wurde, um ihm daraus einen Vorwurf zu machen.

"Alles über Karl Kraus und seine Zeit"

Obwohl Fischer den gelegentlich auch durchaus abwegig anmutenden Krausschen Verurteilungsfuror nie wirklich in Frage stellt, unterwirft er ihn doch mancher kritischen Betrachtung. Eine Biografie aus einem Guss ist das nicht. Ein großes imponierendes Erklärungswerk, das ebensogut den Titel "Alles über Karl Kraus und seine Zeit" tragen könnte, ist Jens Malte Fischer hier aber gelungen. Für alle Kraus-Leser, deren Interesse mit Wissbegier gepaart ist, und die es an Ausdauer und Konzentration nicht fehlen lassen, gibt es derzeit keine bessere Lektüre.

"Karl Kraus. Der Widersprecher" von Jens Malte Fischer ist bei Zsolnay erschienen.

Das Buch ist nominiert für den Bayerischen Buchpreis 2020, der am 19. November 2020 in München vergeben wird.

© Zsolnay

"Karl Kraus. Der Widersprecher" von Jens Malte Fischer

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