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Warum sind selbstzufriedene Deutsche ein Übel, Herr Jessen? | BR24

© picture alliance / Global Warming Images Audio: BR

Er ist wieder da: Mit seinem Büchlein "Der Deutsche.Fortpflanzung, Herdenleben und Revierverhalten" liefert ZEIT-Autor Jens Jessen eine aktuelle Charakterstudie zum Klischee des hässlichen Deutschen

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Warum sind selbstzufriedene Deutsche ein Übel, Herr Jessen?

Wenn Deutsche über Deutsche schreiben, kommen oft beide Seiten schlecht weg. In einem kurzweiligen Essay seziert der ZEIT-Journalist Jens Jessen den "hässlichen Deutschen" – und bedient in seiner Schmähkritik leider auch einige Männerklischees.

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Befindlichkeits- und Charakterstudien über Deutsche hatten in den Siebzigern und Achtzigern des letzten Jahrhunderts Konjunktur. Damals war der Begriff des "hässlichen Deutschen" in aller Munde: vom Wesen her rau, roh, ruppig, ein Besserwisser und Effizienzmonster mit dem Hang zur Selbstzerfleischung. Gibt’s den noch? Fast ist er in Vergessenheit geraten, da erscheint ein brillant argumentierendes kleines Büchlein des Journalisten und Autors Jens Jessen mit dem Titel "Der Deutsche". Untertitel: "Fortpflanzung, Herdenleben und Revierverhalten".

Der hässliche Deutsche ist wieder da

Und tatsächlich: Man hätte ihn selbst ganz übersehen, aber Jessen zeigt auf, dass er wieder da ist: Der Deutsche mit all seinen hässlichen Eigenschaften, seinem Hang zur Funktionskleidung, seiner Unfähigkeit zu geschmeidiger Konversation, seiner Angst vor einem Flirt. Dieses Mal ist die Charakterstudie nicht Teil eines Trends. Jessens Buch steht unter den Neuerscheinungen in diesem Herbst alleine da.

Für Jessen gehört der deutsche Selbstverdruss nicht nur zu den deutschen Eigenschaften. Er habe sogar eine ganz große Tradition. Doch es habe sich da etwas verändert, meint er im Interview: "Ich weiß nicht, wann genau. Auf jeden Fall im Nachgang der Wiedervereinigung hat ein enormer Schub der Selbstzufriedenheit stattgefunden. Da kann man vielleicht sagen, dass das ein Fortschritt ist, dass die Deutschen mit sich versöhnter sind. Ich finde aber nicht."

Seine Selbstzufriedenheit macht ihn nicht benutzerfreundlicher

Jens Jessen sitzt in seinem Büro bei der Wochenzeitung "Die Zeit". Draußen sind Bauarbeiten im Gange, drinnen surrt die Klimaanlage. Auf dem Schreibtisch steht eine exquisit aussehende Messingschale, aus der heraus sich noch ein wenig Aschegeruch im Zimmer verteilt. Insgesamt herrscht eine behagliche Atmosphäre der Selbstzufriedenheit. Warum also hält er die Selbstzufriedenheit seiner Landsleute für einen Fehler?

Jessens Antwort: "Weil das nicht einhergeht mit einer charmanteren und angenehmeren Benutzeroberfläche. Es wird nur das ehedem schon wahrgenommene Rumpelige, Uncharmante, auch im buchstäblichen Sinne Hässliche nicht mehr als Problem gesehen. Es hat eine speckige Selbstzufriedenheit um sich gegriffen, und zwar jetzt nicht nur im Alltagshabitus, sondern auch in der Meinung über unser Gesellschafts- und Wirtschaftssystem. Und dort finde ich es erst recht unangemessen."

