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Eigenbedarf, steigende Mieten: Die Stadt für alle ist in Gefahr | BR24

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Stadt und Land im Spätkapitalismus: Die Autorin und Filmemacherin Lola Randl erprobt in Brandenburg ein alternatives Lebenskonzept, der Schriftsteller Jan Brandt berichtet von einer zermürbenden Wohnungssuche in Berlin.

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Eigenbedarf, steigende Mieten: Die Stadt für alle ist in Gefahr

Wohnraum wird in Städten zur existenziellen Frage, das hat der Schriftsteller Jan Brandt am eigenen Leib erlebt. Brauchen wir ein Recht auf Wohnen? Und wie wäre das Ideal einer für alle offenen Stadt gegen das Interesse von Investoren zu verteidigen?

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Jan Brandt schaffte es 2011 gleich mit seinem Debüt auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises: "Gegen die Welt" ist ein wilder Coming-of-Age-Roman über eine Jugend in der ostfriesischen Provinz. Dort ist Brandt geboren und aufgewachsen, in den 90er-Jahren ging er nach Berlin, das damals für Kreative aller Spielarten noch viele Freiräume bot. Seitdem hat sich einiges verändert – und genau diese Freiräume, diese Offenheit der Stadt sieht der Autor mit wachsendem Einfluss von Investoren in Gefahr. In seinem neuen Buch "Ein Haus auf dem Land / Eine Wohnung in der Stadt" erzählt Brandt zwei Parallelgeschichten: Eine von seinem Versuch, ein altes Haus in seinem Heimatdorf vor dem Abriss zu retten, die andere von seiner zermürbenden Wohnungssuche in Berlin. Zwei Geschichten über Wert und Marktwert von Orten, Häusern und Nachbarschaften. Beate Meierfrankenfeld hat mit dem Autor gesprochen.

Beate Meierfrankenfeld: Herr Brandt, Sie schreiben ganz buchstäblich aus zwei Perspektiven über Stadt und Land: in einem "Wendebuch", das man von zwei Seiten aufblättern und lesen kann. Wie unterschiedlich sind diese beiden Welten heute noch?

Jan Brandt: Es gibt natürlich immer noch einen großen Unterschied zwischen Stadt und Land. Das liegt aber, finde ich, daran, dass in der Stadt mehr gesellschaftliche Teilhabe stattfindet, etwa durch Universitäten und Bibliotheken, aber auch durch die Anziehungskraft der Stadt für junge Menschen. Trotzdem glaube ich, dass sich beide Gegenden durch den steigenden Immobilienmarkt annähern, durch die Attraktivität der Rendite, die man mit Wohnungen und Gebäuden erzielen kann. Wenn ich das vergleiche: In dem Ort in Ostfriesland, aus dem ich komme, da steigen die Mieten und die Preise für Häuser und Wohnungen auch rasant an. Das Problem, das wir in der Stadt haben, das sehe ich dort auch.

Es geht in Ihrem Buch um ein altes Haus auf dem Dorf, das Sie zu erhalten versuchen, und um eine Wohnung, die Sie in Berlin suchen. Ist das eine gesellschaftlich zentrale Frage geworden: Wo verorte ich mich? Und ganz konkret: Wo komme ich unter?

Diese Sehnsucht nach Heimat drückt sich ja in der Gegenwart auf vielfältige Weise aus. Man sieht das auch an den Rechten, die versuchen, den Heimatbegriff für sich zu reklamieren. Ich glaube, das Ganze resultiert aus einer großen Verunsicherung, die durch die Globalisierung entstanden ist. Ich habe das auch an mir gemerkt: Plötzlich wurde mir in Berlin wegen Eigenbedarfs gekündigt, ich bekam einfach keine neue Wohnung – und dann stellt sich natürlich schon die Frage: Wo gehöre ich hin? Gleichzeitig wurde dieses Haus meines Urgroßvaters in meinem Heimatdorf in Ostfriesland verkauft, das nicht mehr in Familienbesitz war, aber trotzdem auch ein Stück meiner Identität, die da plötzlich auf dem freien Markt verhandelt wurde. Das gab mir beides schon einen Stich ins Herz, und plötzlich tat sich eine große Leere auf.

