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"Die Folgen der Wirtschaftsunion waren überhaupt nicht absehbar" | BR24

© Audio: Bayern 2 / Bild: dpa - Bildarchiv

Feier auf dem Alexanderplatz: Ab 1. Juli 1990 gab es in der DDR die D-Mark.

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"Die Folgen der Wirtschaftsunion waren überhaupt nicht absehbar"

1989 ist in der kollektiven Erinnerung sehr viel präsenter als das Jahr 1990. Jan Wenzel hat ein Buch herausgegeben, das das "geisterhafte Lebensgefühl" zwischen Mauerfall und Einheit in Erinnerung ruft. Ein Gespräch über ein deutsches Wendejahr.

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Der 3. Oktober 1990 ist ein Tag, an den sich die meisten vermutlich weniger emotional erinnern als an den Mauerfall ein knappes Jahr vorher. Zwischen diesen beiden Daten lag ein widersprüchlicher Weg. In seinem fast 600-seitigen Dokumenten-, Bilder- und Texte-Sammelband "Das Jahr 1990 freilegen" versucht Jan Wenzel, die vielen Facetten dieser Zeit wieder zusammenzubringen. Ein Lesebuch der besonderen Art Judith Heitkamp hat mit dem Herausgeber darüber gesprochen.

Judith Heitkamp: Warum – und was – freilegen? Was ist nicht sichtbar?

Jan Wenzel: Das Jahr 1989 ist in der kollektiven Erinnerung viel präsenter und viel erzählbarer als das Jahr 1990, das viel dichter und vielleicht unvorhersehbarer ist. Es bricht immer wieder ab, wechselt seine Richtung, Dinge bleiben liegen, andere werden wichtig, einiges ist verschüttet ... Und das war der Grund, dieses Buch anzugehen.

Man tappt ja im Rückblick leicht in die Falle der Vorstellung, alles sei zwangsläufig so gewesen. Was es natürlich nicht war. Vielleicht springen wir einfach mal genau 30 Jahre zurück in die letzten Juni-Tage 1990.

Das Lebensgefühl war – wie man es in Aufzeichnungen liest – ein wirklich geisterhaftes. Es war klar, dass am ersten Juli in der DDR die D-Mark eingeführt wird. Im Juni war in den Betrieben sichtbar, dass das, was man produzierte, eigentlich keine Abnehmer mehr fand. Das geht kurioserweise bis hin zu Eiern, die Leute wollten eben auch lieber Eier aus dem Westen kaufen als Eier aus der eigenen Produktion.

Ein zentrales Bild dazu im Buch ist das der wartenden Menge in der Nacht auf den 1. Juli 1990 vor der Deutsche-Bank-Filiale am Berliner Alexanderplatz. Dort wurde sehr öffentlichkeitsträchtig schon ab Mitternacht Ost-Mark in West-Mark umgetauscht. Woran denken Sie bei diesem Bild?

Ich denke einmal an diese Euphorie. Die Einführung der D-Mark war ein großes Phantasma, sehr emotional geladen. Aber wenn man sich den weiteren Jahreslauf anschaut, war das wirklich der Blindpunkt. Eine politische Entscheidung, deren Folgen überhaupt nicht absehbar waren. Und in dem Bereich, wo sie absehbar waren, hat man sich eigentlich schon vor der Einführung der D-Mark Sorgen machen müssen, weil die DDR-Wirtschaft absehbar in einen Tornado geraten würde, den die meisten Betriebe nicht überstehen konnten.

Wie können Sie das zu packen kriegen? Ihr Band besteht aus den verschiedensten Materialien – Fotos, Ausschnitte aus Zeitungsartikeln, aus Interviews, aus Reden, aus Autobiografien, aus Essays der Zeit, aus Vertragstexten. Auch neue Geschichten.

