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Irritierende Botschaften auf LED-Streifen: Jenny Holzer wird 70 | BR24

© Bild: Keystone Kefalas/Picture Alliance / Audio: BR

In einem Baseball-Stadion sorgte sie für die größte Empörung, aber auch am New Yorker Times Square brachte sie die Passanten zum Nachdenken. Jenny Holzer wurde mit politischen Slogans auf Leuchtbändern bekannt: Sie will lieber gut als berühmt sein.

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Irritierende Botschaften auf LED-Streifen: Jenny Holzer wird 70

In einem Baseball-Stadion sorgte sie für die größte Empörung, am New Yorker Times Square brachte sie die Passanten zum Nachdenken: Jenny Holzer wurde mit politischen Slogans auf Leuchtbändern bekannt. Sie will lieber gut als berühmt sein.

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Wenn es dunkel wird, leuchtet ihre Kunst. Buchstaben, gesetzt nach dem blinkenden Muster der Werbung. Jenny Holzers Worte werben für Werte. Obwohl sie sich vor diesem Wort lieber hütet. Jenny Holzer: "Ich vermeide das Wort 'Werte'. Ich habe Angst, über Werte zu reden. Wenn sich heute jemand auf Werte beruft, dann um jemanden zu entlassen oder gar zu inhaftieren."

"Ich war nicht sicher, was ich war"

Karg und ungeschminkt spricht die Konzept-Künstlerin. Der ihre Lehrer auf der Akademie keine Karriere prophezeit hatten. Da pflasterte Jenny Holzer einfach Manhattan mit Sätzen zu: "Ich war mir damals nicht sicher, was ich war. War mir nicht sicher, ob ich eine Künstlerin bin. Ich dachte, vielleicht bin ich eine Spinnerin, die Sachen vorträgt." Das sagt Jenny Holzer in einem Fernsehinterview über ihre "Truisms", ihre "Binsenweisheiten". Gedanken, die sie von irgendwo kopierte und nachts auf Hauswände oder Laternenmasten klebte: "Ich war eine anonyme Aufwieglerin, denn meine Poster wurden nachts aufgehängt. Unsigniert. Ich wollte, dass die Leute sie für das wahrnahmen, was drauf stand. Nicht meinetwegen."

© Christina Horsten

Installation "Red Yellow Looming" im Museum Met Breuer, New York

Verbrechen werde durch Privateigentum erzeugt, hieß es da etwa. Oder: Machtmissbrauch ist keine Überraschung. Der Durchbruch gelang der New Yorkerin, als ihre Sätze Anfang der 1980er-Jahre auf einer riesigen Reklame-Leuchttafel am Times Square aufblinkten: "Schütze mich vor dem, was ich will." Die Slogans irritierten die Geschäftsleute und Touristen, die sonst eilig vorbeihasteten, ließen sie innehalten. Holzer meißelte solche Worte auch in Stein, doch ihre LED-Streifen mit den laufenden Buchstaben wurden ihr Markenzeichen und gingen um die ganze Welt.

Bundestags-Reden auf Leuchtbändern

In den Berliner Reichstag etwa. Über vier Seiten einer Stele fließen dort Redetexte von Bundestagsabgeordneten in Holzers leuchtenden Buchstaben zur Decke hinauf. In Frankfurt am Main ließ sie Texte von Goethe, Luther oder Theodor W. Adorno über die Alte Nikolaikirche oder das Rathaus wandern. Unter dem Titel "Lustmord" prangerte sie die systematischen Vergewaltigungen von Frauen im Jugoslawien-Krieg an: Holzer umwickelte 1994 Knochen mit silbernen Textbändern. "Ich wollte aus mehreren Perspektiven über den Krieg schreiben", sagt die Künstlerin, "der der Opfer, der Täter und der eines Beobachters, der nach dem Krieg wieder Recht herstellen muss."

© Rainer Jensen/Picture Alliance

Jenny Holzer vor Leuchtbändern

Der Krieg beschäftigt Jenny Holzer oft. Unter dem Eindruck des Irak-Krieges entstanden ihre "Dust Paintings", ihre Staub-Gemälde. Dafür übermalte sie Kopien von amerikanischen Staatsdokumenten, die Folterungen im Gefangenenlager Guantánamo protokollieren: "Ich studierte Tausende Dokumente und pickte einige heraus, die die Ereignisse zusammenfassen." Jenny Holzer lebt zurückgezogen auf einer Farm im Staat New York. Sie hat zugegeben: Sie wäre auch gern eine gute Malerin geworden. Aber sie sei nicht gut genug gewesen: "Es ist besser, ein guter Mensch zu sein als ein berühmter."

Sie ist trotzdem berühmt. Und schafft es immer noch, aufzuregen. Die meiste Empörung will die Siebzigjährige nach eigenen Worten mit der Aufschrift auf der Anzeigentafel eines Baseball-Stadions bekommen haben: "Erzieht Jungen und Mädchen auf gleiche Art und Weise", stand darauf.

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