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"Die Ostdeutschen sind selbstbewusster geworden" | BR24

© Bayern 2

Alle reden über Ostdeutschland, viele aus West-Perspektive. Fatal ist: Erst der Rechtsruck hat den Osten sichtbar gemacht, so Jana Hensel. Ihr Buch "Wie alles anders bleibt" versammelt Texte aus 15 Jahren, die Autorin setzt auf neue Verständigung.

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"Die Ostdeutschen sind selbstbewusster geworden"

Erst der Rechtsruck hat den Osten sichtbar gemacht, sagt die Autorin Jana Hensel. Sie kritisiert, dass Ostdeutschland oft nur aus West-Perspektive beschrieben wird – und will die Ostdeutschen in die Mitte der Gesellschaft zurückschreiben.

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Die Journalistin und Schriftstellerin Jana Hensel, geboren 1976 und aufgewachsen in Leipzig, wurde 2002 mit "Zonenkinder" bekannt, dem Generationenporträt einer Jugend in der DDR. Ihre Texte nehmen eine selbstbewusst ostdeutsche Perspektive ein. Ihr neues Buch "Wie alles anders bleibt. Geschichten aus Ostdeutschland" versammelt Texte Hensels aus den vergangenen 15 Jahren. Martina Boette-Sonner hat mit der Autorin über ihr neues Buch, den westdeutschen Blick auf den Osten und über die Frage gesprochen, wie 30 Jahre nach dem Mauerfall der "Tag der Deutschen Einheit" zu feiern wäre.

Martina Boette-Sonner: Frau Hensel, Sie sind ja als Expertin für den Osten momentan in allen Talkshows sehr gefragt. Stresst das?

Jana Hensel: Na gut, sowas stresst natürlich ein bisschen, andererseits hat es auch den Vorteil – den ich gerne nutze – über die Sachen zu sprechen, die mir wichtig sind.

Ihr neues Buch "Wie alles anders bleibt" versammelt Essays und Aufsätze, journalistische Artikel, Interviews, zum Teil auch Texte, die etwas älteren Datums sind. Da erkennt man auch, mit welcher Geschwindigkeit sich manches verändert, zum Beispiel Leipzig.

Das ist richtig. Sie spielen auf einen Artikel darüber an, dass Leipzig die Armenhauptstadt des Landes war, dass das Armutsrisiko in keiner anderen Stadt so groß war wie in Leipzig. Heute ist Leipzig vor allem die Stadt, die am schnellsten wächst. Das Buch versammelt meine journalistischen Arbeiten zu Ostdeutschland aus 15 Jahren, und ich muss gestehen, ich bin wahnsinnig glücklich darüber. Viele dieser Geschichten sind durchaus gegen Widerstände erschienen, ich musste viel kämpfen für meine ostdeutsche Perspektive, für viele Geschichten aus Ostdeutschland. Ich bin immer wieder auf Desinteresse gestoßen, und dass es diese Texte jetzt in einem Band versammelt gibt, das freut mich sehr. Ich hätte nie damit gerechnet.

Sie schreiben über ein Leben im "falschen Land", und das zieht sich wie ein roter Faden durch das ganze Buch: Die Ostdeutschen haben seit der Wiedervereinigung ihren zugewiesenen Platz in der zweiten Reihe.

Ich vertrete diese ostdeutsche Perspektive, eine selbstbewusst ostdeutsche Perspektive schon sehr lange. Über Ostdeutschland sprechen und die dortigen Probleme ins Auge fassen, das machen wir erst seit 2015. Der Rechtsruck hat Ostdeutschland sichtbar gemacht. Heute sprechen wir so offen und vielfältig, kontrovers und gleichzeitig kundig wie eigentlich nie in all diesen Nachwende-Jahrzehnten über die ostdeutsche Situation – und die ostdeutsche Situation ist gekennzeichnet durch den wirtschaftlichen Zusammenbruch in den 90er-Jahren, eine gigantische Abwanderung von jungen Leuten, einen Eliten-Austausch von Ost nach West, und eben dieses ständige Beschriebenwerden aus vornehmlich westdeutscher Perspektive. Womit man sich immer in einer Art zweiten Realität empfindet, sich als an die Peripherie geschoben empfindet. Das sind die Sachen, die ich erzähle, mal als Essay, mal als Porträt, zum Beispiel von Sigmund Jähn, dem Kosmonauten ...

... der erste Deutsche im All, das wissen nur die Westdeutschen nicht.

