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Jean-Paul-Preisträgerin Ursula Krechel und die Zeitgeschichte | BR24

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Am Abend wird die Schriftstellerin Ursula Krechel in München mit dem Jean-Paul-Preis ausgezeichnet. In ihrem Werk beschäftigt sich die in Berlin lebende Autorin intensiv mit der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Sie gibt den Vergessenen eine Stimme.

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Jean-Paul-Preisträgerin Ursula Krechel und die Zeitgeschichte

Heute Abend wird die Schriftstellerin Ursula Krechel in München mit dem Jean-Paul-Preis ausgezeichnet. In ihrem Werk beschäftigt sich die in Berlin lebende Autorin intensiv mit der Geschichte des 20. Jahrhunderts und gibt den Vergessenen eine Stimme.

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"Erzählt doch, wie es früher war", bittet Annchen, eine der Figuren in Ursula Krechels Roman "Geisterbahn", ihre Eltern abends am Tisch. Doch es gibt keine Sprache für das, was dem Ehepaar Alfons und Lucie Dorn wie auch seinen Kindern widerfahren ist. Jedenfalls nicht für die Mitglieder der Schausteller-Familie aus Trier. Eine schrittweise, brutale Entrechtung und Verfolgung, die Ausgrenzung, die Zwangssterilisation der ältesten Tochter, die Deportation nach Majdanek, der Tod einiger Kinder. Erst Ursula Krechel kann den Wunsch von Annchen, einer Figur in ihrem jüngsten Roman "Geisterbahn", erfüllen. Sie findet eine Sprache für das Entsetzliche, sie erzählt, einmal mehr. Die Geschichte des 20. Jahrhunderts gehört zu den zentralen Themen im Werk der in Berlin lebenden Schriftstellerin.

"Das 'Erzählt doch, wie es früher war', betrifft natürlich auch mich", sagt Ursula Krechel im Interview mit dem Bayerischen Rundfunk. "Ich hatte die Vorstellung, es muss etwas Schreckliches passiert sein. Aber als ich dann nachfragte, hieß das: Nachkrieg, Hungersnot. Es gab nichts zu kaufen, es lag alles in Trümmern. Das habe ich ja selbst gesehen. Aber was mich dann, je älter ich wurde, entsetzt hatte, war, dass niemand von der wirklichen Katastrophe gesprochen hat, von der Ausrottung so vieler Menschen, von der Hartherzigkeit. Hinzu kommt, dass ich mich im Studium auch mit der Emigranten-Literatur beschäftigt habe. Das war die große Literatur der bedeutsamen Autoren. Es hat dann eine ganze Zeit gedauert, bis ich mir klar machte, unter den vielen aus dem Land Getrieben waren das Gros ganz normale Menschen. Und diese Beispiele, auch im Kleinen, sind mir für mein Schreiben sehr wichtig geworden."

Eine Stimme für die Vergessenen

Drei große Romane hat Ursula Krechel bislang über die Schicksale von Menschen geschrieben, die – wie die Familie Dorn – von ihren Mitmenschen zutiefst gedemütigt, ausgegrenzt und vertrieben worden sind. Geschichten von denen die in den Jahren der nationalsozialistischen Diktatur nach Shanghai ins Exil gelangen konnten, etwas Geld und einen Koffer bei sich, alles, was geblieben ist vom Leben zuvor. Geschichten von denen, die nach 1945 zurückgekehrt sind, wie der Jurist Richard Kornitzer, die Hauptfigur im Roman "Landgericht". Als sogenannte "Displaced Person", von den Nazis ausgebürgert, sitzt er nun erneut zwischen allen Stühlen, Stein um Stein wird ihm, auf der Suche nach Wiedergutmachung, in den Weg gelegt. Man könnte sagen, Ursula Krechel gibt denen eine Stimme, die im Nachkriegsdeutschland, im Land des Vergessens und Verschweigens, nicht gehört worden sind.

"Die Stoffe suchen ja eigentlich auch ihre Autoren", sagt die vielfach ausgezeichnete Autorin. "Und es hat mich verstört und erbittert, dass all das, was ich als Kind wahrgenommen habe, auf der Rückseite der Gesellschaft stattfand, im Dunkeln gelassen wurde, gar keine Rolle spielte. Man könnte ja sagen, ein Großteil dieser Aufarbeitung ist ja um das Jahr 1968 versucht worden. Aber sie ist immer mit Zorn, sie ist immer mit dem Vorwurf gegen die Elterngeneration, die es ja damals war, ausgedrückt worden. Und ohne die Vorstellung, wo sind die Opfer? Man war viel zu stark an den Tätern interessiert und hat die Täter noch einmal aufgewertet. Aber die Vorstellung, was jenseits des Zorns ist, wer durch den Zorn wiederum in den Schatten gestellt wird, das ist mir erst sehr viel später aufgegangen."