Wir haben das Buch wie eine Bühne verstanden. Es gibt auf jeder Seite eine Montage aus unterschiedlichen Texten und Bildern, und das schafft die Möglichkeit, diese verschiedenen gleichzeitigen Ereignisse und Emotionen auch in ihrer Widersprüchlichkeit sichtbar zu machen. Es ist ein Buch, das man nicht linear lesen muss. Man kann es an irgendeiner Stelle aufschlagen. Wenn einem im Augenblick genau der 1. Juli interessiert kann man assoziativ über diese Seiten wandern. Teilweise sind Texte sehr groß gesetzt wie Headlines, es gibt einzelne Zeilen, in denen eine verdichtete Botschaft drinsteckt. Zum Beispiel steht am 1. Juli groß oben auf der Seite "Die D-Mark, jenes Wunderding", und auf der anderen Seite steht ein Berliner Graffiti: "Fuck of GerMoney". Der Leser ist fast in der Situation eines Archäologen, der die Unterschiede und Teile für sich zu einem Ganzen lesend, blätternd zusammenfügt.

Auch betrachtend – Fotos spielen eine große Rolle. Ab dem 1. Juli Einkaufsthemen, Schlangen mit Menschen und Einkaufswagen, Hallen, die schnell umfunktioniert worden sind in Supermärkte mit Westwaren, Kassiererinnen an provisorischen Tischen. Die Fotografin Ute Mahler, die auch am Buch beteiligt ist, hat gesagt, 1990 hätten die Leute ihre Gesichter noch nicht so kontrolliert wie heute.

Ja, es gab in der Diskussion zu diesem Band immer wieder die Frage "Warum schauen die Leute so ernst?" Ich glaube, dass diese Gesichter sehr unverstellt sind, dass sie sehr deutlich die jeweilige emotionale Lage spiegeln. Anders als heute, wo wir gewohnt sind, Selfies zu machen und unser Bild medial zu kontrollieren, wurde in dieser Zeit vielleicht gar nicht reflektiert, dass man lesbar ist, auch in seinem Gesichtsausdruck.

Spaß am so sehr erwünschten Konsum kommt jedenfalls wenig zum Ausdruck.

Doch, der ist schon da. Dieser Hunger nach anderen Waren – man dachte, mit dem neuen Geld hat man Zugang zu einem anderen Leben. Und wenn man dann weiterblättert, merkt man recht schnell den Katzenjammer, der folgte. Am 1. Juli hat das noch fast den Charakter eines Karnevals, eine Zeit neben der Zeit.

Entspricht das Ihrer persönlichen Erfahrung? Wie sehr ist das Buch ein persönliches Projekt?

Es ist auf jeden Fall sehr stark persönlich gefärbt. Ich war 18 im Jahr 1990 und kann auch sehr schnell emotional bestimmende Momente dieses Jahres wieder wachrufen. Ich weiß noch, was ich am 1. Juli gemacht habe – ich bin am Abend in Bautzen, wo ich aufgewachsen bin, in eine Theaterpremiere gegangen, und es wurde "Pension Schöller" gespielt. Das fühlte sich etwas eigenartig an, weil das Theater ein Jahr zuvor noch ein wichtiger Ort politischer Öffentlichkeit gewesen war. Und nun gab es so ein Boulevard-Stück, was das Gefühl auslöste, das Theater versuche jetzt umzuschalten und etwas Gefälliges auf die Bühne zu bringen. Weil man natürlich schauen musste, wer in Zukunft kommt.

Nebenbei legen Sie auch noch frei, dass neben dem Prozess zur deutschen Einheit in dieser Zeit auch der Aufbau privatwirtschaftlich betriebenen Mobilfunks in Deutschland begann. Eigentlich stellen Sie damit die Frage, was am Ende die größere Geschichte war.

Das war in der Arbeit auch eine Frage, die mich selbst beschäftigt hat: Wie nimmt man selbst Geschichte wahr? Was von dem, was zu einem bestimmten Zeitpunkt an Neuem, in die Zukunft Gerichtetem passiert? Was Dinge verändern wird? Das Jahr 1990 ist für die Einführung des mobilen Telefonierens sozusagen der Nullpunkt. Fast zeitgleich mit dem Fall der Mauer. Ich glaube, dass es nicht unwichtig ist, wenn man von Geschichte spricht, diese Infrastrukturen mit im Blick zu haben.

Jan Wenzel (Hg.), "Das Jahr 1990 freilegen" ist bei Spectorbooks erschienen.

© Spectorbooks

"Das Jahr 1990 freilegen"

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