Für Sie als jungen Menschen war die Stadt ein Sehnsuchtsort, ein Ort der Freiheit – und als Sie in den 90er-Jahren nach Berlin kamen, schien sich diese Hoffnung auch zu erfüllen. Was braucht es für so eine urbane Freiheit?

Diese Zeit Anfang, Mitte der 90er-Jahre, auch Ende der 90er noch, das war natürlich eine besondere Zeit. Es standen wahnsinnig viele Räume leer, die Stadt selbst war leer. Da kam man hin und man konnte sozusagen in die Stadt, ohne dass man auf irgendwelche Widerstände gestoßen wäre. Man konnte sich ausprobieren, und das haben wir damals auch gemacht: Wir haben viele Lesungen veranstaltet, wir haben uns vernetzt, wir haben Konzerte gemacht. Wir haben jetzt keine Räume besetzt, aber wir haben Räume genutzt, und diese Raumnutzung, die gibt es in diesem Maße nicht mehr. Heute ist die Situation eine komplett andere – man muss schon fast vom "ehemaligen Berlin" sprechen, wenn man von diesem Berlin der Vergangenheit redet, und das lässt sich so einfach nicht zurückholen. Was es jetzt aber bräuchte, um die Stadt wieder offen zu machen, freier zu machen, wäre tatsächlich eine starke politische Regulierung, denn es ist ja nicht nur so, dass die einzelnen Mieter dieses Ohnmachtsgefühl haben. Der Staat hat sich ja auch vollkommen aus der Verantwortung gezogen und hat überhaupt keine Möglichkeit mehr, Politik aktiv zu steuern, wie das vielleicht noch in den 90er-Jahren der Fall gewesen ist.

© Anika Büssemeier

Jan Brandt

Sie erzählen sehr eindrücklich von Ihrer elf Monate dauernden Wohnungssuche – und schreiben vom "Neid auf die Wohnenden, auf die erleuchteten Fenster, auf die Heimeligkeit", der Sie manchmal überkam. Das ist ja, wenn man es gesellschaftlich betrachtet, eine ziemlich extreme Situation, an die wir uns schon fast gewöhnt haben – auch für jemanden, der wie Sie kein prekäres, randständiges Leben führt. Muss man ein Recht auf Wohnen für alle neu definieren?

Ja. Es kann einfach nicht sein, dass man sich die Wohnungen in der Stadt nicht mehr leisten kann. Und es ist ja nicht so, dass in Berlin nicht genug Wohnraum existieren würde: Es gibt viele Wohnungen, die leer stehen, weil die Eigentümer gar kein Interesse daran haben, sie zu vermieten, weil ihr Wert weiter steigt. Das ist dann eine reine Kapitalanlage, da ist so eine Wohnung praktisch wie eine Bank. Und es macht einen wütend, dass auf politischer Ebene so wenig passiert und das Thema viel zu lange ignoriert wurde. Dass plötzlich dieser Ruf nach Enteignung laut wird, ist ja auch ein Hilfeschrei, darin drückt sich die Ohnmacht aus, die da herrscht. Natürlich ist das eine radikale Position, aber andererseits: Mit welchen Methoden hier zum Teil Mieter verdrängt werden, das ist einfach so brutal, da darf man sich nicht wundern, wenn mit radikalen Forderungen geantwortet wird.

Dass die Stadt grundsätzlich ein Raum für Projekte ist, das scheint sich in der aktuellen Situation immer mehr zu verengen, oder?