© dpa

Die in Trier geborene und in Berlin lebende Schriftstellerin Ursula Krechel. Für ihr literarisches Werk erhält sie den Jean-Paul-Preis.

Geschichte im Roman und im Gedicht

Die intensive Beschäftigung mit der Zeitgeschichte, mit den vielen Leerstellen im kollektiven Gedächtnis, ist nicht erst Gegenstand der Romane von Ursula Krechel. Frühzeitig hat sie darüber geschrieben, insbesondere in ihren Gedichten. Einmal ist von "Bodenlosigkeit" die Rede, von einer Existenz "ausgesiedelt ohne Paß und Haut". Ein anderes mal wird an die Dichterin Gertrud Kolmar erinnert, die von den Deutschen ermordet wurde. Es gibt viele andere Beispiele. Im Gedicht "Die Zukunft des Emigranten" etwa finden sich die Worte "Aufbrüche / in alle Winde". Sie verweisen auf die Erfahrungen, die auch viele Figuren in Ursula Krechels Romanen machen müssen. Die Gedichte sind freilich viel mehr als nur ein Vorhof zum Roman-Werk.

"Die Gedichte haben eine eigene Dynamik", erzählt die Jean-Paul-Preisträgerin des Jahres 2019. Sie sind wie Steine, wie Inskripte, wo der Roman in Fluss gerät, wo er in Fluss kommen muss. Man kann auch sagen, die Gedichte sind kleine Denkstätten oder Denkstellen oder Denksteine. In den Gedichten ist etwas ganz anderes möglich: Intensität in einem Augenblick zu schaffen. Der Roman braucht eben doch sehr, sehr viel Stoff. Er braucht eine Einfühlung in Personen, wo das Gedicht einfach mit Intensität etwas in die Luft werden kann und zuschauen kann, wie es aufprallt, wie es vielleicht auch in einem Leserkopf, einem Leserinnenkopf aufprallt."

Momente der tiefen Erschütterung

In Ursula Krechels Texten - in den Gedichten und Romanen - gibt es immer wieder Augenblicke der tiefen Erschütterung. In "Geisterbahn", erschienen 2018, erzählt Ursula Krechel unter anderem von der Zwangssterilisation von Kathi Dorn, der ältesten Tochter der Familie Dorn, einer Sinti-Familie. Kathi ist minderjährig, niemand schreitet gegen das vom deutschen Staat verordnete Unrecht ein. Die Mutter Lucie holt ihre Tochter Kathi aus dem Krankenhaus ab, das Mädchen ist gezeichnet für den Rest seines Lebens. Und es erfährt nie eine Geste der Wiedergutmachung. Mutter und Tochter stehen in der Basilika in Trier, blicken auf ein Bild der Gottesmutter. "Nein, so war Maria nicht behandelt worden", heißt es im Roman. Ursula Krechel hat in ihrem literarischen Werk immer wieder zurückgegriffen auf reale Geschichten. Ihre Literatur ist immer auch Geschichtsschreibung.

"Die Familie Dorn ist zum Teil konstruiert aus vielem, was ich gelesen und gehört habe", erzählt Ursula Krechel im Gespräch. "In der Tat habe ich als Kind eine kleine Sintezza gekannt. Ich habe mich besonders für ihre Mutter interessiert. Ihre Mutter war eine dunkle Frau, die am Rand des Schulhofes stand. Und sie hatte eine solche Düsternis um sie, dass ich mich zum Teil als Kind auch fürchtete. Das war die einzige Mutter, die ihr Kind abholte, die ihr Kind vermutlich auch vor uns schützen wollte, vor uns anderen, vor der Mehrheitsgesellschaft. Ich bin später dieser Spur nachgegangen. Und habe, bevor ich mich bemüht habe, dieses Mädchen – heute eine ältere Frau – wiederzufinden, mich mit vielen Geschichten von Sinti und Roma beschäftigt."

Ursula Krechels Bücher erscheinen im Verlag Jung und Jung Salzburg. Heute am Abend erhält die in Berlin lebende Schriftstellerin den Jean-Paul-Preis für ihr Lebenswerk.

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