BR24 Logo
BR24 Logo
Kultur

Der deutsche Blick auf japanische Alltagskultur | BR24

© BR

Phillip Franz von Siebold war einer der ersten Deutschen, die vor knapp 200 Jahren das isolierte Japan besucht haben. Jetzt zeigt das Museum Fünf Kontinente seine Sammlung von japanischen Alltagsgegenständen.

Per Mail sharen
Teilen
  • Artikel mit Bildergalerie
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Der deutsche Blick auf japanische Alltagskultur

Phillip Franz von Siebold war einer der ersten Deutschen, die vor etwa 200 Jahren das isolierte Japan besuchten. Das Museum Fünf Kontinente in München zeigt seine Sammlung japanischer Alltagsgegenstände – und den deutschen Blick auf den Fernen Osten.

Per Mail sharen
Teilen

Grundlage dieser Ausstellung ist ein charmanter kleiner Betrug. Der Würzburger Arzt Philipp Franz von Siebold kommt 1823 nach Japan, als Stabsarzt auf niederländischem Ticket, und ganz offiziell als Niederländer. Die Japaner aber merken, dass das nicht stimmt. Eine heikle Situation, denn andere Europäer dürfen das sehr abgeschlossene Land nicht betreten. Den Holländern fällt aber gerade noch rechtzeitig eine gute Notlüge ein: Der Siebold sei ein "Bergholländer"! Die haben einen komischen Dialekt. Die Japaner glauben das freundlicherweise, lassen Siebold ins Land und ermöglichen ihm damit, jahrelang die Schätze des Landes zu sammeln. Ja, und die sind jetzt in München zu sehen, weil Siebold eben doch kein "Bergholländer" war, sondern bayerischer Bürger.

Der Arzt, Philosoph und Naturwissenschaftler Siebold, das ist auch die Botschaft dieser Ausstellung, sammelte damals einfach alles, Edles wie Alltägliches. Lebensmittel, so dass heute in einer Münchner Vitrine Reiscracker aus dem 19. Jahrhundert zu sehen sind. Eine Tüte mit Magenpillen, Stoffe natürlich, Schmuck, Besteck. Und, erklärt Kurator Bruno Richtsfeld, Proben japanischer Holzarten: "Und dann wollte er zeigen, wie geht das mit dem Holz weiter, also wie wird das bearbeitet bis zum Endprodukt. Er hat versucht, alle Zwischenstufen auch zu sammeln". Das sei ihm wichtig gewesen, um europäischen Händlern und Industriellen zu zeigen, was man mit diesem Japan machen kann, wenn es sich öffne: "Welche Art von Handel, welche Art von Austausch. Wie kann man mit Japan in Kontakt kommen? Das war sehr wichtig für die Zeit. Das muss man immer berücksichtigen bei ethnologischen Ausstellungen: Wie will man seinem Publikum das jetzt vermitteln. Nicht eine abstrakte Schau der Kultur, sondern auch den praktischen Teil."

© © MFK, Nicolai Kästner

Detail aus einem Rollbild der japanischen Kunstgewerke, Japan, Edo-Zeit (1603–1868)

© MFK

Sumô-Ringer, Fotograf unbekannt, ca.1880-1910, Tokio, Yokohama/Japan, Albumin-Abzug handkoloriert, Museum Fünf Kontinente, Inv.Nr. FO-22-1-41

© MFK, Nicolai Kästner

Muschelspiel, Japan, Edo-Zeit (1603–1868)

© Klassik Stiftung Weimar

Plakatmotiv der Ausstellung mit dem Porträt Philipp Franz von Siebolds (1796–1866) von Johann Joseph Schmeller, 1835

