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Wie der Brite Shabaka Hutchings den Jazz neu erfindet | BR24

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Sie verbinden ganz unbekümmert den Jazz mit Afro-Beat, Techno, Pop und HipHop: Die neuen britischen Bands wie "The Comet is Coming" erweitern gerade den Musik-Kosmos. Ihr Vordenker Shabaka Hutchings will weg von der Dominanz des US-geprägten Jazz.

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Wie der Brite Shabaka Hutchings den Jazz neu erfindet

Sie verbinden ganz unbekümmert den Jazz mit Afro-Beat, Techno, Pop und HipHop: Die neuen britischen Bands wie "The Comet is Coming" erweitern gerade den Musik-Kosmos. Ihr Vordenker Shabaka Hutchings will weg von der Dominanz des US-geprägten Jazz.

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Ist das noch oder schon wieder Jazz? Für ältere Fans hat, was „The Comet is Coming“, die neue Gruppe des afro-britischen Wunderknaben Shabaka Hutchings veröffentlicht, kaum etwas mit den geliebten Idiomen des Jazz zu tun. Tatsächlich kombiniert das Trio synthetische Klänge der modernen Popwelt, die aus Computerspielen zu kommen scheinen, mit absichtlich in den Hintergrund gemischten Saxophon-Soli.

Die Formation „The Comet is Coming“ ist an Grimes, Techno und Drum and Bass geschult, weigert sich zudem, in den üblichen Jazzclubs aufzutreten. Beim Münchner Konzert spielten Hutchings und seine Jungs in der „Milla“, einem Club, in dem alles Mögliche läuft. Die Entscheidung gegen die „Unterfahrt“, die klassische örtliche Jazz-Location ist bewusst getroffen, so Shabaka Hutchings: „Ich bemühe mich darum, dass die Leute und ich selbst meine Musik ohne Vorurteile wahrnehmen können und nicht etwa als Musik einer bestimmten Tradition. Es ist nicht so, dass ich Musik mache für ein Publikum, das nichts mit Jazz anfangen kann. Ich will aber auch nicht, dass Leute, die gerne gute Musik hören, sich verweigern.“

© Ian West/picture alliance

Shabaka Hutchings mit seiner Band "Sons of Kemet"

Sie setzen auf Afro-Beat

Shabaka Hutchings, britischer Staatsbürger, aufgewachsen auf Barbados in der Karibik, ist wie viele junge englische Jazz-Künstler dunkelhäutig. Seine Familie stammt aus einer ehemaligen Kolonie des längst untergegangenen British Empires. Die Nachfahren, ehemalige Einwanderer wie die Saxophonistin Camilla George oder die Band „Coco Rock Show“, bestehend aus einem dreiköpfigen weiblichen Bläsersatz, haben nichts mehr mit afroamerikanischen Erfindungen wie Swing und Funk am Hut. Sie setzen auf Afro-Beat, auf technisch schwer zu spielende Pole-Rhythmen, die in den Siebzigerjahren in Westafrika entwickelt wurden, etwa vom rebellischen Nigerianer Fela Kuti und dem Schlagzeuger Tony Allen.

"Es geht darum, den Schwerpunkt zu verlagern"

Symptomatisch für den Umgang mit Musiktradition ist auch das „Asrak Collective“. Das Londoner Quintett, das elektronischen Jazz mit Reggae und Afro Beat-Patterns mischt, schreckt nicht zurück vor tiefer gelegten Sounds, wie sie im HipHop und Pop üblich sind. Vieles, was derzeit aus dem – noch – Vereinigten Königreich kommt, klingt frisch und unverbraucht, anders als der Rest zumindest.

Der Dreh dabei: Die britischen Musiker setzen sich bewusst ab vom übergroßen Bruder aus Nordamerika, wie es Shabaka Hutchings, der Vordenker der Szene, propagiert: „Ich schätze den kenianischen Autor Ngũgĩ wa Thiong’o sehr. Ich habe alle seine Romane gelesen. Eines seiner Konzepte ist es, den Schwerpunkt des Zentrums zu verlagern, den springenden Punkt gewissermaßen. Das ist der Grundzug all seiner Bücher. Es geht also nicht darum, den amerikanischen Jazz für irrelevant zu erklären oder das Projekt, das die afroamerikanische Community verfolgt, zu diskreditieren. Es geht um erweiterte Perspektiven, an denen wir teilhaben können. Man kann auch den Weg betrachten, den der Jazz in Afrika genommen hat, und in der afrikanischen Diaspora weltweit. Man kann auch untersuchen, inwieweit Musikstile diese Kulturen verändern, welche Wechselwirkungen sie entfaltet haben. Man muss nicht immer nur auf den amerikanischen Jazz schauen.“

© Ian West/picture alliance

Aufbruch in eine neue Ära?

Sich in eine Pionier-Situation begeben, ohne wieder bei Adam und Eva anzufangen, sprich in New Orleans, vor über hundert Jahren, um "olle" Jazz Standards durchzukauen! Stattdessen zurück zu den Wurzeln, und die liegen in Afrika oder im aktuellen Pop. Von den Rändern her nachdenken, das ist der Ansatz der jüngeren britischen Jazz Künstler, nach der imaginären Folklore der Franzosen in den Siebziger- und Achtzigerjahren und den sparsamen Klanglandschaften Skandinaviens. Während der letzten Jahrzehnte schlägt das Herz des modernen Jazz im vom Brexit gekennzeichneten Großbritannien. Mal hören, wohin das noch hinführt.

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