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Ist der Mann gescheitert? "Masculinities" im Martin-Gropius-Bau | BR24

© Audio: BR/ Bild: Martin-Gropius-Bau Berlin

Was macht "den Mann" aus? Die Ausstellung "Masculinities: Liberation through Photography" im Martin-Gropius-Bau versucht eine Antwort zu finden.

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Ist der Mann gescheitert? "Masculinities" im Martin-Gropius-Bau

Was macht Männlichkeit eigentlich aus? Eine neue Schau in Berlin fragt das mit einer Bilderflut zum Thema Mann. Vor allem der heterosexuelle, muskelbepackte und autoritäre Mann ist auf den Fotos kaum präsent. Ist er ein Auslaufmodell?

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Zwei Botschaften empfangen das Publikum im ersten der Räume, die den Innenhof des Martin-Gropius-Baus flankieren. Zum einen John Coplans in vier Tafeln gruppierte Fotografien seines nackten, gealterten Männerkörpers und linkerhand die unscheinbar inszenierte Bemerkung des Schwarzen Schriftstellers James Baldwin über die Unmöglichkeit eines durchschnittlichen weißen amerikanischen Jungen, in seiner von naiven Männerbildern geprägten Kultur überhaupt einen Begriff der Vielfalt dessen zu bekommen, was Mannsein alles bedeuten könnte.

Niemand weiß, was Männlichkeit meint

Männlichkeit, so will es die Kuratorin der Ausstellung "Masculinities: Liberation through Photography", Alona Pardo, begreiflich machen, gibt es nur im Plural: "Die Ausstellung ist sehr aktuell. Man kann sich ihr aus einer queeren Perspektive nähern, oder einer feministischen, oder der des Black Lives Matter, ja sogar aus der der Pandemie, die diesem Rückblick einen ganz eigenen Resonanzraum verschafft. Sie kommt auch zu einem Zeitpunkt, in dem Männlichkeit zu einem wichtigen kulturellen Streitthema geworden ist. Während also Männer und Männlichkeit im Fokus stehen wie nie zuvor, wissen wir alle nicht, was Männlichkeit eigentlich meint. Diffuse Definitionen mischen sich mit medialen Narrativen, dem Alltagsdenken und der Pop-Kultur. Dieses undeutliche Bild nimmt sich die Ausstellung zum Ausgangspunkt und zeichnet mit der Photographie der 60er-Jahre bis heute eine Vorstellung, wie Männlichkeit erlebt, codiert, performt und gesellschaftlich verankert wurde."

© Martin-Gropius-Bau Berlin

Thomas Dworzak, Taliban portrait. Kandahar, Afghanistan, 2002

Da sind also auf getrennten Porträts vier portugiesische Toreadors zu sehen, mit den Blutflecken der getöteten Stiere auf Kragen und Jacke, da ist die Footballmanschaft mit ihren absurd übersteigerten Schulterpolstern, da ist eine viele Quadratmeter große Kollage von Gesichtern bekannter Schauspieler, die Piotr Uklanski in diverse Nazi-Uniformen gesteckt hat. Soldaten, Bodybuilder, Wrestler, Cowboys, Erinnerungen an Archetypen, die Homosociality, Männergruppen prägen.

Keine Frauen im smoking room

Da ist aber auch die Sammlung von Schwarz-Weiß-Bildern exquisiter, kaum bevölkerter Intérieurs, die die Londoner Künstlerin Karen Knorr in der englischen Hauptstadt angefertigt hat. "Die Bilderfolge 'The Gentlemen' wurde in den Herren-Clubs an der Saint-James-Street realisiert, in denen damals, also zu Beginn der 80er-Jahre ausschließlich Männer aufgenommen und Frauen nur als Gäste zugelassen wurden", erklärt Alona Pardo. "Aber zum Beispiel den smoking room durften sie nicht betreten. Einige der Räume waren den Frauen also völlig versperrt. Und Margaret Thatcher – damals immerhin Prime Minister – war nur ein assoziiertes Mitglied im Carlton Club, dem traditionellen Konservativen-Club auf der Pall-Mall-Straße."

© Martin-Gropius-Bau Berlin

Peter Hujar, David Brintzenhofe Applying Makeup (II), 1982

Maskuline Zonen der Exklusion, Räume für Anzugträger, hegemoniale Inkubatoren für etwas, das heute gerne toxische Männlichkeit genannt wird, werden immer wieder gebrochen von Bildern des Scheiterns in überkommenen Männerbiografien. In sechs Ausstellungsschwerpunkten mäandert die Schau durch Männerwelten, die Fiktion der Familienkonzepte wird enttarnt. Leider schlecht ins Licht gesetzt ist die faszinierende Bilderfolge der polnischen Fotografin Aneta Bartos: Eine Reihe von verklärt kontrastarmen Farbbildern, in denen sie sich selbst als leicht bekleidete, feenhafte Kreatur mit ihrem Vater, einem Bodybuilder, in einer polnischen Sommerlandschaft inszeniert hat, in eine schillernd unheimliche Beziehung voller inzestuöser Doppeldeutigkeiten.

Underperformen des heterosexuellen Manns kein Thema

Zu selten entdeckt die Ausstellung im Performen des Männlichen die Dialektik des Mann-Frau-Verhältnisses. Sie traut vor allem dem queeren und dem Schwarzen Männerkörper und schließlich dem weiblichen Blick das Potential fürs Ausbrechen aus der alten Hegemonie zu. Das Verschwinden der alten Bilder im modernen, heterosexuellen Mann der globalen Dienstleistungskultur, sein Underperformen, ist sowenig Thema wie das Bild des arbeitenden Männerkörpers.

© Martin-Gropius-Bau Berlin

Karen Knorr, Newspapers are no longer ironed...

Hier geht es ausschließlich um medial vermittelte Männerbilder, um Ikonen jenseits jeder Produktion. Ist die Kuratorin blind fürs allmähliche Verschwinden ihres Betrachtungsgegenstandes? Sie sieht es anders: "Wir leben immer noch in einer Männerwelt und in einen bestimmten Grade habe ich sie mir aus dem männlichen Blickwinkeln angeeignet. Und daher bin ich als Frau in einer guten Position, um die Bilder von Männlichkeit kritisch zu hinterfragen. Die Ausstellung kommt ja zu einem interessanten Zeitpunkt. Ich denke heute an den neuen Geschlechterkrieg, in dem wir stecken und der in Zusammenhang mit der MeToo-Bewegung ausbrach. Aber die Ausstellung steht auch in Verbindung mit diesem neuen maskulinen Nationalismus, den Bildern dieser starken männlichen Weltherrscher, etwas, das uns sehr rückschrittlich vorkommt, traditionell, muskulär wie dieses Bild von Putin auf dem Pferd in Bergen des Kaukasus."

Gewünscht hätte man sich, dass die Schau den historischen Zusammenhang von karikaturenhaft performter Männerdespotie in der heutigen Politik mit dem realen Zerfall traditioneller Männerdomänen in der Gesellschaft erkennt.

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