© Zu Klampen Verlag

Die Deutschen verdecken Probleme gerne durch verlogene, pseudo-fortschrittliche Narrative – kritisiert Autor Jens Jessen

Zentraler Kritikpunkt Jessens ist eine Haltung, die er in seinem Essay "Der Deutsche" in vielen Bereichen ausmacht. Er nennt sie Heuchelei oder Camouflage. Probleme werden verdeckt durch ein verlogenes, sich als fortschrittlich gerierendes Narrativ. Die eigene Spaßferne wäre demnach einer überlegenen deutschen Ernst- und Tugendhaftigkeit geschuldet, unsere Konversationsschwäche und Ruppigkeit wird zu Ehrlichkeit umgedeutet und die horrenden Einkommensunterschiede werden übertüncht von etwas, das Jessen "Proletkult" nennt – die Verleugnung der gesellschaftlichen Hierarchie bei vorgeblicher Orientierung am Lebensstil der Schlechtergestellten.

"Der Proletkult der Medien orientiert sich an der Einfalt"

Proletkult sei eigentlich ein Begriffs-Import aus der frühen Sowjetunion. Unter ganz anderen Vorzeichen, nicht klassenkämpferischen, könne man – wenn man es nicht ganz historisch ausbuchstabiere – so etwas wie einen Proletkult heute bei uns sehen: und zwar in der Welt der Kultur, besonders aber in der Medienwelt, meint Jessen: "Da soll eben alles vermieden werden, was jemanden, der weniger gebildet ist, in irgendeiner Weise durch Unverständnis kränken könnte. Alles soll sich nach dem einfältigsten Zuhörer, Zuschauer oder auf der politischen Bühne – Wähler – ausrichten."

Wenn wir uns aber daran gewöhnten, dass alles ganz einfach sei, dann werde uns die Wirklichkeit entgleiten, schreibt Jessen in seinem Essay.

© Zu Klampen Verlag

Buchcover zu Jens Jessens Schmähschrift: "Der Deutsche. Fortpflanzung, Herdenleben, Revierverhalten"

Mit "Der Deutsche" hat der Journalist eine geist- und pointenreiche Schmähkritik über die Deutschen geschrieben. Ja, an manchen Stellen schießt er übers Ziel hinaus, besonders wenn es um Erotik und schöne Frauen geht, von denen es in Deutschland doch auch etliche gebe, wie Jessen konstatiert. Aber wieso ziehen die Stilettos an, wenn sie dann drauf laufen wie Bauarbeiter? Wieso üben die nicht? Frauen aus benachbarten Nationen schaffen auf diesen Schuhen doch auch einen eleganten Gang!

Nun werden einige Leserinnen "Alter weißer Mann!" rufen und Schlimmeres. Auf Nachfrage sagt der Autor dazu: Er sei kein Antifeminist, im Gegenteil. Aber so sei es nun mal: In den romanischen Ländern würden die Frauen lieber flirten als in Deutschland und sich entsprechend anziehen. Das müsse er sagen dürfen.

Pointenreiche Schmähkritik vom "alten weißen Mann"

Und genau darum geht es in diesem Büchlein: Jessen sagt ohne Rücksicht auf herrschende Sprachregelungen, wie er seine Umgebung sieht. Das nennt man Meinungsfreiheit. Ihm den Mund verbieten zu wollen, ist ein gefährliches Ansinnen. Nur weil zwei Seiten dieser ansonsten wunderbaren Schmähkritik blöd sind, sollte man die anderen 120 Seiten nicht in die Tonne treten. Auch Frauen nutzen ihr Recht, blöde Ansichten über das Verhalten von Männern zu äußern.

Also: Frauen und Männer, lest diesen Essay eines exzentrischen, gebildeten Herrn von 65 Jahren, der für seine scharfen Gedanken stets einen überraschenden Ausdruck findet. "Der Deutsche" von Jens Jessen: Eine erfrischende Lektüre!

Jens Jessen: "Der Deutsche. Fortpflanzung, Herdenleben, Revierverhalten". Herausgegeben von Anne Hamilton für den Zu Klampen Verlag. 128 Seiten, 16 Euro

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