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Warum Leser am Ende von Burhan Sönmez "Labyrinth" Licht sehen | BR24

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Poesie als Orientierungshilfe: Der türkisch-kurdische Schriftsteller Burhan Sönmez sieht in der Sprache einen Ausweg

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Warum Leser am Ende von Burhan Sönmez "Labyrinth" Licht sehen

In "Istanbul, Istanbul" beschrieb Burhan Sönmez politische Gefangene, die sich im Verlies Phantasie-Geschichten erzählen über ihre geliebte Stadt. In seinem neuen Roman begibt er sich mit seinem Helden wieder dorthin, ins "Labyrinth" des Lebens.

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Im Internet verkaufen sich Burhan Sönmez‘ Bücher umso besser in dieser "viralen" Zeit. Die Menschen haben Zeit zu lesen, jetzt, wo die Welt stillsteht, in Istanbul teilweise Ausgangssperre herrscht und die Straßen der 16-Millionen-Metropole leergefegt sind.

Ihm ist also nicht bange um seinen jüngsten Roman "Labyrinth", worin Boratin, ein erfolgreicher junger Musiker, eines Tages aus dem Taxi steigt und sich von der Bosporus-Brücke in den Tod stürzen will. Boratin, der Bluesmusiker am Bosporus, überlebt in Borges‘ Labyrinth.

Nur von außen ist das Labyrinth zu sehen

"Wir wissen gar nicht, dass wir uns im Labyrinth befinden, das sehe man ja nur von außen. Erst mit den Rissen unserer Geschichte merken wir plötzlich, dass wir orientierungslos im Labyrinth stecken wie im Käfig, gefangen in einem Weltkrieg oder einer Pandemie", sagt Burhan Sönmez. Eine globale Krise lasse uns eine tiefere Dimension des Lebens verstehen. Und so ergeht es seinem Helden Boratin, der über sich als "Ich" nachdenkt, während Freunde, Ärzte, seine Familie ihn als "Er" beschreiben. Ein Fremder bleibt er, für die anderen wie für sich selbst. Eine Uhr, ein Spiegel, eine kleine Kopie der Pietá sind seine Requisiten beim Nachdenken über die Zeit. Sein Ariadne-Faden im Gedanken-Labyrinth ist die Sprache.

Die poetische Sprache sei Mittelpunkt des Romans, sagt Burhan Sönmez. "Wenn wir in isolierter Lage über uns nachdenken, werden Wörter die wichtigste Quelle unserer Existenz." In diesem Roman wollte Burhan Sönmez das Poetische der Geschichte betonen. Die Sprache ist das Zentrum, die Erinnerung sein Thema, die persönliche wie die kollektive. Denn unser soziales Gedächtnis sei längst von den Mächtigen manipuliert und neu entworfen, sagt der Romancier und fragt: "Wie formt die Erinnerung unsere Zukunft?"

Die Schuld der Erinnerung

Die Erinnerung sei nicht unschuldig, sagt Burhan Sönmez. Im letzten Jahrhundert begingen große Nationen weltweit Menschenrechtsverletzungen, Völkermorde in der Türkei, Deutschland, den USA. Populistische Politiker heute leugneten das. Sie entwerfen die Vergangenheit neu. "Wir müssen daran denken, dass die Erinnerung kontaminiert wird mit teuflischen Gedanken", sagt Sönmez mit Blick auf das Leid der Armenier und die eigene kurdische Herkunft. Seinem Romanhelden Boratin ermöglicht der Gedächtnisverlust, bei Null zu beginnen, das alte Leben mit dem Suizidversuch hinter sich zu lassen. Er streunt durch die Stadt, Istanbul wird zum Spiegel, traurig wie die Romanfigur, gebrochen von Korruption und inneren politischen Kämpfen.

"Wir haben die Stadt ermüdet", sagt Sönmez, jetzt gönne sie sich Ruhe und schöpfe neue Kraft. "Labyrinth" ist eine düstere Allegorie, hermetisch, leise und von tiefer Trauer. Aber am Ende ist Licht. Die Liebe weist einen Weg aus der Krise. Und die Begegnung mit jugendlichen Demonstranten und Aktivistinnen. Die Proteste von Gezi Park werden nicht benannt, sind aber deutlich. Bis heute wirke der freie Geist von Gezi, beobachtet Sönmez. Zehntausende kritisierten das Regime Erdogan offen und ohne Angst in den Sozialen Medien.

© btb

Buchcover Burhan Sönmez neuem Roman "Labyrinth"

Erdogan habe Wahlen gewonnen, aber die großen Städte verloren. Die nächsten, allgemeinen Wahlen werde er verlieren, da ist Burhan Sönmez sicher. Vor Jahren, als junger Demonstrant, wurde er selbst verhaftet und verletzt und lebte lange im englischen Exil. Nun, zurück in Istanbul, arbeitet er im Vorstand des PEN und besucht, als Menschenrechtsanwalt, Intellektuelle und Schriftsteller wie den Geschwister-Scholl-Preisträger Ahmed Altan, der mit 70 Jahren lebenslang in Haft geriet und mit 30 000 anderen im Istanbuler Gefängnis Silivri sitzt. "Altan lachte und sagte: Jetzt, im Gefängnis, könne ihm nichts mehr passieren, jetzt sei er wirklich frei", erzählt Burhan Sönmez.

Künstler im Gefängnis – Kriminelle frei

Während Ahmed Altan und Zehntausende Akademiker und Künstler im Gefängnis festgehalten werden, ließ die Regierung Erdogan gerade 100 000 Kriminelle wegen Corona frei. Das schuf Platz für neue Häftlinge, Oppositionelle, ahnt Sönmez. Und was kann da ein Roman wie "Labyrinth"? Was kann Literatur? Literatur und Kunst öffneten eine tiefere Dimension des Lebens, sie öffneten ein neues Fenster, seien der wichtigste Teil unserer Existenz.

Der Roman "Labyrinth" von Burhan Sönmez ist bei btb erschienen, aus dem Türkischen übersetzt von Sabine Adatepe.

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