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Komplizierte Bildrechte: Isolde Ohlbaum und der Englische Garten | BR24

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Englischer Garten

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Komplizierte Bildrechte: Isolde Ohlbaum und der Englische Garten

Urwaldhaft und paradiesisch sieht der Englische Garten in München auf den Fotos von Isolde Ohlbaum aus, doch veröffentlicht werden die Bilder wohl nicht: Die Schlösserverwaltung berechnet dafür Gebühren. Und das würde teuer für die Fotografin.

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Genau genommen verdankt München seinen Englischen Garten der Französischen Revolution. Der Sturm auf die Bastille versetzte Europas Monarchen in Angst und Schrecken, und während man sich andernorts mit erhöhtem Spitzel-Aufgebot und eiserner Zensur wappnete, setzten Kurfürst Karl Theodor und sein Staatsrat Benjamin Thompson auf die harmonisierende Kraft der Natur und legten einen Volksgarten an. Die Natur sollte zum "traulichen, und geselligen Umgang" und zur "Annäherung aller Stände dienen". Ein Park, wenn auch nicht gleich der Brüderlichkeit, so doch des gesellschaftlichen Ausgleichs und der Beschwichtigung. Doch nun gibt es hier einen handfesten Interessenskonflikt.

Betörende Bildwelt

Isolde Ohlbaums Fotografien des Englischen Gartens sind eine Begegnung mit der Inszenierung von Natur. Ihre Bilder legen die Ordnung von aufeinander bezogenen Orten frei, die Inbilder des Geistes und die Erzählungen und Sehnsüchte, die von den weiten Perspektiven und großen Wolkenhimmeln angefacht werden, sie erkunden die Vielgestaltigkeit der Bäume, loten das Greifbare, das Malerische und das Ungreifbare, das Wilde des Gartens aus, sie dokumentieren das Befreiende und folgen hier und da dem Abschirmenden von Büschen und Sträuchern. Und immer wieder sind sie dem Punkt auf der Spur, an dem sich äußere und innere Landschaft berühren.

© Isolde Ohlbaum

Selbstporträt: Isolde Ohlbaum

"Der Englische Garten ist einfach wunderbar mit diesen vielen kleinen Bächen, kleinen Weihern – und auch, weil er direkt an der Isar liegt", sagt die berühmte Fotografin. "Und der Englische Garten ist ja eigentlich eine Oase und hat was Paradiesisches, das heißt, man hat so ein bisschen auch die Vorstellung von Arkadien, wenn man das sieht." Sie habe ihre Bilder, für die sie zwei Jahre im Sommer wie im Winter durch den Englischen Garten gelaufen sei, einmal dem Autor Hans Pleschinski gezeigt. Der beschrieb, was er sah, als "hinreißend betörende Bilderwelt, eine Mischung aus Florentiner Boboli-Gärten und Amazonien." Und auch Ohlbaum entdeckt in diesem Park manchmal etwas fast Urwaldhaftes.

Kritik an Gebührenordnung

Die Exzentrik des Englischen Gartens. Auch das Fotografieren, so definierte es Susan Sontag einmal, sei eine Form der Übertreibung. Leidenschaft und beharrlicher Wahnsinn gehören dazu. Damit stieß Isolde Ohlbaum nun auf Granit bei Behörden und Verordnungen, auf Bürokratie. Ihre Fotografien vom Englischen Garten werden aller Voraussicht nach nicht an die Öffentlichkeit gelangen, denn der Englische Garten ist, was seine Abbildung betrifft, kein Allgemeingut mehr, sondern untersteht der Bayerischen Verwaltung der Staatlichen Schlösser, Gärten und Seen.

Isolde Ohlbaum: "Und wenn ich die Bilder veröffentlichen will, sind sie honorarpflichtig zugunsten der Schlösser- und Seenverwaltung. Es gibt eine Gebührenordnung. Und als ich dieses Projekt dann einem Verleger angeboten habe, hat der abgewinkt und gesagt: 'Ja, wenn Sie einen Mäzen finden, der die Gebühren von etwa 10.000 Euro übernimmt, dann können wir das Buch gerne machen.' Und wenn ich mir diese Gebührenordnung ansehe, steht das in gar keinem Verhältnis zu dem Honorar, was ich zum Beispiel für so eine Arbeit, die zeitintensiv ist, bekommen würde. Ich habe es mal ausgerechnet, wenn es jetzt zum Beispiel 2.000 Exemplare bei einem Ladenpreis von 30 Euro gibt, dann würde die Schlösserverwaltung 9.000 Euro bekommen und ich hätte ein Honorar von 4.800 Euro. Ich finde, das steht in überhaupt keinem Verhältnis mehr zueinander."

© Natasha Heuse/BR

Monopteros im Englischen Garten

Es wird "stets im Einzelfall" geprüft

Eine Schieflage: Die renommierte Fotografin würde für ihre Arbeit kaum honoriert werden. Aber wie kann es sein, dass sich die Bayerische Verwaltung der staatlichen Schlösser, Gärten und Seen einen Prachtbildband über den Englischen Garten entgehen lässt? Er würde doch den Ruhm des Gartens mehren, ihm alle Ehre machen und ihm ein fotografisches Denkmal setzen. Ein Bildband wäre eine künstlerische Dokumentation, die Gewicht hat für die Öffentlichkeit und die Nachwelt. Isolde Ohlbaum ist eine der großen deutschen Fotografinnen, die ihre Kunst, Menschen ins Bild zu setzen auf die Landschaften, Bäume und Blumen des Englischen Gartens ausgedehnt hat.

Die Bayerische Verwaltung der Schlösser, Gärten und Seen zeigt sich davon jedoch unbeeindruckt und ließ dem Bayerischen Rundfunk folgende Stellungnahme zukommen: "Für die Verwendung von Abbildungen von Objekten der Schlösserverwaltung erhebt die Schlösserverwaltung Nutzungsentgelte, die einheitlich und verbindlich festgelegt sind. Die Höhe der Nutzungsentgelte hängt dabei von der jeweiligen Nutzungsart ab. Dies ist aus haushaltsrechtlichen und verfassungsrechtlichen Gründen geboten. Dabei wird stets im Einzelfall geprüft, ob eine Gebührenermäßigung gewährt werden kann. Ermäßigungen für reine Bildbände, wie es bereits viele über unsere Sehenswürdigkeiten auf dem Markt gibt, können leider nicht gewährt werden."

Zum Englischen Garten gibt es allerdings kaum Publikationen, ein Prachtbildband indes fehlt ganz. Eine Lücke, die mit Isolde Ohlbaums Buch geschlossen werden könnte, aber, so schrieb es Kafka, "dort oben ist die Behörde in ihrer unentwirrbaren Größe."

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