Man braucht sehr viel Kapital, um überhaupt noch über diese Freiheit verfügen zu können, man unterliegt jetzt vollkommen diesen Marktmechanismen, und das verengt den Horizont sehr. Und dadurch, dass die Politik, dass die Parlamente alles verkauft haben, ist der Handlungsspielraum enorm eingeschränkt worden. Das ist das eine. Das andere wäre tatsächlich, dass man selber diese Räume wieder schafft, indem man sich vernetzt, indem man Kooperationen eingeht. Man darf das nicht über einen Kamm scheren: Es gibt auch Investoren, die wirklich ein Interesse daran haben, etwas zu entwickeln, die in Start-ups, in Branchen oder in Häuser investieren, weil sie selbst darin eine Wohnung haben und auch an der Gemeinschaft interessiert sind. Aber darum geht es nicht. Es geht um die großen Gesellschaften, die international agieren und keinen Blick mehr für die Nachbarschaft haben. Die Stadt müsste sich insgesamt wieder mehr den Menschen öffnen und nicht dem Kapital. Im Moment habe ich das Gefühl, es geht nur noch um Profit und Rendite und gar nicht mehr um die Menschen, die in der Stadt wohnen.

Es gibt die These, der eigentliche Konflikt der Gegenwart sei nicht mehr ein Klassengegensatz entlang von Besitzgrenzen, sondern ein Kulturkonflikt zwischen denen, die überall leben und arbeiten können, und denen, die an einem Ort verwurzelt sind. Den mobilen "Anywheres" und den "Somewheres", den Heimatverbundenen mit fester Zugehörigkeit. Und dieser Kulturkonflikt sei auch einer zwischen Stadt und Land, Metropolen und "abgehängter" Peripherie. Ist da was dran aus Ihrer Sicht?

Ich halte das für einen Mythos. Meiner Erfahrung nach sind ja die Städter auch sehr verwurzelt in ihrer Nachbarschaft und in ihrem Haus. Ich glaube, das ist eher eine Frage zwischen Jung und Alt und der altersgemäßen Mobilität, mal wegzugehen, etwas Neues auszuprobieren. Ich habe die Erfahrung, dass Menschen in der Stadt genauso gerne etwas entwickeln möchten und da sein möchten, wo sie sind. Die "Abgehängten", das sind, glaube ich, eher die, die sich herausgedrängt fühlen aus dieser Gesellschaft und nicht mehr teilhaben können. Das hat nicht so sehr was zu tun mit Stadt und Land, sondern eher damit: Wie sehr bin ich hier überhaupt noch gewollt? Wie sehr kann ich mich selber hier noch einbringen? Ich kann mir vorstellen, dass das zum Gefühl des "Abgehängtsein" führt oder zu einer Frustration.

Und Ihre Erfahrung zeigt ja eigentlich, dass auch die "kulturell Urbanen" betroffen sind. Dann wäre es also doch eher ein klassischer Konflikt zwischen Arm und Reich – oder auch der Konflikt einer Mittelklasse, die nicht mehr mithalten kann …

Das ist es, das sieht man auch am Beispiel des Hauses, in dem ich hier gelebt habe. Das waren alles Eigentumswohnungen, und ich war einer der wenigen Mieter in diesem Haus. Andere hatten vor 20 Jahren diese Wohnungen angeboten bekommen, auch als Mieter, und haben sie dann gekauft, was Mitte der 90er-Jahre natürlich immer noch sehr günstig war. Und das Interessante war, dass sich plötzlich diese Klassenverschiebung auftat zwischen Eigentümern und Mietern – und das, obwohl ich jetzt gar nicht mehr oder weniger Einkommen hatte als die anderen. Die Grenze verlief einfach dadurch, dass ich diese Wohnung nicht besessen habe und die anderen schon, und dass ich damit rechnen musste: Ich werde hier bald ausziehen müssen. Und plötzlich eröffnet sich ein ganz neues Klassenbewusstsein, das völlig unabhängig von der beruflichen Situation entsteht, einfach durch Besitz.

Das Wendebuch "Ein Haus auf dem Land / Eine Wohnung in der Stadt" von Jan Brandt ist im DuMont Buchverlag erschienen.

© DuMont Buchverlag

Buchcover Jan Brandt, "Ein Haus auf dem Land / Eine Wohnung in der Stadt"

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