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Jaroslav Rudiš' "Winterbergs letzte Reise" sucht das alte Europa | BR24

© dpa

Der Schriftsteller Jaroslav Rudiš

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    Jaroslav Rudiš' "Winterbergs letzte Reise" sucht das alte Europa

    Das alte Europa erspüren: Das will Jaroslav Rudiš in seinem Roman "Winterbergs letzte Reise". Eine Road Novel per Bahn von sepiafarbener, heiterer Melancholie – nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse.

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    Kreuz und quer geht die Reise durch Mitteleuropa in Jaroslav Rudiš' Roman "Winterbergs letzte Reise", von Berlin über Böhmen bis Sarajewo und zuletzt nach Norden, bis Usedom und zurück nach Berlin. Winterberg, der 99-Jährige, so alt wie die Tschechische Republik, ein Greis mit Hornbrille, der unentwegt redet, reist zusammen mit Kraus, seinem Pfleger, der aus dem böhmischen Winterberg, heute Vimperk stammt, der zuhört und später zum Erzähler des Romans wird. Beide: auf der Suche nach Lenka, Winterbergs verlorener Liebe, vor allem aber auf der Flucht: vor der Geschichte Europas und vor den eigenen Geschichten und Traumata.

    "Durch mein Herz geht die Schlacht bei Königgrätz"

    Die blutige Schlacht bei Königgrätz 1866 ist für Winterberg Dreh- und Angelpunkt, als die Preußen die Sachsen und Österreicher besiegten. Eine epochale Zäsur für Europa und bei der Gründung des Deutschen Reichs fünf Jahre später. Ein Freund war Modell für Winterberg und fuhr mit Jaroslav Rudiš nach Königgrätz. "Wir waren da im Winter, es war sehr windig, stürmisch, es hat geschneit, und wir waren da zu zweit auf diesem Schlachtfeld und sonst niemand", erinnert sich Jaroslav Rudiš. Das war so ein starkes Bild, dass ich diese Szene später für den Roman-Anfang genommen habe. Und auch seinen Satz: Meine Vorfahren waren hier bei Königgrätz und haben gegeneinander gekämpft. Ich fand, in diesem Satz steckt alles, was ich an der Literatur mag: Durch mein Herz geht die Schlacht bei Königgrätz".

    Winterberg und Kraus, zwei Exil-Tschechen aus Berlin in den Zügen Europas; zwei wie Don Quijote & Sancho Panza, zwischen Tragik und Komik, Albtraum und Realität. Wenzel Winterberg, der letzte Straßenbahnfahrer Berlins, den "historische Anfälle" quälen, und Jan Kraus, der Pfleger, ein Charon, der Menschen bei ihrer letzten "Überfahrt" begleitet und seinen Kummer in Bier ertränkt. Beide haben im versehrten Europa ihr persönliches Königgrätz. Der Alte 1938, als die Deutschen Reichenberg/ Liberec okkupierten. Der andere mit seiner Flucht aus der sozialistischen Tschechoslowakei – eine sehr starke Szene im Roman.

    © Luchterhand/ Montage BR

    Jaroslav Rudiš: "Winterbergs letzte Reise"

    Leben in der großen böhmischen Einsamkeit

    Zwei Seelen, verwundet wie das "schöne Land der Schlachtfelder, Friedhöfe und Ruinen", das einmal verbunden war. "Nach Zweiten Weltkrieg sind das nun die Tschechen und die Slowaken und die Ungarn", sagt Jaroslav Rudiš, "und nach der Wende haben sich noch die Tschechen und die Slowaken getrennt. Und da leben wir, in einer großen böhmischen Einsamkeit. Und ich meine, davon kommen auch viele Ängste der Menschen, sehr irrationale Ängste vor den Fremden, vor den anderen. Weil sie das überhaupt nicht mehr kennen. Wenn man aber 'Winterbergs letzte Reise' oder den Baedeker Reiseführer von 1913 liest, sieht man, dass das früher überhaupt nicht der Fall war".

    Auf den Spuren des Baedeker von 1913, Winterbergs roter Bibel, reisen beide umher. Kein Wunder, wenn der Roman den Sound alter Züge in sich trägt, rhythmisch vorwärtstreibend in sich wiederholenden Motiven und Erzählschleifen. Jaroslav Rudiš ist der Enkel von Eisenbahnern, ist Eisenbahn-Fan, Bahnfahrer, studierter Historiker und Musiker, in der Kafka Band. Er habe immer an die Züge gedacht beim Schreiben, auch an Geräusche und Sound-Kulissen, die sich wiederholen, auch an Bilder, die Bahnhöfe, die Weichen, die Signale, die Tunnel in den Schluchten und die Brücken, sagt Rudiš. Und er habe gewollt, dass dieser Sound irgendwie zu spüren sei, wenn man das lese.

    "Winterbergs letzte Reise" ist kein Geschichtsbuch, kein historischer, kein politischer Roman, hat aber mit seinem europäischen Blick durchaus eine politische Dimension. In einer Zeit, in der die EU zerbricht, beschwört der alte Winterberg Mitteleuropa als Herz des Kontinents. Wort- und kenntnisreich wie sein Autor, deutlich zu redselig, aber doch mitreißend in seiner Art, die Dinge zusammen zu denken. Eine Road Novel per Bahn von sepiafarbener heiterer Melancholie, die enorm Lust macht, "Winterbergs letzter Reise" zu folgen.

    Jaroslav Rudiš: "Winterbergs letzte Reise" ist im Luchterhand Verlag erschienen.

    Der Roman ist in der Kategorie Belletristik im Rennen für den Preis der Leipziger Buchmesse.

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