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Israel und der Impfpass: Kultur-Genuss wie früher? | BR24

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Bildrechte: Ilia Yefimovich/dpa

Der grüne Impfausweis soll in Israel wieder Normalität im Kulturbereich ermöglichen. Erste Konzerte finden wieder statt, Einlass gibt es nur mit digitaler Impfbestätigung. Gerade jüngere Israelis empfinden das als Impfpflicht durch die Hintertür.

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Israel und der Impfpass: Kultur-Genuss wie früher?

Der grüne Impfausweis soll in Israel wieder Normalität im Kulturbereich ermöglichen. Erste Konzerte finden wieder statt, Einlass gibt es nur mit digitaler Impfbestätigung. Gerade jüngere Israelis empfinden das als Impfpflicht durch die Hintertür.

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Von
  • Benjamin Hammer

Ein Jahr lang hatte der israelische Musiker Aviv Geffen kein Konzert mehr gegeben. Vor etwa einer Woche dann stand er auf der Bühne und schaute in einen vollen Konzertsaal in Tel Aviv. "Ich bin heute Morgen sehr früh aufgewacht und habe mir gesagt: Heute gebe ich ein richtiges Konzert mit echtem Publikum. Nicht irgendeine Veranstaltung über das Internet. Was hier geschieht, ist ein Wunder. Die ganze Welt steht still, die Kultur sowieso. Wir sind hier heute Zeugen eines kleinen großen Wunders."

Freude über erste Open-Air-Konzerte

Auch im Yarkon-Park in Tel Aviv fand ein erstes Konzert statt. Auch hier war die Stimmung feierlich. Die Gäste müssen nach dem neuen System mehrere Dokumente mitbringen: Konzertkarte, Personalausweis und den Grünen Pass - den Nachweis, dass sie zweifach gegen das Coronavirus geimpft wurden. Die Unterlagen werden gescannt. Wer im gleichen Haushalt lebt, darf eng zusammensitzen. Ansonsten muss ein Platz freigelassen werden. "Ich bin ein Jahr zu Hause geblieben und lebte ziemlich isoliert", sagt ein älterer Konzertbesucher. "Wir freuen uns sehr, nach diesem Jahr rauszugehen und öffentliche Veranstaltungen zu besuchen." Viele Konzerte waren ausverkauft. Zum Beispiel im Khan Theater in Jerusalem.

Hygiene-Regeln bleiben trotz Impfpass

Nach einem Jahr weitgehenden Stillstands wagt Israel den Neuanfang in der Kultur. Ganz langsam. In Innenräumen dürfen maximal 300 Gäste sitzen. Draußen sind es 500. Trotz der Impfungen herrscht Maskenpflicht. Essen und Trinken ist nicht erlaubt. Die vielen Regeln führen dazu, dass sich Aufführungen für manche Veranstalter finanziell gar nicht lohnen, sagt Bar Zavada. Sie ist die Managerin von mehreren israelischen Bands. Und noch etwas anderes bremst den Enthusiasmus bei manchen Künstlerinnen und Künstlern, sagt die Managerin: Die "grünen Pässe" sind in Teilen des jüngeren Publikums sehr unbeliebt.

Zwei-Klassen-Gesellschaft durch Impfausweis

Jede Band, die im Netz ein Konzert angekündigt hat, hat auf Social Media tonnenweise negative Kommentare erhalten. Da schreiben Fans, dass es einfach nicht in Ordnung sei, zwischen Geimpften und Nicht-Geimpften zu unterscheiden. Für die Künstlerinnen und Künstler ist das eine schwierige Situation. "Sie wollen nach einem Jahr endlich wieder auf die Bühne. Aber die Kritik ist groß", sagt Zavada.Schon seit Wochen können sich in Israel alle, die älter sind als 16 Jahre, impfen lassen. Doch gerade bei jüngeren Israelis gibt es vergleichsweise viele Impfgegner. Und die Corona-Politik der Regierung ist unbeliebt.

Kritik: Impfpflicht durch die Hintertür

"Es fühlt sich so an, als ob die Regierung sie in die Schusslinie bringt. Der Staat kann die Menschen nicht zwingen, sich impfen zu lassen. Also soll das die Kultur lösen. Und als Instrument dienen, die Impfquote zu erhöhen. Den Ärger darüber bekommen aber die Bands ab.“ Bar Zavada, Musikmanagerin

Ein Restaurant in der Küstenstadt Jaffa, südlich von Tel Aviv. Hier werden gerade Musikvideos für ein Festival im Internet produziert. Ein analoges Festival mit Gästen aus dem Ausland ist aktuell trotz der Impfungen noch undenkbar. Einer der Musiker sagt, dass er die Grünen Pässe ablehnt. Er will sich auch nicht impfen lassen. Managerinnen wie Bar Zavada wissen, dass diese Haltung die Konzerte gefährdet. Sie äußert aber auch Verständnis für die Impfskeptiker. Es ist eben ein sehr sensibles Thema.

Auftrittsort Israel wird international attraktiv

Israels Musikindustrie bekommt in diesen Tagen viele Anfragen aus dem Ausland. Bands aus der ganzen Welt wollen plötzlich in Israel auftreten. Weil die Impfquote hier so hoch ist. Und wegen der Grünen Pässe, die die Konzerte ermöglichen sollen. Doch ganz so weit ist Israel noch gar nicht. Die Philharmoniker in Tel Aviv zum Beispiel sind bisher nicht aufgetreten. Sie planen ganze drei Konzerte im gesamten Monat März. Viele Theater, darunter das Habima in Tel Aviv, planen im März gar keine Aufführungen. Die Bandmanagerin Bar Zavada hat für Ende März erste Hallen für Konzerte gebucht. Aber ob sie stattfinden? Sie ist skeptisch.

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Die israelische Musikmanagerin Bar Zavada hofft auf baldige Normalität bei Konzerten.

„Ich bin seit einem Jahr damit beschäftigt, Konzerte zu planen, nur um sie dann wieder abzusagen. Das hat mich eine Menge Zeit und Energie und auch Geld gekostet. Kein einziges Konzert fand tatsächlich statt.“ Bar Zavada, Musikmanagerin

Die Israelin schließt nicht aus, dass ihr Land trotz der hohen Impfquote bald erneut in einen Lockdown muss. Eine neue alte Normalität auf den Bühnen? Die werde kommen, sagt sie. Aber lange nicht so schnell, wie manche denken.

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