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"Jedermann" als Notlösung: 100 Jahre Welttheater in Salzburg | BR24

© Audio: BR; Foto: Stephen White/Salzburg-Museum

Mit künstlerischen Arbeiten, skurrilen Requisiten und legendären Regiebücher erinnert das Salzburg Museum an 100 Jahre Salzburger Festspiele.

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"Jedermann" als Notlösung: 100 Jahre Welttheater in Salzburg

Die Salzburger Festspiele wurden nach dem Ersten Weltkrieg als Friedensprojekt gegründet, das Salzburg Museum zeichnet ihre Geschichte nun in einer großen Schau nach. Der berühmte "Jedermann" eröffnete diese Geschichte 1920 nur als Ersatzstück.

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"100 Jahre Salzburger Festspiele, das ist nicht mehr, aber auch nicht weniger als 100 Jahre Kulturgeschichte", sagt Festspielchef Markus Hinterhäuser. Der Intendant bringt es auf den Punkt. Die nun hundertjährige Geschichte des Festivals spiegelt auf vielfältige Weise die Geschichte Europas, in ihrem kulturellen Glanz, in ihren historischen Brüchen, in ihren dunkelsten Stunden. Geboren als Friedensprojekt aus dem Inferno des Ersten Weltkriegs, erlebten diese Festspiele ihre erste Blüte bis zum vielerorts begrüßten sogenannten "Anschluss" an das Deutsche Reich 1938, der viele, vor allem auch jüdische Künstler ins Exil zwang oder der Verfolgung anheimgab.

Mit Karajans Tod endete eine Ära

Nach dem Zweiten Weltkrieg ermöglichen die amerikanischen Besatzer bereits 1945 wieder Festspiele, die bald schon an ihre frühere Qualität anknüpfen und vor allem dann unter Herbert von Karajan ihrem beispiellosen Ruf als Hort großer Musikereignisse gerecht werden. Dass der Tod von Karajans und der Fall der Berliner Mauer 1989 nahezu zeitgleich jeweils eine Ära vollendeten, und dass die Welt und die Salzburger Festspiele danach zu neuen Ufern aufbrachen, ist einer dieser Brüche, die die Geschichte der Festspiele so signifikant macht.

Doch wie diese Geschichte in einer Ausstellung präsentieren? Das Salzburg Museum hat nun unter dem Titel "Großes Welttheater" keine Mittel gescheut, sie in ihrer historischen Bedeutung zu dokumentieren und zugleich in ihrer kulturellen Relevanz sinnlich erfahrbar zu machen. Das beginnt mit einer filmischen Dokumentation der Festspielgeschichte und endet mit einem Parcours, in dem Installationen namhafter Künstler den Dialog mit den Festspielen suchen.

© Luigi Caputo/Salzburg-Museum

Rauminstallation "Jedermann erwartet sich ein Fest"

Regiebuch von Max Reinhardt

Dazwischen werden verschiedenste Festspielhaus-Projekte ebenso vorgestellt wie eine 36 Meter lange Archivschrank-Installation, in der mit 100 signifikanten Objekten 100 Jahre Salzburger Festspielgeschichte erzählt werden, wie Kuratorin Margarethe Lasinger beschreibt: "Wir fangen 1920 naturgemäß mit dem 'Jedermann' an. Das Regiebuch von Max Reinhardt, das ist auch unser größter Schatz, weiter geht es mit dem Gästebuch von Max Reinhardt aus Schloss Leopoldskron." Dass Festspielgeschichte auch Mediengeschichte ist, zeigt die Ausstellung mit einem Mikrofon von 1927.

Wer sich hier von Originalkostümen oder Partituren, von "Rosenkavalier"-Rosen oder einem Fahrrad der Buhlschaft hat optisch inspirieren lassen, kann sich am Ende der Installationen auch noch am mehrstimmigen Archiv erfreuen, dessen 128 Klang- und Hörbeispiele von Interview- oder Stück-Ausschnitten bis zum naturgemäß für die Festspiele Unvermeidlichen reicht: den berühmten Jedermann-Rufen.

© Forster/Salzburger Festspiele

"Jedermann" 2013 in Salzburg: Cornelius Obonya in der Titelrolle, Peter Lohmeyer als Tod

"Jedermann" war Notlösung

Dass der "Jedermann" als erstes Stück der Salzburger Festspiele 1920 im Grunde eine Notlösung war, weil Hugo von Hofmannsthals eigentlich geplantes "Großes Welttheater" nicht rechtzeitig fertig wurde, ist angesichts des Jahrhundert-Erfolgs des naiven Mysterienspiels über die großen Fragen der Menschheit längst vergessen.

Und so lädt die Ausstellung auf einer ihrer vielen beeindruckenden Stationen in einer sehr berührenden Videoinstallation den Besucher auch ein, sich jenen Dialogen auszusetzen, die "Jedermann"-Darsteller und -Darstellerinnen über die letzten großen Themen geführt haben: "Wir haben zum Beispiel Elisabeth Trissenaar, als ehemalige Buhlschaft und Mutter prädestiniert dafür, über Geburt und Tod zu sprechen", so Margarethe Lasinger. "Tobias Moretti hat sich gewünscht, mit der Präsidentin über Geburt und Tod zu sprechen, Cornelius Obonya hat seine langjährige Garderobiere eingeladen, die ihm so nahe gekommen ist, wie kaum jemand anderer. Das sind ganz wunderbare, ganz intensive und ganz intime Gespräche geworden, die sehr nah am Jedermann dran sind, aber uns sozusagen weiterführen zu diesen Fragen, die hier verhandelt werden."

Die Ausstellung "Großes Welttheater – 100 Jahre Salzburger Festspiele" ist noch bis zum 31. Oktober 2021 im Salzburg Museum am Mozartplatz zu sehen.

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