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"Jahr der Orgel": Droht das große Orgelsterben? | BR24

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Bildrechte: BR/Nathalie Stüben

Die Erfolgsgeschichte eines Instruments

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"Jahr der Orgel": Droht das große Orgelsterben?

Die Landesmusikräte haben 2021 zum "Jahr der Orgel" gekürt. Das ursprünglich im alten Byzanz erfundene Instrument ist heute aus christlichen Kirchen nicht mehr wegzudenken. Und doch fürchten Kirchenmusiker den Verlust zahlreicher Instrumente.

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Von
  • Barbara Schneider

Mit dem "Jahr der Orgel" rückt ein Instrument in den Mittelpunkt, das im alten Byzanz erfunden wurde, um am Kaiserhof Zeremonien zu begleiten oder Kämpfer anzufeuern. Unter den Karolingern kam die Orgel im 9. Jahrhundert nach Deutschland und trat nach und nach ihren Siegeszug in der Kirchenmusik an.

Faszination für technisches Wunderwerk

Sixtus Lampl liebt Orgeln. Seit seiner Kindheit spielt er das Instrument, später hat er sich als Denkmalpfleger um Orgeln in Bayern gekümmert. Und irgendwann angefangen, alte Orgeln vor der Verschrottung zu bewahren. Wie die kleine Orgel, die er aus einer niederbayerischen Dorfkirche gerettet hat. Weil die Kirche nicht abgesperrt war, sei das Instrument immer wieder "geplündert worden", erzählt Sixtus Lampl. "Dann ist ein Pfeifchen hier und eins da eingesteckt worden und am Ende hatte sie fast keine Tasten mehr."

Mehr als 60 Orgeln aus ganz Deutschland hat der 79-Jährige im oberbayerischen Valley zusammengetragen. Seine umfangreiche Sammlung zeugt davon, wie sehr das Instrument bis heute zur christlichen Kultur gehört. Dabei war die "Orgel im christlichen Gottesdienst an sich nicht vorgesehen", sagt Franz Körndle, Professor für Musikwissenschaft an der Universität Augsburg. Die Orgel machte dem Gesang der Mönche Konkurrenz, und das gefiel nicht allen. Und doch trugen Klöster, Stiftskirchen und Dome ab dem 11. Jahrhundert zum Siegeszug des Instruments bei. Vor allem in Bayern: in Freising und Weltenburg, Augsburg und Regensburg. Die Faszination für das technische Wunderwerk, der gewaltige Klang, ließen die innerkirchlichen Kritiker verstummen.

Orgel als Begleitinstrument

Wie die ersten Kirchenorgeln klangen, lässt sich heute schwer sagen. Die älteste erhaltene Kirchenorgel in Bayern steht heute in Gabelbach bei Augsburg. Angesichtes der alten Geschichte dieses Instruments: ein junges Ding. Sie stammt aus dem Jahr 1609. "Im 17. Jahrhundert hat man mit dem begleitenden Kirchengesang begonnen", sagt Franz Körndle. Das habe die Attraktivität der Orgeln noch einmal gesteigert . Und mit den einsetzenden frühindustriellen Fertigungsweisen im 19. Jahrhundert sind die Orgeln billiger geworden, was zu einem weiteren Popularitätsschub geführt hat.

Monumentale Orgellandschaften

Kostengünstige Orgeln in Dorfkirchen auf der einen Seite, monumentale Orgellandschaften in Kathedralen auf der anderen Seite. Im Passauer Dom steht die größte Kirchenorgel Europas mit 17.974 Pfeifen. Sie ist nicht nur Begleiterin, sondern "zu mehr geschaffen", sagt der Musikwissenschaftler und Organist Frank Höndgen. Wenn es nicht mehr um eine reine Begleitung von Sängern gehe, sondern um den puren Klang der Orgel, brauche es andere Instrumente, so Höndgen: "Somit erklärt sich auch, dass die Orgeln in ihrer Größe und auch in ihrer Klangfülle und ihrer Klangfarbigkeit immer mehr anwachsen und sich an den Orchesterklang anlehnen".

Und heute? Nach dem 2. Weltkrieg galten viele Orgeln als minderwertig – billige Massenware - und wurden durch neue Orgeln ersetzt. Inzwischen fürchtet der Münchner Kirchenmusiker Frank Höndgen neues Ungemach: Die Kirchenmitgliederzahlen sinken, Kirchen stehen leer, Gottesdienste werden dort nicht mehr gefeiert. Das habe Folgen für die Orgeln in den Kirchen, so Höndgen: "Das große Kirchensterben hat ja eigentlich schon begonnen, und somit werden wir auch den Verlust zahlreicher Orgeln zu beklagen haben". Vielleicht erhalten sie dann wenigstens Asyl beim Orgelretter Sixtus Lampl in Valley.

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