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Ein Frachtschiff, das viele kleine, bunte Häuser transportiert

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    Warum Hörspiel-Autor Jakob Nolte gern mit Small Talk arbeitet

    Die Kritik vergleicht Jakob Nolte mit Pynchon, Tarantino oder David Foster Wallace, in seinem Hörspiel "Die Glücklichen und die Traurigen" findet sich eine ganze deutsche Kleinstadt auf hoher See. Warum? Und wohin geht es? Ein Gespräch mit dem Autor.

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    Von
    • Ralf Homann

    Darum geht's: Ökologische Fehlentscheidungen eines Autokonzerns drohen Niedersachsen in den Ruin zu stürzen. Um den Bankrott des Bundeslandes abzuwehren wird ein kleines Städtchen an eine anonyme Investorin verkauft. Ergebnis: Das ganze Städtchen landet in etwa 19.000 Containern, verpackt auf einem Frachtschiff, um es an einem unbekannten Ort als Freizeitpark wiederaufzubauen. Die Bevölkerung des Städtchens ist mit an Bord wie einst die Verdingten zur Zeit der Sklaverei, und es geht von Ozean zu Ozean ... Ralf Homann hat mit Jakob Nolte über seine Hörspiel-Groteske gesprochen.

    Ralf Homann: Ihr Hörspiels skizziert ein Szenario für die Zukunft. Ist "Die Glücklichen und die Traurigen" also ein Science-Fiction-Hörspiel?

    Jakob Nolte: Auch wenn es natürlich starke Science-Fiction-Elemente hat, würde ich sagen, es ist eher ein Fantasy-Hörspiel, das in einer Parallelwelt spielt. Ich finde es ganz interessant, eine Welt zu skizzieren, in der gewisse Sachen, von denen ich behaupten würde, dass sie sich ähnlich in unserer Welt befinden, irgendwie sichtbarer sind: zum Beispiel eben Menschen oder menschliche Schicksale, die einer ökonomischen Entscheidung unterworfen werden.

    Es gibt ja tatsächlich auch Städte, die nachgebaut werden und dann als Freizeitpark existieren.

    Im Hörspiel verbinden sich viele verschiedene Elemente, über die ich in den letzten Jahren gestolpert bin, darunter der Fakt, dass man sich für relativ wenig Geld überall in Europa verlassene Städte kaufen kann. Man bekommt zum Beispiel eine Kleinstadt in den Pyrenäen für 200.000 Euro. Ein Betrag, für den man in Berlin nicht mal eine Einzimmerwohnung kaufen kann. Ein anderer Aspekt war, dass Teile von Architektur, die für einen bestimmten Ort spezifisch sind, anderswo nachgebaut werden. Was ja auf eine Art auch sinnvoll ist, weil man dann nicht mehr verreisen muss. Ich selbst würde es auch irgendwie gut finden, wenn es eine kleine chinesische Stadt hier in der Nähe gäbe, die man besuchen kann. Natürlich würde ich mir das nicht tatsächlich wünschen, aber wenn es möglich wäre, wäre das ja toll, dann fährt man dahin und bekommt gutes chinesisches Essen und muss nicht um die ganze Welt reisen.

    Das Stück verweist auf viele aktuelle Diskurse, neben Global Warming, ökologischen Problemen, geht es auch um Nationalität, Klassenzugehörigkeit, sexuelle Identität oder das Statement, man könne erst im Alter von 30 Jahren schwanger werden. Das kann man als absurdes Theater hinnehmen – oder politisch werten, als Kritik unserer Mittelstandswelt, in der erst nach Studium und Karriere Zeit für Kinder ist ...

    Die Themen die angesprochen werden, sind mir alle wichtig. Ich versuche, sie gemeinsam mit meinen Figuren zu reflektieren und auszuleuchten. Es ist ein Stück über das Reden, das Weiterreden, über das Formulieren, das Suchen nach Antworten, das Suchen nach Bildern. Das Suchen danach, Erklärungen zu finden, wie und wo wir uns befinden, wie wir sind. Darum geht es mir um mehr als darum, jetzt eine Global Warming-Kritik zu formulieren. Nicht, dass ich das eine wichtiger als das andere fände. Ich glaube, es gibt einen Imperativ, den wir in unserer Gesellschaft momentan haben, der sagt, wir müssen über Global Warming reden. Und diesen Imperativ haben die Figuren auch, deshalb ist es für sie Gesprächsstoff, mit dem sie miteinander umgehen, den sie verwenden in ihrem Miteinander und in ihren Kämpfen. Die großen Themen, an denen man versucht, sich selbst zu finden, die eigene Position zu finden, die Position des Gegenübers auszumachen.

