Berufungsprozess "Drachenlord" Rainer Winkler, dieser kommt von hinten in den Saal und wird gefilmt.
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Berufungsprozess "Drachenlord" Rainer Winkler

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Jagd auf den "Drachenlord": Warum geht der Hass immer weiter?

Randale, Geschrei und Explosionen: Jahrelang wüteten Gegner des YouTubers Drachenlord vor dessen Haustür. Dieser verteidigte sich und provozierte seine "Anti-Fans" immer weiter. Doch die Schuld liege nicht bei ihm, sagt Netzexpertin Katharina Nocun.

Sie bestellten ihm Pizzen, Material zum Bomben bauen und die Feuerwehr vor die Haustür. Sie bewarfen sein Haus mit Eiern und anderen Dingen, die Flecken hinterlassen, standen nachts vor seinem Zaun, machten sich über ihn lustig und filmten ihn in seiner Wut. Jedes Video eine kleine Trophäe im sogenannten "Drachengame", der Jagd auf einen Menschen.

Höhepunkt des bedenklichen "Spiels": das sogenannte Schanzenfest. 2018 verabredeten sich rund 800 Menschen aus ganz Deutschland über soziale Medien und trafen sich im Heimatdorf von Rainer Winkler, dem Drachenlord. Eine Art Hass-Demo gegen ihn, für die Anwohner eine Zumutung, für viele der Teilnehmer ein schöner Tag, an dem sie Gleichgesinnte trafen. Gemeinsam werfen sie dem Drachenlord Lügen und problematische Aussagen vor, kritisieren seinen Lebensstil, sein Aussehen und seine Videos.

Katharina Nocun: "Die Schuld liegt bei den Tätern"

Winklers Heimatort war jahrelang im Ausnahmezustand. Täglich kamen seine Gegner, die "Hater" oder Schaulustige zu seinem Haus, das sich zu einer Art Pilgerstätte entwickelte. Täglich fuhr die Polizei mehrmals vorbei. Viele gaben dem YouTuber selbst die Schuld an all dem. Schließlich veröffentlichte Winkler seine Adresse und gab seinen Verfolgern stets neues "Futter", indem er aggressiv und beleidigend auf Anfeindungen reagierte. Mittlerweile hat Winkler das Haus an die Gemeinde verkauft. Die ließ es sofort abreißen.

Doch bei Hass und Mobbing im Netz dürfe sich die Frage, ob das Opfer Schuld trägt, gar nicht erst stellen, meint die Netzexpertin und Autorin Katharina Nocun. "Man muss klar sagen: Die Schuld liegt bei den Tätern. Selbst wenn die Person ihren Wohnort nicht öffentlich macht, werden diese Leute versuchen, so etwas herauszufinden." Zum Drachenlord, der seinen Heimatort inzwischen verlassen hat, gibt es im Netz eine Karte, auf der sein jeweiliger Standort mit Foto und Datum gepostet werden kann.

Katharina Nocun kritisiert auch die Medien, die den Fall "Drachenlord" zu lange verharmlost und als lustiges Online-Phänomen abgetan hätten. "Da spielt eine verzerrte Wahrnehmung der Realität eine Rolle, die Vorstellung, digitale Gewalt würde sich nur im digitalen Raum abspielen."

Katharina Nocun: "Digitale Gewalt ist real"

Seine "Hater" bezeichnen Winkler als "Oger" mit Anspielung auf sein Körpergewicht und seine Wut, wenn er sich wehrt. Winkler sei auch in der Schulzeit gemobbt worden, sagt er. Doch inzwischen sind es Erwachsene, die gegen ihn hetzen, aus ganz Deutschland, aus allen möglichen Bildungs-, Alters- und Gesellschaftsgruppen, die meisten sind männlich.

Der Fall enthalte viele typische Elemente von Online-Hass-Kampagnen, sagt Katharina Nocun. Zum Beispiel die Gruppendynamik: "Wenn viele Menschen gemeinsam solche Kampagnen lostreten, führt das auch dazu, dass einzelne das vielleicht gar nicht mehr hinterfragen, weil sie sich in einer größeren Gruppe und damit im Recht glauben." Außerdem spiele die eigene Aufwertung durch die Abwertung anderer eine Rolle. Wenn das Opfer über sein Leid klage oder sich gegen Angriffe verteidige, sich im Ton vergreife, werde das von den Hatern als Erfolg gesehen.