Auch zu sehen: ein Orakelgerät

Siebold sammelte, um zu zeigen: Alltags- und Hochkultur in Japan, davon hatte Europa zum damaligen Zeitpunkt ja überhaupt keine Vorstellung – und wenn, dann vor allem aus Siebolds Büchern. Natürlich zeigt die Münchner Ausstellung auch die echten Schätze: ganz erlesene schwarze Lackarbeiten – eine Technik, in der die Japaner damals führend waren. Ein Muschel-Memory ist zu sehen, eine Brautgabe für höhere Töchter. Außen ganz gleich ausschauende Muscheln, innen herrliche kleine Malereien. Oder Religion: Da zeigt das Museum ein "Orakelgerät", eine Schildkröte aus Holz, Symbol des langen Lebens, und senkrecht auf ihrem Rücken eine röhrenförmige Büchse für Orakelstäbe. Gläubige zogen damals im Tempel ein nummeriertes Stäbchen aus der Büchse, gingen damit zu einem Orakelkästchen und dort gab es dann zu jeder Zahl eine Prophezeiung, die mit ihrer Enthüllung zur Wahrheit wurde.

Als Siebold in den 1860er-Jahren nach zwei langen Japan-Aufenthalten im Ruhestand und wieder in Bayern war, zeigte er die Schätze seiner zweiten Reise in einer eigenen Ausstellung am Münchner Hofgarten. Später kamen die Sachen dann ans heutige Museum Fünf Kontinente. An dieser Siebold-Ausstellung von 1866 hat sich das Kuratorenteam nun orientiert – und hat das meiste so aufgebaut wie Siebold vor gut 150 Jahren, sagt Kurator Bruno Richtsfeld: "Natürlich spielt die Person Siebold eine Rolle, weil er der Sammler ist. Aber eigentlich war das Anliegen von uns und von unseren japanischen Kollegen, mit denen wir diese Ausstellung konzipiert haben, den Museologen Siebold darzustellen. Also: Wie wollte er eine andere Kultur vermitteln, nach welchen Kategorien hatte er seine Sammlungen eingeteilt. Nach welchen Kriterien hat er das aufgestellt?". Den jetzigen Ausstellungsmachern sei überhaupt wichtig gewesen, wie man Mitte des 19. Jahrhunderts versucht hat, andere Kulturen bei uns darzustellen und zu vermitteln.

Eine Ausstellung fast wie 1866

Und hier versucht die Schau den Spagat. Sie präsentiert die Dinge so wie damals Siebold – also nach dessen Kategorisierungsschema. Da heißt es dann Ziffer 1, Buchstabe F: “Vasen und andere kirchliche und häusliche Geräte... Untergruppe a: Vasen, Kandelaber und Rauchfässer. Diesen Mangel an Sinnlichkeit versucht die Ausstellung mit einer sehr ästhetischen Präsentation wieder wettzumachen. Gewähltes Licht, feine Stoffe – das geht sogar so weit, dass an den Objekten der hinteren Räume gar keine Texte stehen, um den Raumeindruck nicht zu beschädigen, die stehen dann im Beiheft.

Außerdem hatte das Team noch eine nette Idee, sie haben in Bayern lebende Japaner gebeten, sich ein Objekt auszusuchen, ein bisschen was dazu zu erzählen und sich dann damit fotografieren zu lassen. Das sind wirklich schöne Fotos, die das Ganze auch in die Gegenwart holen. Damit ist man diesem Konzept, alles so zu zeigen wie 1866, nicht gar so ausgeliefert.

In der Ausstellung "Collecting Japan" kann man Siebolds Faszination nachempfinden, die ihn damals so viel hat sammeln lassen. Er hat damals einfach an jeder Ecke wieder aufs Neue gestaunt, und wollte dann später die Heimat an seinem Staunen teilhaben lassen – das vermittelt sich auch heute noch sehr gut.

Die Ausstellung Collecting Japan ist noch bis 26. April 2020 im Museum Fünf Kontinente zu sehen.

Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!

Die tägliche Dosis Kultur – die kulturWelt als Podcast. Hier abonnieren!