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Dante vor seiner Heimatstadt Florenz

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    Italien sieht "unglaublichen Angriff" in deutscher Dante-Kritik

    Ausgerechnet an dem Tag, an dem die Feierlichkeiten zum 700. Todestag ihres Nationaldichters beginnen, mussten die Italiener ein Dante-Bashing der "Frankfurter Rundschau" ertragen. Italienische Medien feuerten nun zurück, auch ein Deutscher.

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    Von
    • Peter Jungblut

    Die Wogen gehen hoch, der Sturm tobt gewaltig: Der Papst persönlich würdigte den großen Florentiner Dichter Dante als "Propheten der Hoffnung", der den "Glanz des Ewigen Lichts" verbreite, ganz Italien verneigt sich vor seinem Nationaldichter, der als Begründer der modernen italienischen Sprache gilt - und dann das: In der "Frankfurter Rundschau" erscheint ein längerer Text des Übersetzers und Italien-Kenners Arno Widmann, wonach Dante "zu leicht" zu lesen und gar kein so bedeutender Sprachschöpfer gewesen sei. Und vor allem: Shakespeare sei aus heutiger Sicher um "Lichtjahre moderner". Kein Wunder, dass die römische Zeitung "Repubblica" von einem "unglaublichen Angriff aus Deutschland" spricht und die durchaus ausgewogene Kritik aus Frankfurt als Schmähung begreift. Demnach habe Dante "nichts Originelles" geschrieben und Italien keinen Grund zum Feiern!

    "Ignoranter Provokateur"

    Das sei alles der "isolierte Angriff eines ignoranten Provokateurs", so der deutsche Chef der Florentiner Uffizien, Eike Schmidt. Widmanns Haltung entspreche in gar keiner Weise der "allgemeinen Meinung" in Deutschland. Der Autor neige viel zu "Verschwörungen": "Widmann behauptet, dass Dantes Bedeutung für die italienische Sprache nicht so groß war, weil Kinder in der Schule Schwierigkeiten hätten, seine Texte zu verstehen. Das ist aber überhaupt nicht der Fall. Abgesehen von ein paar Worten und ein paar theologischen Konzepten ist Dantes Sprache heute noch vollkommen verständlich, anders als bei den Engländern oder Deutschen des 14. Jahrhunderts, die für das heutige Englisch und die Deutschen praktisch unverständlich sind." Grund für Widmanns Dante-Häme sei womöglich, dass er nicht damit klar gekommen sei, dass es vor 700 Jahren jemandem mit einem noch größeren "Ego" gegeben habe.

    "Peitsche auf der Titelseite"

    Die "Frankfurter Rundschau" mache "keine halben Sachen", so Rita Monaldi und Francesco Sorti in ihrem Empörungs-Artikel in der "Republiccca": "Die Peitsche wurde auf der Titelseite geschwungen." Tatsächlich hatte Arno Widmann versucht, dem Dante-Gedenken das Pathos zu nehmen und die oft zitierten angeblichen Leistungen des großen Dichters einer kritischen Prüfung zu unterziehen. So schrieb er, kein italienisches Schulkind habe verstanden, was Dante zu Papier brachte, da es viel zu kompliziert gewesen sei, um als "Volkssprache" zu gelten. Tatsächlich hätten vertriebene provencalische Troubadoure "vielerorts in Europa den muttersprachlichen Dichtern auf die Sprünge" geholfen: "Italien war ein Nachzügler dieser Entwicklung."

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    Bildrechte: Max Cavallari/Picture Alliance

    Michele di Pascale, Bürgermeister von Ravenna, gießt Öl in Laterne vor Dantes Grab

    Wer will, kann aus Widmanns Text zahlreiche Seitenhiebe auf Dante herauslesen - oder auch gewissenhaftes Unterscheiden zwischen Legende und Wirklichkeit: "Die Troubadours waren Popsänger, von deren Meisterwerken uns nur noch der Text erhalten ist, Dante aber zielte darauf, dieselbe Wirkung zu erreichen – ohne Musik." Zur Heiligenverehrung trägt Widmann tatsächlich nicht bei, wenn er darauf verweist, dass sich Dante bei seiner "Göttlichen Komödie" an älteren arabischen Texte orientiert haben könnte. Das wird in Italien als unglaublicher "Plagiatsvorwurf" verstanden. Herbe für italienische Gemüter auch der Satz: "Dantes Gattin, seine Söhne kommen nicht vor. Sie interessieren nicht. Bis zur Entdeckung des Ehelebens als eines Wegs zur Seligkeit musste wohl auf Luther und die Reformation gewartet werden."

    Papst und Präsident würdigen Dante

    Für Widmann ist Dantes "Komödie" mehr religiöse Abrechnung als literarischer Wurf: "Das ganze Riesenwerk ist ja nur dazu da, um dem Dichter zu erlauben, dem Jüngsten Gericht vorzugreifen, Gottes Werk zu tun und die Guten ins Töpfchen und die Schlechten ins Kröpfchen zu schieben."

    Trost finden können die Italiener immerhin im Apostolischen Schreiben aus dem Vatikan mit dem Titel "Candor lucis aeterna" (Glanz des ewigen Lichts). Papst Franziskus lobt Dante, "in diesem außergewöhnlichen historischen Moment, der von vielen Schatten gezeichnet" sei, könnten die Worte des Dichters den Menschen Kraft und "neuen Schwung" geben: "Er ist der Dichterprophet der Hoffnung in unserer Zeit, die durch mangelndes Vertrauen gekennzeichnet ist. Er ist ein wesentlicher Bestandteil unserer Kultur und verweist auf die christlichen Wurzeln Europas und des Westens."

    Besonders auffällig war für italienische Beobachter, dass der Papst eine Parallele zwischen seinem Namensvetter und Ordensgründer Franziskus und Dante zog: "Der erste verließ zusammen mit seinen Anhängern den Kreuzgang, ging unter den Menschen durch die Straßen von Dörfern und Städten, predigte den Menschen und kehrte in den Häusern ein; der zweite traf die damals unverständliche Entscheidung, für das große Gedicht des Jenseits die Alltagssprache zu verwenden und seine Geschichte mit bekannten und weniger bekannten Charakteren zu bevölkern, die jedoch in ihrer Bedeutung den Mächtigen der Erde völlig gleichwertig sind."

    Staatspräsident Sergio Mattarella sagte in einem Interview des "Corriere della Sera", dass sich heutige Politiker an der "Geradlinigkeit" Dantes ein Beispiel nehmen könnten: "Dante war für Generationen von Italienern ein Bezugs- und Inspirationspunkt."

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