"Das Opfer wird dämonisiert und als Vertreter des absolut Bösen dargestellt. Das erfüllt eine Funktion in solchen Gruppen. Die verbale und reale Gewalt wird dann als heldenhafter Kampf dargestellt." Was bei Winkler so weit geht, dass Einzelne ihn ins Gefängnis bringen wollten. Tatsächlich stand er kurz vor einer Haftstrafe wegen eines Angriffs auf einen Hater, aber auch, weil er Polizisten beleidigt und gegen Auflagen verstoßen hatte. Am Ende war es dann eine Bewährungsstrafe.

Hass als Business-Modell?

Die Gegner des Drachenlords begründen ihre Aktionen immer wieder mit vermeintlich hehren Zielen. Oft zitiert wird dabei eine Aussage Winklers zum Holocaust, die sich antisemitisch deuten lässt. Man wolle, dass der Drachenlord wegen solcher Aussagen aufhöre mit seinen Videos - so der Tenor der Hater. Doch sie verbreiten eben diese Videos auf ihren Kanälen - zur eigenen Unterhaltung.

"Bei Hass-Kampagnen werden Hashtags benutzt, um in den Twitter- und YouTube-Trends zu landen und Reichweite zu erzeugen", sagt Katharina Nocun. "Es gibt einzelne Akteure, die geradezu ein Business-Modell darauf aufgebaut haben, andere mit Hass und Hetze zu überziehen, da werden Werbeeinnahmen generiert, zum Beispiel auf YouTube. Man weiß, es gibt eine große Gruppe von Menschen, die so etwas anklicken und weiterverbreiten und sich daran ergötzen, dass da ein Mensch bedroht wird."

Frühzeitig gegen Hass-Kampagnen vorgehen

Innerhalb der Gruppe könnten sich gesellschaftliche Normen verschieben, sagt Katharina Nocun. "Wenn jemand Hass und Hetze verbreitet, jemanden bedroht, und das nicht sanktioniert wird, sondern Applaus und Zustimmung bekommt, dann setzt ein gewisser Lerneffekt ein." Der Hass wird normal und manch einer ist überrascht, wenn sein Handeln rechtliche Folgen hat.

Im Fall des Drachenlords gab es geschätzt mehr als 150 Verfahren gegen die Hater. "Es ist wichtig, dass Strafverfolgungsbehörden möglichst schnell und frühzeitig eingreifen, dass eben ein Zeichen in der Gruppe gesetzt wird: Das darf nicht sein." Hätte ein frühzeitigeres Eingreifen größere Ausschreitungen wie das Schanzenfest verhindern können? Politik, Justiz und Medien stehen wegen möglicher Versäumnisse in der Kritik.

Hass bringt Klicks

Doch auch die Online-Plattformen tragen Verantwortung: Warum hat YouTube den Kanal von Rainer Winkler gesperrt, verhindert aber nicht, dass Hater seine Videos im Original oder verfremdet auf ihre Kanäle laden? "Die Plattformen können selbst entscheiden, was sie zulassen und wo sie eine Grenze setzen", sagt Katharina Nocun. Man könne Accounts sperren oder dafür sorgen, dass bei Hass-Videos keine Werbung geschaltet werde. Klar ist aber auch: Derzeit werden in sozialen Medien emotionale Inhalte von den Algorithmen bevorzugt - auch Hass.

Der Drachenlord ist ein Extremfall, bei dem sich tausende Menschen am Mobbing gegen einen Einzelnen beteiligen. Auch wenn der inzwischen sein Heimatdorf verlassen hat und dort langsam Ruhe einkehrt: Er wird weiterhin verfolgt. Der Fall zeigt das Hasspotential in unserer Gesellschaft. Und er zeigt, was möglich ist, wenn sich Menschen zu Tausenden vernetzen und ihren Hass ausleben.

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