    "'Jede Sekunde unserer Zeit erscheint heute als so wertvoll, so nah und so groß. Lass uns zu zweit sein, nur wir zwei. Ich will dich einfach nur küssen. Ich will dich schmecken. Ich will mit dir tanzen, bitte, du musst mich in den Arm nehmen. Ich schaffe das nicht allein. Es ist alles so schwarz. Es ist alles so schlimm. Ich spüre gar nichts. Ich spüre gar nichts mehr. Ich bin so leer, ich brauche dich.' – 'Sehen wir uns also heute Abend?' – 'Ja.' – 'Mir geht es nicht gut. Ich bin wahnhaft und trübe.'“ aus: "Die Glücklichen und die Traurigen"

    Herr Nolte, ein Kritiker hat Sie mal gelobt mit dem Vorwurf, Sie würden das mediale Sprechen denunzieren. Auch beim Hören von "Die Glücklichen und die Traurigen" kommt es einem so vor, dass da viele Sprechblasen drinstecken, die an bestimmte TV-Serien erinnern, die ja gerade wegen ihrer "Worthülsigkeit" entspannen und unterhalten.

    Das wird im Hörspiel auch direkt angesprochen. Da wird das, was die Leute sagen, ja auch mit Abgasen verglichen. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich das denunziere. Ich mag diese Form von Small Talk einfach ganz gerne. Häufig sind das schöne Sätze. Oder Sätze, die mir Spaß machen. Sätze, die manchmal einfach entspannen oder auf die man sich so zurücklehnt. Trotzdem versuche ich natürlich, diese Sätze zu durchleuchten und genauer zu erkunden, was es bedeutet, wenn diese Sätze immer wieder gesagt werden. Also klassischerweise dann dieses "ich liebe dich", "ich liebe dich auch“. Zum Teil hört sich das ernst und wahr an und zum Teil hört es sich sehr leer an. Dieses Untersuchen von gesprochener Sprache finde ich total reizvoll.

    In all meinen Theater- und Hörspielarbeiten erkunde ich, was es bedeutet, wenn man ein Wort sagt und jemand anderes hört das. Da gib es verschiedene Qualitäten. Es gibt hohe, kaum verständliche, durchdachte, verschlüsselte Sätze und dann so ganz leere kleine: "Mir geht es nicht gut. Ich bin wahnhaft und trübe." Und diese Sätze miteinander zu komponieren und auch auf eine Art sogar musikalischer zu denken, wie die Instrumente eines großen Orchesters – das wollte ich mit dem Hörspiel versuchen. Dass sozusagen die Banalitäten so etwas wie die Drums sind, die einsetzen, und dann kommt aber irgendwie das große Klarinetten-Solo, das dann wie eine Kaskade über das Leben ist.

    Ohne, dass wir jetzt das Ende spoilern, wer sind die Glücklichen und wer sind die Traurigen in Ihrem Hörspiel?

    Ich kann das nur ganz diffus beantworten. Ich glaube, es gibt eine Vorstellung, wie Menschen auf sich und auf andere schauen und sich selber als traurig oder glücklich wahrnehmen. Für mich hat das was mit dem Blick auf sich und auf andere zu tun und einer Vorstellung davon, ein gutes oder ein schlechtes Leben zu führen. Und das wäre die harte Trennung zwischen: Es gibt zwei Arten von Menschen: die, die glücklich sind, und die, die traurig sind. Das hat natürlich viel mit dem Blick auf sich selbst und oft auch auf das Gegenüber zu tun. Im besten Fall ist man natürlich beides, glücklich und traurig! Aber es gibt eine Sehnsucht danach, nur das eine zu sein, was mit einer etwas seltsamen Form von Selbstoptimierung zu tun hat, mit Neid und einem gewissen Blick auf die Menschen. Von daher ist man im besten Fall beides, und im schlimmsten Fall trennen sich irgendwann die Glücklichen von den Traurigen – so!

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