Genau, Sigmund Jähn war der erste Deutsche im All, aber eben als DDR-Bürger, und letztes Jahr war der 40. Jahrestag seines Fluges. Im Prinzip kannte ihn niemand. Er wollte mich erst nicht treffen, aber ich habe ihn aufgesucht und eine große Geschichte gemacht – auch darüber, wie die Bundeskanzlerin sich weigert, Blumen und Glückwünsche zu schicken. Der Text erschien, und es gab eine unglaublich große Reaktion: Es gab danach Glückwünsche der Kanzlerin, es gab danach Glückwünsche des Vizekanzlers. Also, mein Versuch ist auch immer, die Ostdeutschen aus dieser peripheren Situation wieder in die Mitte der Gesellschaft zurückzuschreiben. Und je häufiger das gelingt, desto glücklicher macht es mich.

© Aufbau Verlag

"Wie alles anders bleibt" von Jana Hensel

Sie haben auch mit Marion Brasch und Julia Franck, zwei Schriftstellerinnen, über deren Familiengeschichte gesprochen. Sie haben mit dem Schriftsteller Eugen Ruge gesprochen, und Sie offenbaren, dass Ihr kleiner Sohn ein Angela-Merkel-Fan ist. Einerseits ist Ihre Haltung in Ihren Texten eine journalistische, aber Sie geben auch viel von sich selber preis. Sie sagen gleich im Vorwort: Ihre Geschichten sind wirklich aus Ihrer persönlichen Perspektive erzählt. Das scheint für Ihre Arbeiten sehr wichtig zu sein.

Ja, das hat natürlich damit zu tun, dass ich, glaube ich, keine ganz typische Journalistin bin. Ich bin von Haus aus Literaturwissenschaftlerin, wollte immer im Verlag arbeiten. Durch den Erfolg mit "Zonenkinder" bin ich dann in den Journalismus hineingerutscht, habe aber Feuer gefangen und versuche beides miteinander zu verbinden, also etwas literarischer zu schreiben. Dieses Ich in meinen Texten – ich würde gerne viel öfter "ich" sagen, Zeitungsredaktion haben etwas gegen Ich-Texte – das hat aber natürlich auch mit meinem Material zu tun: Eine ostdeutsche weibliche Perspektive muss ich mit jedem Text in Wahrheit neu schaffen. Ich muss einen Raum jeweils neu kreieren, und in diesen Räumen kann ich nicht "man" sagen, in diesen Räumen kann ich mich nicht neutral verhalten, sondern ich muss immer auch etwas von mir und meinem Leben preisgeben, glaube ich. Aber nur insofern, wie es der Geschichte dient.

Ein Kapitel heißt bei Ihnen "Schafft doch endlich diesen Feiertag ab". Sie schreiben über den 3. Oktober, über die Feier im Jahr 2018 am Brandenburger Tor, zählen die Solisten auf, die dort aufgetreten sind – und stellen fest, dass keine einzige Ostdeutsche, kein einziger Ostdeutscher unter ihnen war. Also auch da hat man wieder das Gefühl, dass es nach der Wende eigentlich ein "Downgrade" für den Osten gab und kein "Upgrade".

Das ist ein ganz schönes Beispiel, das Sie da nennen, mit dem 3. Oktober. Man glaubt es ja im Prinzip nicht: Die organisieren eine große Einheitsfeier am Brandenburger Tor, machen dieses Einheitskonzert – und dann stelle ich fest, es gibt keine einzige ostdeutsche Band auf der Bühne an diesem Abend. Das ist ja ein vernichtender Fakt. Und das war im Grunde auch der Anlass, mich hinzusetzen und zu schreiben: Leute, schafft endlich diesen Feiertag ab, er ist aus ostdeutscher Perspektive Jahr für Jahr eine enorme Demütigung, vor allem vor dem Hintergrund, dass wir diesen Rechtsruck haben und es eigentlich aus ostdeutscher Perspektive gar nicht so viel zu feiern gibt.

Interessanterweise ist dieser Text am Morgen des 3. Oktober online gegangen und hatte binnen Stunden 600.000 Aufrufe. Ich habe unglaublich viele Reaktionen auf diesen Text bekommen – das empfanden also viele ähnlich. In diesem Jahr aber, und das wird interessant, gehen wir auf den 30. Jahrestag des Mauerfalls zu, und mein Gefühl ist: Wir werden nicht mehr blind feiern, sondern wir werden uns zum ersten Mal in dieser Wiedervereinigungsgeschichte ehrlich gegenübertreten. Die Ostdeutschen sind selbstbewusster geworden, wir sprechen offener über die Verwerfungen, und ich bin sehr gespannt auf dieses Gespräch, weil ich es als so fruchtbar empfinde wie selten zuvor.

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