Zurück zur Startseite
Kultur
Zurück zur Startseite
Kultur

James Bridle sieht ein neues dunkles Zeitalter heraufdämmern | BR24

© Bayern 2

"Alles ist erleuchtet, aber nichts ist zu sehen" ist das Kennzeichen des heraufziehenden neuen dunklen Zeitalters, das James Bridle in seinem neuen Buch entwirft. Globale Digitalisierung und Technisierung führen zum dialektischen Rückschlag.

Per Mail sharen
Teilen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

James Bridle sieht ein neues dunkles Zeitalter heraufdämmern

"Alles ist erleuchtet, aber nichts ist zu sehen": Das ist Kennzeichen des heraufziehenden neuen dunklen Zeitalters, das KI-Experte James Bridle in seinem Buch entwirft. Globale Digitalisierung und Technisierung führen zum dialektischen Rückschlag.

Per Mail sharen
Teilen

Wir wissen immer mehr, wir sind weltweit vernetzt und erleben ständig technologische Durchbrüche. Trotzdem leben wir in einer Welt, in der die Kluft zwischen Arm und Reich immer größer wird, in der Nationalismen wachsen, gesellschaftliche Spaltungen und ethnische Konflikte zunehmen und der Klimawandel fortschreitet. Oder, wie es James Bridle in seinem Buch "New Dark Age" ausdrückt: "Das, was die Welt eigentlich aufklären und beleuchten soll, verdunkelt sie in der Praxis. Die Überfülle an Information und die Vielzahl an Weltanschauungen, die uns heute über das Internet zur Verfügung stehen, produzieren keine kohärente Konsensrealität, sondern eine Wirklichkeit, die vom fundamentalistischen Beharren auf simplifizierenden Narrativen, Verschwörungstheorien und postfaktischer Politik zerfressen ist".

"Je obsessiver wir die Welt berechnen, desto unbegreiflicher erscheint sie"

James Bridle sieht ein neues dunkles Zeitalter heraufziehen. Hauptverantwortlich dafür seien die neuen Technologien, die die großen Probleme der Gegenwart verstärken und sie zum Schlechteren lenken. Daran wiederum sei das Computerdenken schuld: ein Denken, das davon ausgeht, dass Mensch und Welt ihrerseits wie Computer funktionieren. Dadurch werde vieles undenkbar, zum Beispiel, dass es Probleme geben könnte, die nicht mit einer App aus der Welt zu schaffen seien. Am Anfang dieses Denkens standen Versuche, die Welt berechenbarer zu machen, konkret: das Wetter genauer vorherzusagen oder, während des Zweiten Weltkriegs, die Flugbahnen von Geschossen zu bestimmen. Diese Versuche führten zu Computern und KIs –und zu einer Prämisse des neuen Dark Age: "Je obsessiver wir versuchen, die Welt zu berechnen, desto komplexer und unbegreiflicher erscheint sie".

Globale Computerisierung führt zu Unvorhersehbarkeit

Heute sind die Auswirkungen der neuen Technologien überall spürbar. Die Digitalisierung gehöre zu den Mitverursachern der Klimakrise, weil die Serverparks sehr viel Strom verbrauchen und so zur Erderwärmung beitragen. Gleichzeitig gehe Wissen verloren: Wenn der Permafrost in Sibirien oder Grönland taut, werden künftige ärchäologische Funde unmöglich sein. Dazu passe, dass Wissenschaft nicht mehr, sondern weniger neue Erkenntnisse hervorbringt. Das habe auch damit zu tun, dass sich Wissenschaftler gezwungen sehen, mit immer größeren Datenmengen zu arbeiten und sich dabei weniger auf ihr Denken als auf ihre Computer verlassen. Auf der anderen Seite werden die Rechner immer komplexer: Schon heute fällt ein computergestützter Finanzkapitalismus Entscheidungen im Millisekunden-Bereich. Und Computer lernen mithilfe von neuronalen Netzen: mit dem Ergebnis, dass kein Mensch mehr versteht, wie und warum sie zu Entscheidungen oder Ergebnissen kommen. Kurz: "Mit der Ausbreitung der Computerisierung nehmen auch Undurchschaubarkeit und Unvorhersehbarkeit zu."

© BR/ Johanna Schlüter

Überwachungskamera am Bayerischen Verfassungsgericht

Auch die allgegenwärtige Überwachungstechnologie mache die Welt nicht sicherer: Die Kriminalität sinkt nicht, sie verlagert sich nur in andere Bereiche. Außerdem schaffen diese Technologien riesige Datenmengen, in denen mögliche Erkenntnisse untergehen. Damit wird ein grundlegendes Merkmal des neuen dunklen Zeitalters sichtbar. "Alles ist erleuchtet, aber nichts ist zu sehen".

Verschwörungstheorien auf dem Vormarsch

Angesichts dieser Undurchschaubarkeit der Welt haben Verschwörungstheorien Konjunktur. Auch sie werden durch das Netz bestärkt: Weil man in den sozialen Medien sehr schnell sehr viele Bestätigungen seiner Meinung findet und schnell in eine Grauzone abdriftet, in "eine Welt begrenzter Erkennbarkeit und existenzieller Zweifel", die man aber auch annehmen, sich zu eigen machen kann: "In dieser Welt sind wir gezwungen, das begrenzte Maß an empirischer Berechnung und die mageren Gewinne aus überwältigenden Informationsströmen zu akzeptieren."

James Bridle erzählt viele Geschichten aus der vernetzten Welt: erzählt in welchem Ausmaß soziale Medien ihre Nutzer manipulieren, dass viele Menschen Computern eher vertrauen als ihren Sinnen, weswegen sie ihr Auto auch ins Meer steuern, wenn ihr Navi ihnen sagt, dass da eine Straße ist. Dabei ist Bridle kein Anti-Aufklärer und kein Maschinenstürmer. Es gibt für ihn kein "zurück". Das Netz, sagt Bridle, ist nicht unvermeidlich so, wie es ist. Es könnte auch anders sein. Auch die Finsternis seines neuen Dark Age ist nichts, vor dem man sich fürchten muss, sie birgt vielmehr Chancen: "Die Finsternis kann auch ein Ort der Freiheit und der Möglichkeit sein, ein Ort der Gleicheit."

Und so münden James Bridles Reflexionen immer wieder in Appelle: Er plädiert für mehr Bildung. Er betont, wir müssten "neue Möglichkeiten des Weltverständnisses" suchen. Müssten lernen, mit Widersprüchen, Unwissen und Ungewissheit umzugehen, sie als Chance zu sehen. Das ist zwar alles richtig, aber auch sehr allgemein.

Dessen ungeachtet liest man dieses Buch gerne. Nicht weil es großartige neue Theorien entwirft, sondern wegen der vielen stellenweise beängstigenden, wenig bekannten Geschichten aus der modernen digitalen Welt.

© C.H. Beck/ Montage BR

"The New Dark Age" Cover

James Bridle, "New Dark Age. Der Sieg der Technologie und das Ende der Zukunft" ist in der Übersetzung von Andreas Wirthensohn bei C.H. Beck erschienen.

Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!

Die wöchentliche Dosis Literatur – der Diwan als Podcast. Hier abonnieren!